Zum Totalausfall des geistigen Interesses an #C

Woher rührt das stupende Wegschauen in Sachen Sinngebung und Bewertung, die beinharte Dethematisierung von Themen wie Trost oder Deutung, von langfristiger Konsequenz – etwa in Sachen Planung und Vorschau –, was das pandemische Geschehen anbelangt?

Angebote aus der Ratschlagsszene, die #C-Krise für Neues und Gutes zu nutzen, überschwemmen die Nachfragenden. Sollten wir der Pandemie nicht womöglich dankbar sein? Schubst uns das Virus nicht in ein besseres Leben? Haben wir nicht »verstanden« – und vor, ab jetzt vieles anders zu machen? Werden wir uns nicht vor den Kopf schlagen: „Warum haben wir das Gute, das so nahe liegt, nicht gesehen?“ Wächst nicht gerade das Rettende auch, und zwar aus der Katastrophe? Wo wären wir zum Beispiel ohne #C während der Arbeit? (Viele entgegnen: „Im Homeoffice und auf Zoom bestimmt nicht!“)

So viel zur Meinungsblase. Und zu Fragen, die steinalt sind. Menschen beschäftigen sich damit, seit sie denken können, und haben sehr viele verschiedene Antworten darauf produziert.  Auf sie lohnt ein Blick, der jedoch nicht riskiert wird. Warum nicht? Material genug hätten wir, aus Jahrtausenden. 

Die Gründe sind extrem komplex. Wir werden uns bei den großen Fragen hier deshalb mit Reduktion und Vereinfachungen begnügen müssen (der Rest steht in unseren Büchern, zu Sensemaking folgt eines in Kürze). Auf die Idee, unsere eigene Vergangenheit zu konsultieren, um Herausforderungen zu meistern – „Memories of the future“ (David Ingvar) zu nutzen, wie das zukunftsforscherisch heißt – kommt nur, wer die menschliche Gattung als Spezies mit einer Jahrtausende alten Geschichte akzeptiert, als eine Lebensform mit Genese und Entfaltung, und sie in dieser Hinsicht ernst und »für voll« nimmt. Als eine Gruppe von Lebewesen also, die irgendwann aus dem Urschlamm herausgekrochen ist, sich entwickelt, in unterschiedliche Pfade aufgespalten und letztlich – bis heute – so unglaubliche Dinge geschaffen hat wie Bach-Kantaten, den Eiffelturm oder die ISS. Damit so etwas möglich ist, müssen Exemplare unserer Gattung Vorstellungen kreieren. Fantasien, Träume, Geschichten. Für Akademiker: Fiktionen, Narrative und Story-Lines. Der Weg vom Urschlamm zum Mars führt über Gedankenexperimente, also Geist und Bewusstsein. Eines der zahlreichen Abfallprodukte dessen heißt zum Beispiel Technik.

In dieser Sichtachse ist die Antwort dann ganz einfach. Wenn eine Gesellschaft an Geist und Bewusstsein so ziemlich als allerletztes Interesse hat, und sich lieber beschäftigt mit:

  • dem Meistern aktueller „Herausforderungen“
  • dem aktiven Vermeiden und Tabuisieren banger Fragen („weg mit »Problemen« und den zahlreichen Dystopikern!“)
  • Antworten („Fragen haben wir schon genug“)
  • „konstruktivem“ Mittun („bist du Teil der Lösung oder Teil des Problems?“)
  • optimistischen Zukunftsvisionen (enegetisieren, motivieren!)
  • sowie vielgestaltigen behavioristischen Strategien und Technologien, sozial erwünschte Self Fulfilling Prophecies in Gang zu setzen (Nudging, Aufmerksamkeit lenken, Buzzwords streuen), um Automatismen und sich selbst verstärkende aktivistische Eigendynamiken zu erzeugen („Handelt! Unternehmt etwas! Krise als Chance!“),

ist der Abgrund an Desinteresse hinsichtlich des aktuellen Human-Geschehens nicht mehr verwunderlich. Denn dann werden die für unsere Spezies „wirklich-wirklich wichtigen“ Fragen (Frithjof Bergamann / New Work) erst gar nicht mehr gestellt. »Wollt ihr herumgrübeln oder endlich anfangen, etwas zu tun?« Das sitzt!  Bloß erhält man auf alte Glaubenssätze und die falschen, weil überkommenen Fragen von Gestern auch bei höchster Anstrengung immer nur – für das neuartige Hier und Jetzt – falsche Antworten. Und dass, um vorwärts zu kommen, wir uns immer erst auch an etwas erinnern müssen, steht heute nur noch in Märchenbüchern. 

Eigentlich ist der Totalausfall eines geistig-geistlichen Interesses am Thema Corona-Pandemie also nicht überraschend. Sondern die logische Konsequenz bzw. selbstverständliche Flankierung der gegenwärtigen Grundorientierung westlicher Gesellschaften. Wir würden es uns freilich zu einfach machen, dafür einmal mehr auf den Kapitalismus (oder irgendein System) zu schimpfen: Der braucht eine ganz bestimmte geistige Basis, andernfalls würde er nicht so florieren.  Das Problem liegt also tiefer – und ganz woanders.  Wenn wir uns trauen, es ins Visier zu nehmen, ergeben sich völlig neuartige Perspektiven, auch für die Wirtschaft. Ganz nebenbei zum Beispiel für bioökonomisches Handeln.

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