Blick in die Anthropologie II. Krisenbewältigung früher

Teil II / II: Wie unsere Vorfahren mit Krisen umgingen

Die Pandemie und ihre sich abzeichnenden Konsequenzen treiben inzwischen Fragen nach einer Beurteilung, nach Einordnung und Bewertung auf die öffentliche Bühne. Aber wie macht man das: Eine Pandemie »beurteilen«? Gibt es Benchmarks? Welche Vorbilder für »Purpose« haben wir – haben wir überhaupt welche?

Für die humanwissenschaftliche Zukunftsforschung ist diese Frage so kurios wie sie kurzerhand zu beantworten ist: Wir haben uns. Also: Wie gingen unsere Vorfahren mit grundstürzenden Ereignissen um? Virologie gab’s noch nicht. Das Rezept ist (wie immer in dem hier vermessenen Gelände) kindereinfach. Das Schwierige liegt in dem dichten Schleier, den wir seit einigen Jahrhunderten darüber ausbreiten. Es gibt ein akademisches, allgemeingültiges Label dafür und ein praktisch-strategisch-insrumentell gemeintes: Generativität auf der einen, Eingebundensein auf der anderen Seite:

    1. Häufig wird unter Generativität  das Bemühen verstanden, etwas an andere Generationen weiterzugeben – etwa durch die eigenen Kinder, die Vermittlung von Wissen, politisches Engagement, künstlerische Tätigkeit u.v.m. Das Bild: Eine Menschenkette, die physische oder geistige Gegenstände quasi in kleinen Eimerchen weiterreicht. Die Zukunftsforschung versteht das anders, anthropologisch: Weitläufiger, sozusagen plus Tiefe. In der Perspektive von Sinn, Bedeutung oder Rückbindung (re-ligio) meint Generativität das Eingedenken an die, die vor uns waren, und an die, die nach uns kommen. Hier geht’s um Zeitlogik. Generativität bezeichnet eine unendliche »horizontale« Verbindungslinie durch unsere Spezies hindurch, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unlösbar miteinander verknüpft; einen Bewusstseinsfaden, der uns Menschen rückbindet an unsere Gattung, die aus einer unbestimmbaren Frühe kommt und wer-weiß-wohin geht (der Mars ist für einige inzwischen ernsthafte Option). Wir geben in diesem Blickwinkel nichts Heutiges an Zukünftige weiter (Wissen, Ressourcen usw.), sondern bereichern unser Gattungsbewusstsein – und das ist immer da, zeitlos-eigenzeitlich, nicht in Blöcke à la gestern-heute-morgen unterteilt. Bewusstsein in diesem Sinne bezeichnet eine unendliche plane Ebene, ein Potenzial, das wir heben oder auch vergessen, links liegen lassen können. Generativität steht für die kollektive Entscheidung für Ersteres: Unser Gattungsbewusstsein eingedenk seiner langen Geschichte in seiner Wirkmächtigkeit kontinuierlich aufzustufen – als zivilisatorisches Projekt durch alle Zeiten. Westler nennen das inzwischen Aufklärung. – Die schlechte Nachricht: Das funktioniert nur, wenn sich Menschen für Menschen interessieren (und nicht nur für die vielen kleinen Eimerchen mit den »Gegenständen«, die in jeder Generation weitergereicht werden).
  1. Für Menschen ist seelisch nichts Wichtiger als das Gefühl des Gebrauchtwerdens und Eingebundenseins . Diese Erkenntnis lässt sich praktisch nutzen – etwa, indem jungen Mitarbeitern verpflichtend ein Ehrenamt aufgebrummt wird („In unserer Firma achten wir auf soziale Verantwortung“!). Denn von selbst tun die meisten das nicht (mehr) und die Erfahrung als solche wird fast immer als wertvoll empfunden. Oder es wird empfohlen, unter #C für die ältere Nachbarin einzukaufen. Der dünner werdenden Decke bzw. Degeneration unseres Bewusstseins in Form eines hochspezifischen Vergessens, nämlich Teil von etwas Ganzem zu sein, ohne das man selbst nichts ist; zu einer Gruppe dazuzugehören, ohne dafür erst etwas leisten zu müssen – dem Gefühl, das dieses Vergessen erzeugt, steuern westliche Gesellschaften längst strategisch-instrumentell gegen. Wir perfektionieren eine hohe, wissenschaftlich immer besser untermauerte Kunst, Menschen in ihrem latenten Empfinden sozialer Nutzlosigkeit gut proportionierte Sinnhäppchen anzubieten (oder, siehe Ehrenamtsverpflichtung etwa in Beratungsfirmen, per Weisung auf die individuelle Agenda zu setzen), um zwischendurch immer mal wieder Bedeutung und soziale Wichtigkeit anzutriggern. Das hilft, Gefühle von sozialer Oberflächlichkeit, eines Mangels an Bindungstiefe oder unbestimmte Ahnungen von Wertlosigkeit oder Beliebigkeit sozialer Bindungen unter der Oberfläche zu halten. (Die Quantität an Kontakten ist für Menschen der Moderne nicht längst mehr das Problem und, zumindest generationenweise, inzwischen kommunikationstechnologisch sichergestellt.)

Unter #C und im Lockdown bricht dieses Gefühl voll auf. Der Dimmer funktioniert nicht mehr gut.

 Was uns die Anthropologie lehrt: Wenn Menschen »generativ« leben dürfen und sich eingebunden fühlen – wenn sie wissen, dass sie sind, weil andere sind – überstehen sie Krisen recht gut. Krisen als solche sind nicht unser Problem (sonst gäbe es uns längst nicht mehr), die Frage ist vielmehr die nach der Beziehungsqualität.  Also nach humanen Merkmalen der Gruppe. Das bezeugen Geschichtsbücher, alle uns bekanntem Kulturen, Religionen und Mythen gleichermaßen. In der humanwissenschaftlichen Zukunftsforschung heißt dieses rare Phänomen Beziehungsintelligenz. Bei uns stirbt sie in atemberaubendem Tempo aus. Wenn sich das in die Firmen hinein erweitert, bekommen wir gravierende Probleme mit Loyalität, Bindung, dem viel gepriesenen »Vertrauen« und »Commitment«.

Next Sensegiving: Setzen wir etwas an die Stelle dieses raren Phänomens – und falls ja, was ist das?

Deep Futures on the way

#C Bedeutung geben

Zum Sensegiving-Blog

Informationen zum Anmeldeverfahren, Versanddienstleister (europäisch), statistische Auswertung und Widerruf unter Datenschutz. Durch die Anmeldung erklären Sie sich mit der statistischen Erfassung Ihrer Daten einverstanden. Zum Impressum