Wissenschaftliche Purpose-Forschung: ambivalent

Neuere Wissenschaften im Umkreis der Neuro-Forschung liefern beinahe täglich Einsichten in kognitive Verzerrungen, Fehlproduktionen unserer »Festplatte im Kopf«, Denkfehler. So sorgt beispielsweise der „Confirmation Bias“ dafür, dass wir automatisch neue Informationen so filtern, dass unsere bisherige Sichtweise intakt bleiben kann – ein eigentlich cooles Feature unserer Psyche, die eine stabile Identität braucht. Solches Wissen ist für unsere Alltagsentscheidungen nützlich, für die Wissenschaften insgesamt jedoch hoch problematisch. Der Grund: Das, was wir seit Jahrhunderten so stolz präsentieren – dass Wissenschaft sich um Wahrheit, Solidität und Realitätsbezug bemühe –, löst sich Stück für Stück auf. Die Naturwissenschaften haben erst vor ca. einhundert Jahren dieses Desaster substanziell aufgedeckt (Quantenphysik, Relativität), ganz schnell reagiert und steuern seitdem gegen. Die Sozial- und Geisteswissenschaften hingegen engagieren sich im Aussitzen.

Untersuchungen belegen beispielsweise, dass – wenn Werte auf dem Spiel stehen – dies häufig als legitimer Grund gilt, Evidenz zu ignorieren. Stattdessen werden erwünschte Haltungen verteidigt, auch wissenschaftlich. Ist ein Anliegen heilig, dann muss es auch mit festem Fundament in der Realität verankert sein, alles Andere wäre empörend und ist kaum vorstellbar.

Bei Sinnfragen geht es zentral um Werte. Die meisten Menschen akzeptieren zwar, dass unser Blick auf die Realität durch Vorannahmen, Wünsche, Hoffnungen, Gruppenloyalitäten usw. verzerrt ist, sind aber der Überzeugung, dass dies für sie selbst nicht zutrifft. So unterstellen sich politische Gegner beispielsweise gern, dass der jeweils andere die Wissenschaft oder Fakten nicht ernst nähme. Bloß präferieren beide Lager unterschiedliche Themen und greifen deshalb auch in unterschiedlichen Bereichen auf Wissenschaft zurück. Der Wissenschaft glaubt man eben immer dann gern (und manche eben auch nur dann), wenn sie die eigene Weltsicht bestätigt, alles andere ist „Fake“.

Wissenschaft über Wissenschaft
In einer neueren Studie haben Forscher dieses Gelände aufgebohrt. Ihren Probanden legten sie konfliktreiche, ambivalente Ereignisse vor: Wenn eine Freundin womöglich ein Delikt begangen hat, sollte man ihr dann noch loyal zur Seite stehen? Oder wenn einem nachts in einem Stadtviertel, in dem 80 Prozent der jungen schwarzen Männer in kriminellen Gangs organisiert sind, ein Schwarzer folgt: Sollte man sich fürchten oder verbietet sich solches Denken, wäre das rassistisch? Die Frage an die Probanden lautete, wie andere Menschen diese Situationen idealerweise bewerten sollten. Die Antworten hingen davon ab, was den Probanden selbst als ethisch korrekt und wünschenswert galt. Andere sollten die Sache bitte schön so sehen wie man selbst. Und da es hier um Werte ging, war es tendenziell sogar in Ordnung, wenn andere die Evidenz in ihrem Sinne „korrigierten“. Im Namen des Guten ist ein verzerrter Blick auf die Realität akzeptabel, häufig sogar erstrebenswert, zu begrüßen. Was das für die Purpose-Forschung bedeutet, lässt sich grob erahnen. Denn weil die Menschen ganz unterschiedliche ethische Werte bevorzugen bzw. ganz oben in ihrem Ranking verorten, produzieren wir alle miteinander ständig „alternative Fakten“ – das ist das Problem auch von Purpose-Forschung. Beunruhigende Frage: Funktioniert Wissenschaft hier überhaupt? (Korrekter: Funktioniert hier klassische Wissenschaft?)

Im nächsten Artikel loten wir aus, wohin das führt. Kann man Purpose-Forschung also vergessen, darf man sie ignorieren? Nein, selbstverständlich nicht, aber es gibt ein paar Dinge dabei zu beachten.

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