Purpose oder: Über den Wert von Leben

Was hat Purpose mit dem Lebens-»Wert« zu tun?

Was ist der Wert von Leben? Das Leben, könnte man antworten. Es leben zu dürfen. Das haben Diktatoren und Rassisten freilich schon immer anders gesehen; und neben ihnen auch optimistische Gentechnolog:innen oder synthetische Biolog:innen. Kürzlich erschien eine Studie zu diesem seltsam heiklen Thema – ein Vergleich von Reaktionen von Erwachsenen und Kindern. 230 Erwachsene, die im Schnitt 37 Jahre alt waren, und ca. 200 Kinder zwischen 5 und 9 Jahren sollten angeben, wen sie eher von einem sinkenden Schiff retten würden, Mensch oder Tier (mal Hund, mal Schwein). Auf dem ersten Boot befand sich immer nur 1 Exemplar, auf einem zweiten Boot 1, 2, 10 oder auch 100.

Das Ergebnis bei den Erwachsenen war klar und  eindeutig: 85 % wollten den Menschen retten, 8% den Hund (das Schwein rangierte unter ferner-liefen). Bei den Kinder war das Verhältnis fast 50 : 50. 35% votierten für den Menschen, 28 % für den Hund, der Rest konnte sich nicht entscheiden. Ging es um mehrere Hundeleben, kippte die Waage kontinuierlich in Richtung Tier: 71 % der Kinder wollten lieber 100 Hunde retten als einen Menschen. (Erwachsene entschieden sich mit 61% auch hier noch für den Artgenossen.) Unterliegen Kinder etwa noch einem Selbstmissverständnis, das „Bildung“ später ausbügeln wird? Heureka – der Hunde-Bias?

„Im Schnitt neigen Kinder nicht dazu, Menschen den Hunden vorzuziehen“, heißt es in der Deutung lakonisch. Die Wissenschaftler wollten daraufhin herausbekommen, woran das Ergebnis liegt – also was genau die moralischen Urteile jeweils beeinflusste.

  • Kinder: Es kommt darauf an, wie viel Kontakt sie zu Hunden hatten.
  • Erwachsene: Das ist gleichgültig. Was stattdessen durchschlägt: Wie intelligent ist das Lebewesen? (Was die Kinder wiederum mäßig bis kaum interessierte.)

»Wozu Bildung gut ist« im Vergleich zu »was sie anrichtet«

Wir zitieren diese Studie nicht deswegen, weil sie ein tief verwurzeltes Mantra (= Glaubenssatz) der Wissenschaft reißt, demzufolge der besondere Wert menschlichen Lebens angeblich tief in unserer Moral verwurzelt liege, quasi seit Urzeiten (also nicht sozial geprägt sei). Diese Widerlegung wäre zwar schon interessant genug, aber die Wissenschaft lernt schließlich und kann besser werden. Noch interessanter finden wir die Deutung der Wissenschaftler – die erst gar nicht auf die Idee kommen zu lernen, sondern bemüht sind, ihren Glaubenssatz zu immunisieren. Sie vermuten, dass Kinder erst im Laufe der Zeit allmählich zu der Überzeugung (!) gelangen, dass Menschen eine moralische Sonderstellung einnehmen. Wer hier zu lernen hätte, seien die Kinder, wir nennen es Sozialisation.

Uns scheint das offen. Möglich, dass hier etwas schiefläuft. Für Kinder zählen Beziehung, Kontakt, »Bindung haben zu…«, kennen oder »bekannt sein mit…«, gar befreundet sein oder lieben. Erwachsene, die wissen, wie der Hase läuft, veranschlagen stattdessen dasjenige Kriterium, das wahr, richtig und wissenschaftlich valide ist: Intelligenz. Damit kann man nichts falsch machen. Eine Art moderne Religion und sehr erwachsen.

The other way round

Lassen wir diese Art der Wissenschaft und wechseln zur Praxis. Unternehmen, die sich für humane Unternehmensführung und Purpose interessieren, könnten bioökonomische Denkmuster ernstnehmen, also die lange Vorgeschichte der „oeconomia naturae“, die aus den ökonomischen Wissenschaften weitgehend vertrieben ist. Für wie zweifelhaft oder nachrangig unsere Wissenschaften, auch die ökonomischen, Bindungsfragen auch immer halten mögen (und, wie man sieht, auch über hinreichend Begründungskapazitäten verfügen, dies aufrechtzuerhalten): Von Haus aus setzen Menschen auf ihr Empfinden von Eingebundensein, nicht auf Rationalität (homo oeconomicus). Bis sich das überall herumgesprochen hat, wird es noch Jahrzehnte dauern. Bis dahin könnte eine zukunftsrobuste Strategie sein, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen: Eine wenig erfolgversprechende, nämlich die traditionelle Praxis versucht, eins von beiden zu disqualifizieren. Sie müssen das nicht mitspielen. Menschen können bindungssensibel und trotzdem vernunftbewusst sein – und dabei sogar rechnen.

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