Krisenbewältigung durch Erwartungs-Management

Über modische Versuche, der Gesellschaft Druck zu machen. »Tu was, sonst wird’s noch schlimmer!«

Hier geht es um eine Verkaufsmasche, die so alt ist wie die Menschheit: Schlechtes Gewissen zu treiben, war schon immer eine Erfolgsstrategie. Auf schlau schimpft sich das „Erwartungsmanagement“. Ein Groß-Label der letzten Jahre in Sachen Sinn-Nordung war die Wendung von der VUCA-Welt. In unseren Tagen sei die Welt schwankend (volatil) geworden, ungewiss, komplex, mehrdeutig (ambiguös). Wir kennen Phänomene wie Postfaktizität und Fake News, Paradoxien liegen seit Jahren im Trend, Menschen glauben lieber an Verschwörungen der kuriosesten Sorte als „an diese Regierung“ u.Ä.m.

Das Akronym VUCA stammt aus dem Militär und ist Jahrzehnte alt. Vorteil: Es bringt die Unsicherheit in Sachen Planung und Weitblick auf den Punkt und bleibt dabei neutral. Ob dieser Wandel gut oder böse ist, wird nicht bezeichnet – die Situation ist eben so. Für »Verkaufe« also deutlich zu wenig.

The Next »Schlechtes Gewissen«
Für hysterische Zeiten wie unsere (Anthropozän!) besteht also Handlungsbedarf. Auch die Groß-Label unterliegen Moden und nehmen gerade einmal wieder Fahrt auf. Der neu-radikale Vorschlag: BANI statt VUCA. Die Katastrophe unserer Tage ist hier praktischerweise gleich reindefiniert, von Neutralität keine Rede mehr. Die Welt sei mittlerweile brittle (brüchig und spröde), anxious (wir sind ängstlich und hilflos), non-linear (alles geschieht gleichzeitig und widersprüchlich), und, das Wichtigste: incomprehensible. Lass alle Hoffnung fahren. Vergiss jeden Anspruch, dieses heraufdämmernde Desaster auch nur ansatzweise verstehen zu wollen. Vernunft? Purer Romantizismus.

Ist das hilfreich? Nun, es kommt darauf an, wofür. Um Desorientierung zu triggern, schlechtes Gewissen heraufzubeschwören und das Gefühl von Selbstunwirksamkeit und Selbstentmächtigtsein zu suggerieren, damit sich der Wunsch nach Unterstützung festige, erlernte Hilflosigkeit womöglich zu neuer Blüte treibe – mag sein, dass BANI dabei hilft. Für ein gesellschaftliches Interesse an kollektiver Orientierung hingegen, an einer gemeinsamen Sinn- und Handlungsachse, was jetzt zu tun sei, einer Arbeit am Purpose, eher nicht. Denn vor lauter mentalem Schlottern wären wir BANInesen dazu wohl kaum in der Lage.

Mitdenken hilft
Als tief regressive Aufklärer möchten wir kurz auf die Intelligenz militärstrategischen Denkens verweisen (nicht nur die Zukunftsforschung, auch das VUCA-Label kommt daher). Wer sich dafür interessiert, lese »2034« von US-Admiral James G. Stavridis. Überzeugung hier: Die größte Gefahr für den Westen seien die innere Polarisierung, die gegenseitige Entfremdung (USA – Europa), die freiwillige Dissoziation durch Hysterie, Schaumschlägerei, dystopische Übertreibungen und Fiktionen. Alle handelten nach ihrer eigenen Logik und hyperstasierten diese auch noch stetig – das sei der Grund für eine mögliche Katastrophe. Sein Vorschlag: Wir bräuchten mehr Fantasie, uns in die jeweils andere Seite hineinzuversetzen, Antizipation plus Empathie, Gespräche, Verhandlungen, Verträge. Reden. Von Ängstlichkeit und einem Kotau vor uns selbst, der westlichen Vernunft, sowie von neuen dystopischen Welt-Labels, schreibt er nichts.

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#C Bedeutung geben

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