Purpose-Debatte: Ist Sinn überhaupt gefragt?

Die Antwort ist kompliziert.

Im letzten Blog-Beitrag haben wir über ein verdecktes Reaktionsmuster auf das Thema Purpose geschrieben: Darüber, dass viele Menschen ein über das Gegenwarts- bzw. Gewohnheitsmaß an Lebensqualität Hinausweisendes als eine Art Marotte abtun; es auf ein rein individuell-subjektives Bedürfnis zurückführen, das in unseren Tagen beginnt, aus der Norm zu fallen („behalt es für dich“). Im besten Fall: für eine Schrulle. Häufig inzwischen: für etwas Peinliches. Künftig vielleicht für etwas, dass man Öffentlichkeit oder gar Unmündigen (Kindern) erst gar nicht zumuten sollte. Ein Slippery Slope in Richtung Normierung also. Der Name dafür auf schlau lautet Säkularisierung.

Zukunftsforschung heißt in der populären Mainstream-Variante, nach vorn zu schauen, und nur nach vorn. Was davon zu halten ist, hängt davon ab, wie man das »Vorne« verkauft. Im Trend liegt, solche heiklen Fragen in das Zukunftslabel vom »Neuen Wir« zu packen. In diesem »Vorne« rückt die Menschenfamilie näher zusammen, ein großes WIR wird kommen, ganz viel neues Denken ist gefordert, wir ruckeln uns kollektiv zurück auf das Spielfeld, das wirklich zählt. Resilienz boomt, und in dem ganzen Gemaggel wollen wir auch den Optimismus nicht vergessen.

Das ist eine hübsche Zwergenversion von Sinn und Bedeutung, ohne soziales Risiko, ohne Schrullen-Stigma. Und ist das etwa falsch? Nichts spricht dagegen: Denn derzeit kann keine Rede davon sein, dass die Menschen innerlicher würden, dass Religion boomen würde, dass deshalb die Kirchen vernehmlicher würden (im Gegenteil: unter #C war von ihnen – sofern man selbst nicht einem inner circle angehört – nichts zu hören). Was hingegen boomt, sind Esoteriker, „Querdenker“ und allerlei selbstgebastelter Unsinn. Eskapismus: Ja bitte!, aber es gibt keine Anzeichen für einen breiten Bedarf an authentischen, glaubwürdigen Sinnangeboten. Die zahllosen Sinnfragen derzeit sind strikt individualistisch – und genau deshalb, weil sich hinter diesen ganzen Singularitäten tatsächlich häufig nichts anderes als Schrullen verbergen, gehen Menschen auf Distanz.

Nicht bloß kompliziert, sondern auch komplex

Woran man sieht: Die Lage ist sogar komplex. Es gibt nicht nur sehr viele Grüppchen, die am Rand von Purpose-Fragen surfen, sondern auch wissenschaftliche und laienhafte Fraktionen, ernsthafte und esoterisch-idiosynkratische, individuelle und kollektive, institutionalisierte bzw. öffentliche und private. Miteinander vergleichen lassen sie sich nicht. Ob es tiefere spirituelle Bedürfnisse nach #C gibt, wissen wir also nicht. Sie werden womöglich nicht gezeigt, weil sehr vieles, was in diese Richtung weist, für die meisten nicht satisfaktionsfähig ist. So bitte nicht! Also hält man sich fern, sowohl von vielen Grüppchen als auch vom Outing.

Auch das gehört zur Purpose-Debatte: Man kann sich am Thema nicht nur die Finger verbrennen, weil es angeblich intim und persönlich ist, sondern weil das gesamte Thema in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend ins »Spinnerte« kippt. Und wenn Sinnfragen sowohl ins Übergriffige als auch ins tendenziell Verrückte rutschen, ist die Debatte über Chancen und Risiken in weltanschaulich neutralen Wirtschaftsorganisationen eben schwer. Warum sollte man sich auch noch peinliche Themen ins Haus holen?

Ist das Thema damit erledigt? Nur eine Inszenierung von »Schrullendummheit«? Unser Eindruck ist ein anderer – aber solche, die die Relevanz dieser Frage sehen und mittragen, die diese Frage also selbst stellen, müssen sie sich erst einmal wieder zurückerobern. Ganz unabhängig von den Argumenten, die wir dann erst austauschen können.

Auch das noch! So gar nicht einfach ist das alles.

Next: Ende dieses Blogs: Unsere Schlussbilanz

Deep Futures on the way

#C Bedeutung geben

Zum Sensegiving-Blog

Informationen zum Anmeldeverfahren, Versanddienstleister (europäisch), statistische Auswertung und Widerruf unter Datenschutz. Durch die Anmeldung erklären Sie sich mit der statistischen Erfassung Ihrer Daten einverstanden. Zum Impressum