Apple-Aktie geht durch die Decke

Apple hat es also geschafft. Das Unternehmen hat Microsoft nun für alle sichtbar auf die Plätze verwiesen: Sein Wert ist höher als derjenige der TOP-10 im Dax zusammen. Siemens, VW, Daimler, Bayer, BASF, Tele-kom usw. − alles Peanuts gegenüber einer Marke, die den Technologietreiber Nummer Eins (IuK-Technologie) professionell und oberschichtig wie kein anderes mit Kultstatus und individuellem Reputationsgewinn auflädt.

 

Rein technisch gesehen sind andere genauso gut. Bei Apple zählt allerdings nicht nur das schnöde WAS, sondern in erster Linie das WIE. Fans bejubeln Usability, pures Design und den spirituellen Touch der sündigen, verführerisch schönen Produkte. Sie kaufen eben kein Produkt, sondern ein „lebendiges“ Persönlichkeitsattribut. Eigentlich − bei den meisten anderen Anbietern technischer Produkte − steht Technik nämlich für Leblosigkeit und Maschinenwesen. Für Kühle, Moderne, ein durch und durch säkulares Zeitalter. Für’s „Erwachsensein“.

 

Unsere moderne Welt ist diese Trennung in Lebendiges (Menschen und Tiere) und Totes (Dinge). Ein moderner erwachsener Mensch definiert sich geradezu dadurch, dass er an Naturgesetze und nicht an beseelte Dinge glaubt. Von allen, die diese Weltsicht nicht teilen, setzt er sich dezidiert und deutlich ab. Diese gelten als Esoteriker, Verrückte oder im besten Fall als Kindsköpfe; etwa, wenn jemand sein Auto wie eine Geliebte behandelt. Oder sein iPad wie einen Talisman.

 

Apple hat es also geschafft. Genauer: Solche Menschen (also uns alle) trotz Konsumorientierung nicht mehr wie Kindsköpfe oder Idioten aussehen zu lassen, sondern ihnen vielmehr etwa verloren Geglaubtes wiederzu-bringen und sie damit aufzuwerten: Dingen die persönliche Bedeutung zurückzugeben. Für genau diesen Mechanismus: Die Wiedereinführung der Magie der Dinge in unsere spätmoderne Konsumwelt, bezahlen Menschen heute viel Geld.

 

Nachvollziehbar. Aber auch klug, daraus wirtschaftliche Prognosen zu machen?

 

 

Erinnerung an die Zukunft – und die Glaubensbereitschaft daran

 

Bei Aktien geht es nicht um Wert, Mehrwert oder Kapitaltheorie, sondern um eine Wette auf die Zukunft. Wir investieren in einen Glaubenssatz: „Dieses oder jenes Produkt beziehungsweise Unternehmen hat Zukunft und wird Gewinn erwirtschaften“. Unserer Einschätzung nach.

 

Ginge es um die Vergangenheit, müsste zum Beispiel Opel heute glänzend dastehen. In Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders stand ein Opel Kapitän mit für Deutschlands Aufschwung – und für Träume davon, daran Anteil zu haben. Um Vergangenheit geht es aber nicht; und Opel dräut heute eine höchst ungewisse Zu-kunft. Worum es im Fall von Apple und dessen Aktien-Boom geht, ist vielmehr das morgen − sowie der Glaube daran, dass trotz des Abhandenkommens des ‚Big Leaders‘ Steve Jobs und trotz erster Signale, dass Apple derzeit Produkte eher verbessert als den Markt revolutioniert (inkrementelle Innovationen), die Bedeutung des Markenkerns Bestand haben wird. Dass Menschen also auch morgen noch viel Geld dafür zahlen werden, ein moderner Kindskopf sein zu dürfen – technologisch auf der Höhe der Zeit.

 

Dass dem so sein wird, ist in der Tat ziemlich wahrscheinlich. Der Geist der Zeit und zahlreiche Krisen-erscheinungen triggern diese Sehnsucht fortlaufend weiter. Von dieser Einschätzung aber im Eifer des spirituellen Gefechts − denn um einen verdeckten Kampf um Glaubenssätze geht es hier − gleich auch auf unternehmerische Wertbildung zu schließen, ist etwas ganz Anderes.

 

Siehe Facebook. Wer rechnen (und nicht nur glauben) konnte, wusste, dass Facebook jedes Jahr -zig Milliarden Euro Werbeerlöse einnehmen müsste, damit deren Kalkulation beim Gang auf’s Börsenparkett aufgeht (Details). Und dass das überhaupt nicht funktionieren konnte. Hat das den Goldrausch rund um Facebook irgendwie gestört?

 

Nein. Aber es hat zu seinem schnellen vorläufigen Ende beigetragen. Vor solchen Abenteuern im Unternehmer-land können Vorschauen bewahren − oder auch zuraten. Wir plädieren in diesem Land jedenfalls für einen kühlen Kopf anstatt für heiße Herzen und allzu viel Vertrauensseligkeit in die „Schwarmintelligenz“. Und kennen ein paar Tricks, die Blinden Flecken und toten Winkel, die es einem oft erschweren, die Gedanken runterzukühlen, zumindest ein Stückchen auszuleuchten.