Faul, überfordert – oder schlicht staatsgläubig?

Mediale Entrüstungsindustrie

Erklärungsversuche über den Stoizismus der Deutschen in Sachen Datensicherung gibt’s wie Sand am Meer. Je nach Situation wird zudem von den ‚Aufklärern’ unterschiedlich bis widersprüchlich fabuliert – Hauptsache, die Wogen der Erregung bleiben für’s zeitgeistige Entrüstungs-Surfen hoch. Man redet sich den Mund sandig, bis der Arzt kommt – der eigentlich ein Psychiater sein müsste, handelt es sich doch in den meisten Fällen um eine tsunami-große Schizophrenie, denn: Die schärfsten Kritiker der Elche sind fast immer selber welche! Man em-pört sich über die Späh-Aktivitäten von BND, NSA und anderen öffentlich-bezahlten Daten-Spitzeln, verzichtet im privaten Digitalverhalten jedoch mit unerschütterlicher Ignoranz auf den Einsatz von Anti-Spy-Programmen. (Selbst der ehemals oberste Datenschützer Deutschlands, Peter Schaar, gab jüngst zu, sich lediglich bei einem Cyber-Abgreifer, Facebook, ausgeklinkt zu haben; und dort auch nur, weil dieses (a)soziale Netzwerk alle Aktivitäten der Nutzer nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb seines Programms speichere.)

 

Und woher rührt nun diese Geistesspaltung? „Konservative“ machen gern die überbordende Komplexität im technischen Bereich verantwortlich („Man kann sich nicht überall auskennen können!“) oder schieben die allgemeine Lethargie auf Sachzwänge in der modernen Gesellschaft („Man kann heutzutage gar nicht den sozialen Netzwerken fernbleiben!“) – alles „Erklärungen“ in Ausblendung der Tatsache, dass die User es besser wissen und Alternativen oder Schutzmaßnahmen kennen. „Linke“ hingegen echauffieren sich über die Bequem-lichkeit ihrer Zeitgenossen („Man kann doch nicht den Spähprogrammen die eigenen Daten freiwillig in ihr Schwarzes-Daten-Loch stopfen!“), ohne selbst auf die Angebote der digitalen Großkonzerne zu verzichten, weil dort ja alles so schön bunt ist (was sich sozialkritisch prima skandalisieren lässt und es daher längst ins Kabarett geschafft hat).

 

‚Lechts-und-rinks’ wird also die allgemeine digitale Abklärung beklagt und praktiziert, mithin der Eingang des Menschen in die selbstverschuldete Cyber-Unmündigkeit; aber „Gefahr erkannt“ bedeutet auf diesem neu-modischen Sektor eben noch lange nicht „Gefahr gebannt“. So dass jüngst die Bundeskanzlerin mit erhobenem Zeigefinger riet, wir sollten uns (also unsere digitale Identität) doch einfach dem Richtigen anvertrauen: „Es kann nicht sein, dass die Bürger jedem Unternehmen ihre Daten geben, aber nicht dem Staat“ – wohl die zeitgemäße Anknüpfung der Pastorentochter A. Merkel an Jesu Diktum: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Evangelischer Kirchentag, Stuttgart, 05. Juni, Hauptvortrag: „Digital und klug?“).

 

 

Therapieformen: Predigen, verbieten oder „schubsen“

Lassen wir uns also mit Zeigefinger und ethischen Standpauken aus der Reserve locken? Muss man an uns nur besser moralisch appellieren – und dann klappt’s auch mit der privaten Datensensitivität? Schon ein kurzer Blick auf die Erfahrungen ideologischer Groß-Institutionen, die diese Mittel über lange Zeit hinweg eingesetzt und perfektioniert haben, macht skeptisch: Weder Kirchen mit ihren moralischen Kanzelpredigten und Appellen ans „reine“ Bewusstsein, noch die, die im realexistiert-habenden östlichen Großexperiment mit Parolen und Losungen den „sozialistischen Menschen“ mit „richtigen Bedürfnissen“ und „neuem Bewusstsein“ erschaffen wollten, errangen nennenswerte Erfolge bei dem Versuch, die „träge Masse“ zur Einsicht in die Notwendigkeit zu überreden.

 

Aber selbst wenn: Sofern sich beim Einzelnen und seiner Einstellung etwas wandeln würde, zöge das nicht automatisch eine konsequente und stringent-durchgehaltene Verhaltensänderung nach sich. Eindrucksvoll erforscht sind – im Gegenteil – mannigfaltige Techniken der irrationalen „Selbstbelohnung“, mit denen sich Menschen unliebsame Prinzipien passfähig und „machbar“ gestalten: Wer etwa ganz vernünftig stets mit dem Fahrrad zu seinem Bio-Food-Dealer strampelt und nur faire Regio-Produkte kauft, gönnt sich im Anschluss an diese Welt- (zumindest: Gewissens-) Verbesserung häufiger als andere etwas „Schönes“: Zum Beispiel einen Hamburger! (Forscherisch-neudeutsch heißt das „Licensing“.) Der Wink mit dem moralischen Zaunpfahl ist also weder besonders effektiv noch effizient. Sicher schon gar nicht.

 

Wenn dem aber so ist und die konventionelle staatliche Allzweck-Waffe des moralischen Verbots kein probates Mittel gegen die massenhafte freiwillige Netz-Entblößung darstellt – wäre hier nicht die Gelegenheit, das neuerdings viel diskutierte Instrument Nudge zum Einsatz zu bringen? Könnte nicht, statt vergeblich mit Befehlen Gehorsam oder mit Predigten verhaltensändernde Einsicht hervorrufen zu wollen, ein kleiner „Schubs“ die störrischen Cyber-Tunichtgute zur Datensicherung bewegen? Fragt sich allerdings noch, wie das ausgestaltet werden könnte. Worin würde der Schubs-Anreiz bestehen? Etwa wie bei ELSTER? Darin, dass die-jenigen, die ihre Steuererklärung elektronisch versenden und den Behörden dadurch Aufwand ersparen, zur Belohnung vorrangig bearbeitet werden – und als erste ihre Steuerschuld begleichen „dürfen“, während die Schlafmützen dazu verdammt sind, noch Monate länger auf ihrem Geld hocken zu müssen? Da ist noch viel Luft nach oben.

 

Offensichtlich funktionieren die alten Stellschrauben sozialer Steuerung immer häufiger nicht mehr, und die neuen sind noch in der Beta-Phase. Vielleicht ist das ein Vorgeschmack darauf, in welche Probleme wir künftig hineingeraten, wenn Mitbürger für bestimmte Aktionen motiviert werden sollen; ein Ausblick auf Situationen, die sich kaum mit überkommenen, unzeitgemäßen oder nachweislich untauglichen Denkschablonen von gestern lösen lassen.

 

Köll’scher Kampagnenvorschlag

Womöglich sind die „eigentlichen“ Gründe in Bezug auf die deutsche Datensicherungs-Abstinenz aber ganz wo anders verortet – und erfordern verstärkt ‚futurologische Fantasie’. Zum einen stimmen vielleicht viele mit den rheinischen Frohnaturen aus Köln und deren katholischem Gottvertrauen überein und setzen darauf, dass letztlich doch immer noch alles irgendwie geklappt hat (‚et hätt noch immer jot jejange’). Berlinerisch-kühler drückte diese weitverbreitete Haltung gegenüber alltäglichen Katastrophen Reinhard Mey aus: „Das passiert immer woanders, das passiert immer nur ander’n – und weit weg!“ Daten-Missbrauch? Nicht bei mir. Zum anderen gesellt sich zu dieser Einstellung die Erfahrung aus der „analogen“ Zeit, in der es die erste Daseins-berechtigung und vornehmste Pflicht des Staates war, seine Bürger gegen innere und äußere Angriffe zu schützen. Die digitale Welt wird immer noch weitgehend mit analogen, mitunter sogar nationalen Mustern bewältigt. Beide Einstellungen zusammen ergeben ein bemerkenswert kontrafaktisches Sicherheitsgefühl: „Meine Daten werden schon nicht in falsche Hände geraten – dafür wird letztlich der Staat sorgen!“ Seine Repräsentanten wie Herr Schaar fordern denn auch genau das.

 

Lässt man einmal außer Acht, dass „der Staat“ momentan in puncto Datensicherheit auch kein sonderlich souveränes Bild abgibt (Stichwort: Hackerangriff auf das Datennetz des Deutschen Bundestag, „Parlakom“) – wie könnte das politische System einen Schutz gegen kommerziellen Datenklau gewährleisten? Zum einen gibt es Forderungen, einen Konzern wie etwa Google verfassungsrechtlich wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu behandeln, also als Massenkommunikationsmittel, dem der Gesetzgeber auferlegen könne, freie Informationen bereitzustellen. Zum anderen wird von staatlicher Seite verlangt, etwa ein Alternativ-Medium zu Facebook – „WeBook“ – bereitzustellen und zu betreiben. Wenn die Kanzlerin derartige Ansinnen mit dem „Argument“ abfertigt, dass es in den Landtagen keine Mehrheiten für eine Gebührenerhöhung gäbe, dann staunt der politische Laie und der staatstheoretische Fachmann lacht sich tot ob einer solchen kompletten Ignoranz gegenüber den digitalen Umwälzungen und der Unkenntnis der primären Staatszielbestimmung – Schutz –, auch und gerade in Zeiten der (auch seitens der Regierungsbank!) so gern beschworenen „digitalen Transformation“.

 

Was allerdings dann doch noch zu berücksichtigen wäre: Der Staat kann bekanntlich „die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber“, sprich: Ohne Eigeninitiative beim Datenschutz wird es auch bei einer öffentlich-rechtlichen Gratisversorgung mit geschützten Alternativen nicht gehen. Aber schließlich haben uns der Alte Fritz ja auch das Kartoffelessen und Manfred Krug das Aktienkaufen schmackhaft gemacht. Stichwort ‚futurologische Fantasie’ also: Warum sollte uns dann nicht mit dem Slogan: „Ich bin drin – und mach´s mit!“ der Umstieg auf staatlich zertifizierte Programme (zumindest das kann sich unsere Regierungschefin immerhin vorstellen) zu vermitteln sein? Und als Testimonial für eine Kampagne, die Datensicherung zum Volkssport werden ließe? Na selbstverständlich der, den 90 Prozent der Deutschen zum Kanzler wählen und von dem 99 Prozent einen Gebrauchtwagen kaufen würden: Günter Jauch hat bekanntlich seit kurzem wieder Zeit…