Digitale Aggression

Hintergründe

 

Was fällt den Eliten derzeit zum Expansionsdrang der Silicon Valley-Unternehmen ein? Die Wirtschaftspresse amüsiert sich über das Investitionsgebaren („nicht nachvollziehbar“, „zum Scheitern verurteilt“). Trend-forscher fordern einen „digitalen TÜV“. Die EU will Google zerschlagen. Staatlich kontrollieren, prüfen, verbieten – als ob sich so der US-amerikanischen digitalen Aggression begegnen ließe.

  

Amerikaner mögen den Staat ohnehin nicht. Bereits die „Federalist Papers“ stehen für diese Haltung; man muss noch nicht mal eine Tee-Party dafür besucht haben. Ein bevormundender Staat, der den Bürgern erzählt, wie’s prinzipiell läuft; der die Einwohner von ‚God’s Own Country’ einschränkt, ihnen Eigenverantwortung nimmt und Selbständigkeit mindert (womöglich den Besitz halbautomatischer Sturmgewehre für jedermann verbietet!); der dem Tellerwäscher das „Window of Opportunity“ zum Millionär verkleinern würde, nur um allen zu mehr Sicherheit zu verhelfen – das ist das Letzte, was Amerikaner wollen.

 

Da US-Amerikaner sich somit nicht „natürlich“, also qua Geburt, im sozialen Gefüge fixiert sehen, können und müssen sie sich im Unterschied zu uns Zugehörigkeit zu ihrem state, ihrer local community oder Religion aussuchen. Sich aktiv einzubringen ist in den USA die Voraussetzung dafür, dazuzugehören. Der berühmte Spruch von Kennedy, oft zitiert, aber selten wirklich verstanden: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst“, bringt diesen gravierenden Unterschied in der sozialen Integration zwischen den USA und Europa auf den Punkt. Amerikaner sind radikal frei, aber verdammt zur aktiven Schaffung von Teilhabe. Der Begriff „Kommunitarismus“ bezeichnet genau das; die sozial tiefgelegte Einbindung in einzelne Gemeinschaften. In Europa gibt es dazu nichts Vergleichbares.

 

Wir hingegen haben den Staat erfunden. Im Gegensatz zu Amerikanern werden wir in staatlich „stählerne Gehäuse der Hörigkeit“ (Max Weber) hineingeboren und können uns darum auch nichts einzigartig aussuchen. Aber: Ein europäischer Bürger braucht sich deshalb auch weder zu einer Gemeinschaft, zu einem Staat, noch zu einer Religion bekennen (Europäer können das, müssen es aber nicht). Und: Wir haben auch nichts gegen eine uns übergeordnete Institution, die uns bewahrt oder behütet (wie sonst wäre Frau Merkels Dauer-Regentschaft zu erklären?). Das ist die Differenz ums Ganze, der soziokulturelle Hintergrund, der Amerikaner und Europäer unterscheidet. Zur US-Gemeinschaft entschließt und bekennt man sich; zur europäischen Staaten-Gemein-schaft gehört man (ungefragt und zwangsläufig).

 

 

Soziale Praxis, 2015

 

Digitalisierung, freier Datentransfer und die Erschaffung einer uneingeschränkt vernetzten Welt ist für Amerikaner eine faszinierende, erstrebenswerte Utopie. Sie verspricht die totale Entgrenzung von Kommu-nikation und maximiert damit die menschliche Reichweite: Geistig, mental, für viele sogar spirituell. Der Mensch ist expansiv und die Unternehmen in Kalifornien bauen die technischen Hilfen für dieses Streben. Ganz nebenbei entwickeln sie dabei aus ihrem typisch amerikanischen, wirtschaftlichen Denken heraus auch eine andere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die zu ihrem eigenen Traum passt und in der das Individuum technisch maximal befähigt wird. Wer kann da etwas gegen haben? Fred Turner zum Beispiel, Professor für Kommu-nikation in Stanford und selbst Bewohner des Valley:

 

Ungleichheit und Diskriminierung sind schon seit Langem Probleme der amerikanischen Gesellschaft. Aber der vernetzte Individualismus, der das Silicon Valley antreibt, hat gerade nicht dazu beigetragen, diese Missstände zu mildern. Im Gegenteil: In dem Maße, wie das Tal Produkte erschafft, die Menschen dazu befähigen sollen, Gemeinschaften von Gleichgesinnten zu erschaffen, fällt es den Menschen immer schwerer, sich eine vielfältigere, egalitärere und kollektivere Gesellschaft auch nur vorzustellen. Für diese Art von Gesellschaft benötigt man einen Staat – und eine Vorstellung davon, dass Menschen nicht nur ihre eigene Selbst-verwirklichung anstreben sollten, sondern das größere Wohl des Ganzen. (Das vollständige Interview hier.)

 

Ist das nun schlimm? Doch! Aus der Perspektive des staatlich geprägten Europas jedenfalls. Kein Europäer würde seine Identität aufgeben, nur um den Kontinent durchlässig zu machen für Big-Data-Ströme. Diese stoßen gegen die Mauern von Rechtsstaatlichkeit, ein unterschiedliches Verständnis von Menschen- und Freiheitsrechten und vor allem an die Reaktanz der Europäer gegen subtile Indoktrination in puncto Lebensführung. Hier kehrt sich das Verhältnis nämlich vollständig um: Die Entscheidung, wie wir unser Leben führen, wird in Europa radikal persönlich getroffen. An dem Punkt sind Europäer freier. Das inbrünstige Intonieren von „The Star-Sprangled Banner“ mit der Hand auf dem Herzen vor jedem Base- oder Football-Spiel ist für uns befremdlich. Andersherum gilt: Dass die technische Erweiterung menschlicher Wirkungskraft, Vernetzung und Digitalisierung jemanden in seiner Autonomie stören können soll, ist wiederum für US-Amerikaner unverständlich, ver-rückt. Sie wollen den Leuten ja gar nichts vorschreiben – sie wollen doch nur die Menschheit voranbringen!

 

 

Nicht gestellte Fragen

 

 

 

Das, was amerikanische Unternehmen aus Kalifornien sich derzeit anschicken zu tun, ist für Europäer ein Akt digitaler Aggression. Die Beobachtung, dass die USA versuchen, ihre Version einer Wirtschaftsgesellschaft kolonialistisch über die Welt auszurollen, ist jedoch keine Verschwörungstheorie – wir behaupten nicht, dass irgendwer das strategisch geplant hätte. Bloß erscheint es (außer Silicon Valley-Einwohnern) fast allen so. 

 

Datenströme laufen in Europa grundsätzlich nur innerhalb staatlicher Formate ungehemmt, und das ist auch gut so. Europäische Staaten haben eben aufgrund unserer soziokulturellen Prägung den Auftrag ihrer Bürger: Schütze nicht nur unser Leben, sondern auch unsere Sicherheit! Auch im digitalen Bereich. Zum Beispiel durch Abschottung nach außen, Implementierung eigener Systeme (z.B. Galileo versus GPS), Kooperationen auf Basis professioneller, glaubwürdiger und politisch legitimierter Kontrollen, Kooperationen mit einem, wenigen oder vielen digitalen Akteuren, nur innerhalb „des Westens“ oder global … Sowie mit neuartigen, zumindest verän-derten, flexibilisierten Verständnissen von Staatlichkeit.

 

Es ist nicht Aufgabe und Legitimation von Unternehmen, Probleme zu lösen, deren Format völlig unklar ist, und dabei kollektiv bindende Entscheidungen zu treffen. Fakt ist jedoch: Es gibt in dieser Debatte ein dezidiert unternehmerisches Problem. Viele Firmen suchen derzeit ihr Heil in Cloud-Lösungen, ausgefuchsten Security-Architekturen oder eigenen Systemen. Wie rentabel das ist (vor dem Hintergrund kollektiv bindender Ent-scheidungen, die ja irgendwann gefällt werden müssen), bleibt abzuwarten. Jedenfalls liegt der Ball in puncto aktuelle digitale Auseinandersetzung fraglos im unternehmerischen Feld, denn die ökonomischen Akteure müssen ja irgendwie reagieren.

 

Also: Wie können wir uns eine europäische Zukunft vorstellen, die sich die Digitalisierung zunutze macht? Nicht für eine Gesellschaft von Egomanen, sondern für eine reiche, plurale Kulturlandschaft? Wollen wir tatsächlich eine maximal entgrenzte digitale Durchlässigkeit? Ist das lauthalse Abfeiern, die PR-Berieselung mit kreativem ökonomischem Neu-Sprech – zum Beispiel in Sachen Monopole*, wie das zahlreiche Valley-Lobbyisten gerade inszenieren – etwas, das in Europa einen Ort hat? Anders formuliert: Wie kann die Digitalisierung unsere Lebensform beflügeln; unser Verständnis voranbringen, wo Minderheiten toleriert, Diskriminierung abgebaut, Gerechtigkeitsbelange geachtet und Nachhaltigkeitswünsche befriedigt werden? Wie passen unsere Werte zum gigantischen Entwicklungspotenzial der Digitalisierung? Solche Fragen ökonomisch, und darüberhinaus auf innovative, kulturell zu uns passende Weise zu beantworten, ist ein genuin unternehmerisches Projekt. Aktuell existiert es jedoch praktisch nicht.

 

New Deal 2.0

 

Dass hier etwas gründlich aus dem Ruder läuft, haben die Amerikaner auch bemerkt. Sollte es ihnen nicht gelingen, die Renitenz der Europäer in Sachen Datenskepsis aufzubrechen, verlieren viele amerikanische Unternehmen hierzulande ihre Geschäftsgrundlage. Also tüftelt man an einer Offensive. Eine der prominen-testen Versionen stammt von dem Google-Berater und MIT-Medienwissenschaftler Sandy Pentland. Schon der Titel ist grandios: „New Deal on Data“. Unterhalb Geschichte machender Zäsuren wie Roosevelts Antwort auf die Weltwirtschaftskrise im letzten Jahrhundert geht es nicht. Die Tradition, die beansprucht wird, ist jedenfalls epochemachend. Grundidee: Der Mensch hat ein Recht auf Daten; zu wissen, was andere über ihn in Erfahrung bringen. Basis des Konzepts: Europäern die Digitalisierung à la americaine schmackhaft zu machen, und zwar als Deklaration einer neuen Menschenrechtscharta. Jeder erhält das Eigentum an den eigenen Daten. (Die Frage nach Sinn und der Möglichkeit, ob das überhaupt praktikabel ist, wird nicht gestellt. Zudem, liebe Amis: „Informationelle Selbstbestimmung“ ist bei uns, seit BVerfG Karlsruhe 1983, zumindest auf dem Papier längst gesetzliche Realität.)

 

Stattdessen gibt es viel „Humanismus“. Es müsse wieder (?) ein Gleichgewicht hergestellt werden zwischen denen, die Daten sammeln, und denen, über die gesammelt wird. Diese Austarierung nennt Pentland „OpenPDS“. Der Name steht für eine Software, die am MIT entwickelt wurde. Die Abkürzung bedeutet „Open Personal Data Store“, eine zentrale Datensammlung über jedes Individuum, in der alle Daten – von Konsum über Bankverbindung, Mobilität bis hin zu Gesundheit – gebündelt sind. Nur der einzelne erhält Zugriff auf diesen Pool. Der Deal: Wir geben dir vollständige Transparenz über alle Daten von dir, die wir gesammelt haben; und du gibst uns diese deine Daten oder Teile davon frei. „Die Leute können akzeptieren, dass Daten über sie erfasst und weitergeleitet (!) werden, wenn sie glauben (!), dass sie davon einen Vorteil haben.“ Sie erhalten dann Mitteilung, was mit den Daten geschieht. „Diese Leute sind viel freizügiger mit ihren Daten als solche, bei denen die Regeln des New Deal keine Anwendung finden. Der Grund ist, dass sie dem System vertrauen und den Wert erkennen, der mit ihrer Offenheit verbunden ist.“ (Das ganze Interview mit Pentland hier.)

 

Agenda-Setting

 

Dieser Schachzug ist clever. Dass die EU früher oder später eine Art „Daten-TÜV“ einrichten wird, ist allein schon deshalb wahrscheinlich, weil (nicht nur) viele Trendforscher das fordern. Ob ein solches Prüfwesen (als Haupt-Instrument) eine sinnvolle Angelegenheit ist, ist eine ganz andere Frage – in jedem Fall ist es klug, sich als USA frühzeitig in die Strukturierung und den Aufbau eines solchen TÜV’s einzuschalten. Und sei es nur mit ein paar Grundideen, um welches neue „Menschenrecht“ sich der amerikanische Vorschlag rankt. Damit steht dann der kulturelle Korridor, in dem die Debatte erfolgen kann.

 

All dies wäre kaum der Rede wert, wenn es auf europäischer Seite Gegenkonzepte gäbe. Die europäischen Reaktionsmuster sind derzeit schwer einzuschätzen. Was zu denken gibt, ist die Chuzpe der Amerikaner, offen und schamlos ihren „Deal“ als Entgegenkommen und Partnerschaftlichkeit zu verkaufen. Die vorgeschlagenen Regularien sind nicht nur ein Trojanisches Pferd in Sachen Konsumentenvertrauen, sondern auch ein kultu-reller Anschlag auf europäische Gepflogenheiten in Sachen Transparenz. In Europa ist Transparenz (noch) nicht verkommen zu einem Werkzeug für ökonomische Beziehungspflege, sondern wird verstanden als Eigenwert – als eine Selbstverständlichkeit, wenn es um die eigenen Daten geht. Das hat nichts mit Menschenrechten zu tun, sondern mit Umgangsformen und sozialen Gepflogenheiten. Letzten Endes geht es dabei um die Achtung des Anderen, um die Wahrung von Grenzen. Genau deshalb reagieren Europäer empfindlich gegenüber unge-regelter Datenfreizügigkeit (und die zahlreichen Vagheiten in den TTIP-Verhandlungen).

 

Dass die Amerikaner nicht daran denken, sich damit auseinanderzusetzen, ist offensichtlich. Die Debatte verschärft erneut die polare Drift zwischen beiden Kulturen. Sie erhöht außerdem den Druck, auf europäischer Ebene endlich auch konzeptionell zu reagieren. Und sie verstärkt die Notwendigkeit, das innerwestliche Verhältnis wirtschaftlich wieder auf stabilere Füße zu stellen – denn welche Zukunft steht dem Westen wohl in einer globalen Ökonomie bevor, wenn er sich bereits intern kannibalisiert? Für dieses Projekt wäre die Ein-mischung interkulturell erfahrener Unternehmen, für die Europa mehr ist als ein bloßer Standort, von hohem Wert.

 

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 * Zum Beispiel Peter Thiel, US-amerikanischer Investor:

„Monopole haben zu Recht einen schlechten Ruf – aber nur in einer Welt, in der sich nichts verändert. (…) Die Welt, in der wir leben, ist jedoch dynamisch. Es ist möglich, Neues und Besseres zu erfinden. Kreative Monopolisten bieten ihren Kunden mehr und neue Optionen, indem sie neue Kategorien schaffen. Sie bereichern die Gesellschaft nicht nur, sie sind auch Motoren des Fortschritts.“ (Zero to One. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet, Campus Verlag 2014, 34f)