The (Brave New) World According to Statistics

Mit dem Rechner sieht man besser: Welterklärung im binären Code

 

So seh’n Sieger aus!

 

Quelle

 

Geht’s auch ’ne Nummer kleiner?

 

Den Traum von der berechenbaren Welt hatten wir schon mal. Das „Aufdecken der versteckten Gesetze und Prozesse, die unseren komplexen, globalen, sozial-interaktiven Systemen unterliegen,“ träumten die 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts auch – intensiv. Über ganz verschiedene Bereiche genug Wissen anzuhäufen, um die Welt am Laufen zu halten. Ach was: Um unseren Planeten mitsamt seinen Milliarden Bewohnern zu steuern! Der Kybernetiker Stafford Beer goss das in die berühmt gewordene Formel „Requisite varity for running the world“.

 

Derlei Ambitionen verschwanden allerdings auch schnell wieder von der Bildfläche – und zwar nachdem der allem Anschein nach wohl unberechenbare (?) Erdöl-Preis-Schock aufgezeigt hatte, dass es erstens anders kommt und zweitens als man denkt.

 

Nun also die nächste Runde: Der Living Earth Simulator. Computeranimiertes Zukunftsbasteln per Großrechner liegt offenbar im Trend. (Für ein weiteres Beispiel der neuen „Simulateure“ steht der Cyberplanwirtschaftler Dietmar Darth).

 

Where is the beef?

 

Die grundsolide Erbsenzähler-Branche wittert Morgenluft und möchte jetzt auch einmal die Zukunft ihrem Kalkül unterwerfen. Ihre Statistiker haben sich einiges vorgenommen: Prognostiziert und berechnet werden sollen künftig nicht nur Wirtschafts- und Unternehmenskennzahlen, Wege von Tiefdruckgebieten und die Entwicklung von Unfallzahlen, sondern gleich das ganze Weltgeschehen. Wo wir sind ist vorne: Das scheinen sich zumindest die über 60 europäischen wissenschaftlichen Institute gedacht zu haben, die einen Forschungsantrag bei der EU eingereicht haben. Für rund eine Milliarde Euro möchten Prognostiker aus verschiedenen Ländern den Living Earth Simulator bauen (www.futurict.eu/). Mit ihm sollen, so die selbstbewussten Statistiker, durch Data-Mining die bislang geheimen Gesetze und Prozesse sichtbar werden, die unser Zusammenleben auf der Erde bestimmen. Krisen im Frühstadium inklusive. (Das finden amerikanische Geheimdienste besonders interessant.) Politische Unruhen und Ausbrüche von Pandemien sehen wir dann zum Beispiel früh genug kommen. Und von politischen Entscheidungen, die noch gar nicht umgesetzt worden sind, kennen wir sogar schon die Folgewirkungen.

 

Wie soll das möglich sein?

 

Menschenmöglich ist das durchaus – zumindest für Statistiker. Aus Daten der Internet- und Mobilfunknutzung sowie aus dem, was sich durch Netzwerke, Online-Einkäufe und Blogeinträge heute quasi „von selbst“ sammelt, wird ein Pool erstellt, die Informationen werden gebündelt und ausgewertet. Um damit eben den verborgenen Mustern unseres gegenwärtigen Lebens auf die Spur zu kommen.

 

Entscheidend dabei soll ein geradezu „halsbrecherischer“ Trick sein: Ein salto mortale, den ursprünglich Friedrich Engels in seine „dialektischen Grundgesetze“ einbaute. Der angebliche „Umschlag von Quantität in Qualität“. Und der geht so:

 

 

Innerhalb einer Fortschrittsentwicklung …   … übertragen auf den vorliegenden Fall also: auf das zunehmend ausufernde Data-Mining …

 

… geschieht etwas, dass die Entwicklung nicht einfach mengenmäßig fortschreiten lässt ….   … das heißt die Menge aller möglicher Daten wächst nicht nur unkontrollierbar an …

 

… sondern etwas, dass einen auch Form-verändernden Salto, also „Sprung“ auf eine „höhere Ebene“ bewirkt.   Soll heißen: Die Daten verraten ab einer bestimmten Masse ihre Geheimnisse bzw. die dahinterliegenden verborgenen Strukturen wie von selbst! Und die Zukunft? Gleich mit dazu!

 

So spinnt man aus uninspiriertem Stroh statistisches Gold. Rumpelstilzchen aller (europäischen) Länder: Vereinigt euch!

 

Wer gibt den Spielverderber?

 

Die Hochrechnung vergangenheitsbasierter Daten – sprich: Die Extrapolation von dem, was bisher gewesen ist (denn nichts anderes bilden Daten ja ab) – soll also für die Beschreibung von Folgewirkungen künftiger Ereignisse benutzt werden. Jaja, wissen wir: Logik geht anders. Daher ein Beispiel.

 

Wenn der US-amerikanische Präsident ein neues Militärprogramm beschließen will, wüsste der Living Earth Simulator nach kurzer „Überlegung“, wie das US-amerikanische Sozialsystem darauf reagieren wird. Und die Kommunalverwaltung von Jefferson County / Alabama, die eh schon pleite ist. Und die amerikanische Gesellschaft, in der die Idee nicht jedem gefällt. – Warum nicht auch die sportlichen Auswirkungen für den NFL-Super-bowl? Und dann vielleicht noch, ob sich Janet Jackson ihre Bluse in der Halbzeit-Pause nochmal medienwirksam aufreißen lässt …

 

Wer glaubt im Ernst daran, dass man mit solchen Modellen etwa die Finanzkrise hätte voraussehen können?
Prof. Dr. Dirk Helbing!

 

Der Living Earth Simulator hätte uns vor dem ökonomischen Zusammenbruch gewarnt! Die Rezession war einfach der Preis unserer bisherigen Ignoranz gegenüber den Möglichkeiten so eines systemübergreifenden Alarmsystems für Krisen. So der Chair of Sociology in particular of Modeling and Simulation von der ETH Zürich. Nachzulesen im Kölner-Stadtanzeiger-Magazin vom 22./23.10.2011. (Zu dessen Ehrenrettung: Der Mann kämpft um einen Haufen Geld. Und bekanntlich heiligt in solch einer Notwehr-Situation der Zweck auch handwerklich fragwürdige Mittel. Mit Monika Gruber gesprochen: In der Not legt der Teufel Fliesen).

 

Ein Gegenargument (von vielen)

 

Ende des letzten Jahrtausends wurde die wissenschaftliche Disziplin der Chaosforschung ziemlich bekannt. Deren mittlerweile zu Tode zitiertes Sinn-Symbol war der Schmetterlingseffekt. „Predictability: Does the flap of a butterfly’s wings in Brazil set off a tornado in Texas?”

 

Im Chor mit Barack Obama meinte eine große Masse an Wissenschaftlern: “Yes, it can!” Aber den Flügelschlag eines zauberhaften Insekts vorherzusagen – wer wollte sich so etwas trauen? Berechnen, wahrscheinlichkeits-theoretisch erfassen? Schon damals rückten die Chaostheoretiker die Traumtänzereien einiger Wissenschafts-disziplinen wieder an den ihnen zukommenden Ort: Den der wissenschaftlichen Redlichkeit nämlich. Lange vorgehalten hat’s nicht.

 

Ganz nebenbei: Was meint eigentlich der Datenschutz?

 

Hat vielleicht jemand Bedenken wegen des Datenschutzes? Kein Problem, antworten die Antragsteller. Die Leute werden das akzeptieren, weil alles transparent und offen abläuft.

 

Wer sich über die Datensammelwut von facebook, google und co. aufregt, sollte sich einmal mit dem „Flagship“-Forschungsprogramm der EU befassen. ACTA? War gestern. Alles ist steigerungsfähig!

 

Vom qualitativen Sprung … zum Sprung in der Schüssel

 

Zugegeben: Über die Antragsannahme dieser Rechenpathologie wurde noch nicht entschieden. Aber die Idee als solche ist schon bemerkenswert genug. Wenn es der Stochastik, wie der wahrscheinlichkeitstheoretische Zweig der Statistik genannt wird, tatsächlich gelingen sollte, die wissenschaftliche Wahrsagerei zur neuen Grundlage für unsere weltgesellschaftliche Entscheidungsfindung zu machen, hätten wir eine neue Qualität des Zusammenlebens erreicht. Optimierungswahn 2.0, sozusagen. Offenbar gibt es qualitative Sprünge wirklich: Nämlich in der Schüssel!

 

Hoffentlich nicht auch noch mit freundlicher finanzieller Unterstützung der EU.

 

 

Anmerkung 24. Januar 2013:

Gerade hat die EU entschieden – die über eine Milliarde Euro Projektmittel geht an ein anderes Vorhaben. Es gibt ihn noch, den gesunden Menschenverstand.