Generation Y: Alles anders?

Die „Gen Y“ ist ein heißes Diskussions-Eisen. Nun schmieden es auch die Massenmedien, mit mäkelndem Unterton. Der demografische Wandel dräut – jede Arbeitskraft wird dringend gebraucht! Und da kommt dann eine Gen Y. Über sie hat sich der Wirtschafts-Stammtisch ratz-fatz seine Meinung gebildet: Die Typen dieser Zeitstufe sind arbeitsscheu, ohne Pflichtbewusstsein und ohne Loyalität gegenüber ihrem Betrieb; heute hier, morgen da; und picken sich die süßesten Früchte heraus. Na schön – ein Vorurteil heißt Vor-Urteil, weil es VOR einer vernünftigen Urteilsprüfung gefällt wurde. Was steht also hinter dem vielstimmigen Aufschrei?

 

Müssten die Trend-Gurus nicht sofort vom Hof gejagt werden, die eine Debatte um immerhin eine ganze Generation derart gespenstisch Abziehbild-mäßig inszenieren? Müsste eine Diskussion nicht sofort Zweifel auslösen, die ausschließlich um den Einzelnen kreist, ums Individuelle („ich will“, „ich kann“, „ich muss“, „sollte ich nicht?“, „mich interessiert“… )? Müssten nicht grundlegende Fragen geklärt werden, etwa: Was bedeuten die angeblich so schrecklichen Vorstellungen, Erwartungen und Pläne der Gen Y für uns – ökonomisch und gesellschaftlich?

 

I.   Die Generation ohne Eigenschaften?

 

Sozial- und Marktforscher haben es schon lange gewusst – und empirisch belegt. Schon seit Jahren wird darüber berichtet [bei uns auch, nur unternehmerisch gewendet, siehe: No such future, 128ff]. Aber erst, seitdem jüngst ein 2000er-Generation-Eingeborenes, also ein authentisches Millenials-Küken, in einem relativ langweiligen, relativ unterkomplexen und relativ naiven Elaborat (Kerstin Bund: Glück schlägt Geld, 2014; Kurzversion) die Befindlichkeiten ihrer Altersgruppe (oder das, was sie dafür hielt) auf unteres Feuilleton-Niveau herunterdimmte und fröhlich in alle Welt hinauszwitscherte, bemerkten es auch die Massenmedien. Habemus generationem novam! Mein Gott! Sei Dank. Endlich mal wieder ganz Neue, über die man sich aufregen kann, Amen.

 

BuzzWord Gen YSeitdem wird viel und aufgeregt über die Generation Y diskutiert. Eine Gruppe, die von Sozialberichterstattern deswegen ihre Bezeichnung erhielt, weil sie anscheinend nichts zu bieten hat, außer dass ihre Angehörigen später geboren wurden als die vor-ihnen-auf-die-Welt-Gekommenen der Gen X. Dass diese Generation Y angeblich also nichts ist oder kann – außer, ihrem Vorgänger nachzufolgen: Zeitlich, und deshalb alphabetisch. Irgendwelche Charakteristika (nach dem „eX“ kommt „Hopp“, oder so …)? Nein. Legt die Aussprache eine Fährte: Gen „Ex“ [Schluss-Aus-Ende] und Gen „Why“ [warum eigentlich]? NeinNein. Geht es um irgendein Sarrazin’sches Gefasel über Gene beziehungsweise X- und Y-Chromosomen? NeinNeinNein.

 

Die Begutachter der Gen Y waren allerdings etwas voreilig. Die 2000er-Gruppe will sich durchaus als eigenständige Alterskohorte durch ihr Anders-sein, vor allem aber durch ihre Forderungen an die Welt definieren: Neue Arbeitsformen, neue Karrieremuster, andere Lebensführung! Sprachrohr Kerstin Bund fasst das so zusammen: „… mehr noch als die Frage, wer wir wirklich sind, interessiert mich die Frage, was wir eigentlich wollen: Anders leben. Anders arbeiten. Anders sein.“

 

Es geht also um das Anders. Dass sie anders sind als alle vor ihnen. Das ist allerdings erst mal nichts als reine Vermutung – oder lediglich richtig in dem banalen Sinne, den Peter Furth in die zynischen Bemerkung fasste: „Einzigartig wie wir alle“. Es sei denn, das bezieht sich doch mehr aufs Haben als aufs Sein, und gemeint ist der Besitz von tablets, smart-phones und google-glasses. Aber das kann doch nicht alles gewesen sein …

 

II.   Im Westen nichts Neues

 

Wer die Ansprüche der jungen Generation an anders-Leben-und-Arbeiten unaufgeregt betrachtet, findet problemlos Parallelen zu Forderungen, die schon die Generation der sogenannten 68er vertrat. Diese kämpften für die „negative“ Freiheit von Angst, Ausbeutung, Entfremdung, Autoritäten und für die „positive“ Freiheit zu authentischer Lebensführung, eigenverantwortlicher Praxis, Selbstverwirklichung und Vielem mehr. Solche Ziele strebt die Gen Y in etwa auch an. Allerdings: Während die 68er Wannabe-Revoluzzer diese Ziele „radikal“ einforderten, wollen die Millenials lediglich eine graduell andere Haltung durchsetzen. Gegen Ende der Swinging 60th ging es, zumindest propagandistisch, um’s knallharte Alles oder Nichts: die absolute Autonomie und vollständige Veränderung der Welt (sprich: des politisch-sozialen Systems in Richtung Sozialismus). Demgegenüber will die Gen Y eher Relatives: Relativ mehr Freizeit, relativ mehr Anerkennung, relativ mehr Selbstbestimmung, relativ mehr Leben. Was diese Generationen aber wohl am meisten unterscheidet, ist die Grundlage, von der aus die jeweiligen Ansprüche erhoben werden. Galt den 68ern das solidarische WIR gewinnt! als unhintergehbarer Ausgangspunkt aller sozialen Praxis, dominiert, entsprechend unserer hochindividualisierten Gesellschaft, bei der Gen Y ein romantisches „Sag‘: Ich will …“.

 

III.   Kulturelle Echos

 

Es ist kein Zufall, dass auch im künstlerischen Bereich der Wunsch nach einem authentischen Anders oder die Forderung nach Selbstbestimmung Ausdruck finden. Exemplarisch hat das Julia Engelmann (die so aussieht, wie sie heißt) auf dem fünften Bielefelder Hörsaal-Slam im Sommer letzten Jahres in einem Eigentlichkeits-Rap formuliert, dessen Aussage sich in etwa so zusammenfassen lässt: Ich sollte leben, bevor ich alt bin! Die Aufzeichnung dieses erkenntnisreichen Gefühlsergusses haben auf YouTube mehr als sechs Millionen User angeklickt – und unglaublich Viele positiv kommentiert. Aber mit etwas Abstand betrachtet kommt es auf das Gleiche heraus wie beim Verhältnis zwischen radikalen Vorläufern und relativen Millenials (ohne das Letztere etwas davon wissen würden): Die Forderungen und Ansprüche gehen in eine ähnliche Richtung, sind aber auffallend kleinlaut geworden. Wie auch die Redakteurin Iris Radisch beobachtet hat: „Der Sänger Walther von der Vogelweide wollte noch alles und alles auf einmal, Geld, Ehre, Liebe und ‚gotes huld’ […] Der Studentin Julia Engelmann, von der jetzt überall die Rede ist, würde es reichen, wenn sie mal ein dickes Buch lesen oder sich an der frischen Luft bewegen könnte: ‚Einmal bin ich fast einen Marathon gelaufen und hätte fast die Buddenbrooks gelesen.’“ Potztausend – was die angsteinflößende Gen Y so alles treibt!

 

IV.   Die Befindlichkeiten der „Inbetweens“

 

Um verstehen zu können, was den entscheidenden Aspekt ausmacht, der 68er und Gen Y gleichermaßen auszeichnet, sollte man die dazwischen liegenden Generationen betrachten. Zu einer Hauptfigur der Generation X wurde etwa der logische Blödsinn „Ich-AG“ als Formel für den geförderten (?) und geforderten unternehmerischen Einzelkämpfer. Die erste Generation der vergrößerten Bundesrepublik hatte nicht mehr die Bestimmung im Tornister, etwas, wie beispielsweise die Nazi-Zeit, vergangenheitspolitisch aufzuarbeiten. Sondern die Aufgabe, ihre Zukunft politisch zu gestalten. Die Generation X stand nicht für eine sozial-kritische Haltung, die sich dem Ganzen gegenüberstellte – um sich dann nur allzu oft ins Utopische zu flüchten. Sie tickte weitaus pragmatischer, wollte Dinge in Fluss bringen. Sie wollte nichts mehr gegen alte und verstaubte Traditionen durchsetzen. Sondern sich und andere dazu verleiten, etwas zu tun. Sie schaute nach vorn und fing an zu experimentieren; bezog sich auf Gelegenheiten und Chancen und bewegte sich in einem offenen Feld von Möglichkeiten. (Nicht umsonst kursierte seinerzeit in der Soziologie das Schlagwort von der „Multioptionsgesellschaft“.) Die Gen X spielte inmitten loser Bindungen, lokaler Arrangements, unsteter Berufsverläufe und Bastelbiografien. Sprich: Sie war die erste Generation, die die Erfahrung machte, dass Lebenserfolg und Arbeitskarriere durchaus auseinanderfallen können.

 

Heute sind das Basics. Bloß: Das ganze Herumspielen und Jonglieren mit Windows of Opportunities der „Inbetweens“ (also einer der Generationen zwischen den 68ern und der Gen Y) hat in Sachen Selbstbestimmung und autonomem Leben und Arbeiten die Welt dann doch nicht umgekrempelt. So jedenfalls sieht das nicht nur die Gen Y, sondern auch die Gen X selbst: Das Statement eines Babyboomers, Manfred Schwaiger, der genau das aufspießt, sorgt gerade für Aufsehen. Der 1963 Geborene, seines Zeichens Wirtschaftswissenschaftler und Institutsleiter an der Uni München, bestätigt aus eigener Anschauung, die Gen X’ler hätten „unter dem Motto Head down and deliver gerade zu Beginn ihrer Karriere in den vorgegebenen Strukturen gearbeitet und individuelle Interessen denen des Kollektivs untergeordnet“. Ging halt nicht anders … Aber er ergänzt diese ernüchternde Bestandsaufnahme mit einer geradezu defätistischen Prognose: Dass die heute zu findende, am Rande der Hybris anzusiedelnde Nabelschau der Gen Y auf ihre eigenen Befindlichkeiten und Interessen – genug Freizeit, flexible Arbeitsmodelle, frühe Verantwortung und so weiter – eben „für ein auf Wachstum basierendes Wirtschafts- und Sozialsystem […] nicht unbedingt ideal“ sei. Was Schwaiger zu der Annahme verleitet, „dass sich die Referenzpunkte der Generation Y verschieben werden“. Frei nach dem Stoßseufzer unserer Nachkriegs-Eltern: Ihr werdet auch noch ruhiger.

 

Das hört sich arg nach beleidigter Leberwurst an; nach sich-unverstanden-Fühlen und Me too-Reflex. Wir von der Gen X waren doch auch für Anders- (damals hieß das noch: alternatives) Leben-und-Arbeiten! Aber die Gen X habe letztlich dann – aus Einsicht in die Notwenigkeit, sprich: Eingedenk der Erfordernisse einer auf „Wachstum“ beruhenden kapitalistischen Geldwirtschaft – mit ganz viel Selbstdisziplin, Head down and deliver, und zugunsten des großen Ganzen ihre individuellen Wünsche hintangestellt. Generationentypische Mobbing- und Burn-out-Kosten inklusive.

 

Fehlt bloß noch der Nachsatz unserer Wiederaufbau-Mütter-und-Väter: Und wofür das alles? Wer dankt uns das jetzt??

 

IV.   Soziale Phantasie und exemplarisches Lernen?

 

Interessanter als die mulmigen Bauchgefühle dieses Gen X’lers gegenüber der Gen Y ist aber eine andere Frage; nämlich die nach der gesellschaftlichen Blaupause der Gen Y. Denn hier schaut man, mit Schwaiger, tatsächlich in ein frappierendes Schwarzes Loch. Womöglich geht es Schwaiger und anderen also letzten Endes gar nicht darum, den Jüngeren fehlenden Realismus oder Verantwortungslosigkeit angesichts des großen Ganzen vorzuwerfen. Womöglich geht es vielmehr um die bei der Gen Y seltsam „dethematisierte“ Frage, wie sie eigentlich gesellschaftliche Prägekraft entfalten will.

 

Relevanz und Triftigkeit für die soziale Zukunft erlangt die Gen Y doch wohl erst dann, wenn sie das alte Wettbewerbs- und Wachstumsmodell – die etablierte und gesellschaftlich extrem kostenträchtige Art des Wirtschaftens mit einer Arbeitswelt, die die Gen Y ja auch kritisiert – mit gesamtgesellschaftlichen Konzepten kontern würde. Kreativ, unkonventionell, gerne auch stückchenweise. Mit neuen Ideen für ein anderes Wirtschaften, die die – ganz sicher: mehrheitsfähigen – Wünsche nach einer besseren Work-Life-Balance und mehr Selbstbestimmung bei der Arbeit einzubinden erlaubten in eine Ökonomie, die das auch verträgt. Derzeit allerdings findet sich seitens der Gen Y dem krisengeschüttelten Wirtschaftssystem gegenüber einzig und allein der Impuls: So bitte nicht! (By the way: Dieses „nicht dabei sein“ hat nichts mit einem fälschlich vorgeworfenen „Faulsein“ zu tun, ganz im Gegenteil: Wenn Gen Y’ler etwas interessiert, tüfteln und ackern sie schier endlos an einer Sache – etwas, wofür die „gewerkschaftlich-orientierten“ Vorgänger-Generationen nicht unbedingt standen!)

 

Also, Butter bei die Fische, liebe Millenials: Wie müsste das wirtschaftliche System aussehen, das Generationen spätestens seit Karl Marx suchen, und das auch Eure Vorstellungen erfüllen und nachhaltig aushalten könnte? Solange hier nichts kommt, gelten den meisten der Babyboomer-Generation die Manifeste der Gen Y nicht mehr als rosafarbene Wolkenkuckucksheim-Träume von Lillifee. Verständlich, schön, aber abgrundtief naiv.

 

V.   Play it again, Bill: It’s the economy, stupid!

 

Der selbsternannte Gen X-Klassensprecher Schwaiger ist zwar Wirtschaftswissenschaftler, hat aber den entscheidenden Punkt nicht auf seinem Display: Warum konnten die 68er und kann die Gen Y Lieder von Freiheit, Autonomie und anders-Leben anstimmen, während die Generationen dazwischen, die Generation No-future, die Generation Null-Bock oder die Gen X hinsichtlich utopischer Entwürfe, salopp formuliert: die Schnauze gehalten haben? Gut: Die Millenials sind die Kinder der 68er-Kinder – also durch und durch „antiautoritär“ erzogen. Derart geprägt lässt man sich nicht so leicht den Mund verbieten. Aber das ist eine psychologische Erklärung, gesamtgesellschaftlich betrachtet also unzureichend.

 

Der entscheidende Faktor ist, dass die libertären 68er Jahre nicht allein durch die Schüsse der Terroristen auf Staats- und Wirtschaftsvertreter und den „Deutschen Herbst“ beendet wurden. Sondern dass mit der fröhlichen Feier der Freiheit Schluss war, als – in Westdeutschland – die Phase der Hochkonjunktur und damit die Zeit der Vollbeschäftigung zu Ende ging. Die Erwerbslosenzahl überstieg Anfang der 1980er die Millionenmarke. (Als das 1966 zum ersten Mal in der BRD der Fall war, war das ein Schock; und hatte so gravierende Auswirkungen wie etwa den Einzug der NPD in mehrere westdeutsche Landesparlamente.) Die Zwischen-Generationen hatten danach auf dem Arbeitsmarkt gefühlte „no future“ und deshalb „Null Bock“. Und wurden am ersten Uni-Tag mit der Frage empfangen: „Was wollt ihr hier eigentlich? Ihr kriegt doch eh’ keinen Job!“ Das ist der Hintergrund von Pragmatismus, Utopie-Resistenz und Ich-AG-Einzelkämpfermentalität. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, soll heißen: Job-finden zuerst, Freiheit-ausleben später. (Und eben nicht die selbstgewählte Unterordnung unters Kollektiv, Herr Schwaiger – mal abgesehen davon, dass der Terminus „Kollektiv“ als DDR-Jargon tabu war…).

 

Und jetzt? Die Gen Y darf und kann wieder laut von relativer Freiheit sprechen, weil sich mittlerweile eine Fachkräftelücke aufgetan hat, die demnächst – prognostiziert – in einen generellen Erwerbskräftemangel münden wird. Der Arbeitsmarkt wandelt sich derzeit von einem nachfragedominierten zu einem angebotsbestimmten Markt. Wo nicht mehr 184 Bewerber um eine Stelle konkurrieren wie bei uns, sondern wo sich die Gen Y’ler unter diversen Optionen das ihnen optimal erscheinende Angebot aussuchen können. Schöne neue Welt! Wenn nicht …

 

VI.   Szenario-Technik

 

In Zahlen ausgedrückt hat die Fachkräftelücke und den Erwerbskräftemangel beispielsweise der Volkswirt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), einer ideologisch unverdächtigen Forschungseinrichtung der Bundesanstalt für Arbeit. Das Erwerbslosenpotential könnte „von 44,6 Mio. Personen im Jahr 2010 auf 40,8 Mio. Personen im Jahr 2020, auf 35,1 Mio. Personen im Jahr 2030 und auf 26,7 Mio. Personen im Jahr 2050 sinken“. Das wäre tatsächlich das Schlaraffenland für die händeringend umworbenen Anbieter von Arbeitskraft – die dann die Macht hätten, jegliche ihrer Forderungen durchsetzen könnten. Bloß: Glaubt wirklich jemand daran, dass sich in unserem, von Manfred Schwaiger als „wachstumsbasiert“ beschriebenen, Wirtschaftssystem die Machtverhältnisse derart zugunsten der ja immer noch Lohnabhängigen ändern werden? Dass diese die Art und Weise der Arbeit bestimmen sowie totale Andersheit-und-Recht-auf-Freizeit intonieren könnten?

 

Ein wenig Realismus hat noch keinem geschadet. In rational kalkulierenden Unternehmen gibt es strukturelle Grenzen; rote Linien, die nicht überschritten werden können. Das Leben ist kein Ponyhof – und am Ende zählt, was hinten als EBITDA ’rauskommt. Deshalb meint auch IAB-Ökonom Brücker: „Dieses Szenario ist nicht (!) als eine realistische Prognose zu verstehen. Es illustriert nur, was passieren würde, wenn der Status quo aufrechterhalten würde“. Aber: Dass nichts bleibt, wie es ist, weiß nicht nur jeder Zukunftsforscher.

 

Arbeitskräfte-Experten suchen gesellschaftliche Lösungen bei den Arbeitskräften: Ihr erstes „realistisches“ Szenario richtet sich denn auch auf eine Ausweitung der inländischen „Arbeitsbeteiligung“: Mehr Jüngere im Arbeitsmarkt (Turbo-Abitur, Studienzeitverkürzung), mehr Ältere (Rente mit 70), aber vor allem mehr Frauen (mit Zuckerbrot: Quote für Führungskräfte, und Peitsche: Abschaffung des Ehegattensplittings, rekrutiert). Das aber reicht nicht, weiß auch der IAB Experte Brücker.

 

Das zweite „realistische“ Szenario zielt ab auf Migration. Aber auch durch Zuwanderung kann der „Rückgang des Erwerbslosenpotentials […] abgemildert, aber nicht verhindert werden“. Und deshalb gehen Institute wie die Prognos AG (2010) oder McKinsey (2011) – genauso wie die Gen Y – davon aus, dass es eine das Angebot übertreffende Nachfrage nach Arbeitskräften geben wird.

Tatsächlich?

 

Der ökonomische Theoretiker Nicholas Kaldor hat 1961 die Gesetzmäßigkeit beobachtet, dass sich das Kapital an das Arbeitspotenzial anpasst: dass also bei zurückgehendem Arbeitsangebot auch die Investitionen zurückgehen. Ein weiteres „realistisches“ Szenario wäre demnach, dass das Kapital – statt hier in „aufmüpfige“ Arbeitnehmer investiert zu werden – ins Ausland transferiert wird. Wo die Menschen noch „sozial hungrig“, die Hände williger und die Köpfe billiger sind.

 

Oder, neues Szenario, die Wirtschaftslenker machen auf „Totale Rationalisierung“. Der Ersatz der Arbeitskräfte durch „Kollege Roboter“ war etwa in den 80er Jahren die Antwort auf die hohen Forderungen der Beschäftigten (Stichwort Kern/Schumann-Studie zur Ende der Arbeitsteilung; oder, anschaulicher: die berühmt-berüchtigte „Halle 54“ bei VW, Wolfsburg). Damals funktionierte das noch nicht (ohne Menschen). Heute aber steht der Sprung in die Industrie 4.0 bevor: Die Informatisierung der klassischen Industrien, ausgezeichnet durch Flexibilität, Ressourcenschonung sowie maximale Effizienz, und das alles auf Basis von Internet-basierten Systemen. Und extrem wenig Mitarbeitern.

 

Das alles und noch viel mehr… – wird sozial und politisch passieren, bevor die Gen Y zum Horror-Gespenst für die Wirtschaft wird.

 

Die Gen Y’ler sollten im Kopf behalten, dass, wer die Backen zu voll aufplustert, ein kleines bisschen später als Windjammer dastehen könnte (respektive als mittellose ‚digitale Boheme’).

 

Und clevere unternehmerische Köpfe sollten statt auf Spukgeschichten auf ihre Kompetenzen setzen: Neue, interessierte, offene (und ganz und gar nicht faule oder freizeitversessene), aber durchaus anders motivierte und anders zu motivierende Leute für ihr Unternehmen zu engagieren und zu faszinieren. Freilich: Jenseits von Firmenwagen, Boni und Weihnachtsfeier. Aber das ist machbar.