Globalisierung neu denken

Wie funktioniert die Internationalisierung von Märkten?

 

Der Brite John Gray hat das internationalistische Denkmodell, das in den „Goldenen Neunzigern“ seinen Höhepunkt erreichte, als den Washingtoner Konsens’ bezeichnet – eine Mischung aus wirtschaftspo-litischem Dogma und einer expansiver Rhetorik, die sich bis heute der breiten Unterstützung fast aller Ökonomen erfreut. Im Kern besagt dieser Konsens, dass das Wirtschaftsmodell, das seit den 1980er Jahren in Großbritannien, den USA und einigen anderen Ländern eingeführt wurde, nicht nur für stetiges Wachstum und Stabilität sorgen würde, sondern dass es auch das einzige Modell sei, das genau dies zustande bringen könne. Und deshalb von möglichst allen Ländern übernommen werden sollte. Der Kapitalismus weitgehend freier Märkte sei nicht nur das ökonomisch vernünftigste, sondern auch das produktivste Modell. Der freie Markt ist die Keimzelle eines universalen Wirtschaftssystems, und Globalisierung die weltweite, netzartige Ausdehnung dieses Modells.

 

Viele Länder gediehen unter diesem ideellen Dach prächtig. Dazu gehörten in den letzten Jahrzehnten vor allem China, aber auch Indien. Natürlich gab es Probleme wie die Finanzkrise in Asien, den Zusammenbruch der Dot-com-Blase oder die Finanzmarktkrise 2008. Alles in allem aber blieb das Wachstum intakt. Laut Weltbank wuchs die Weltwirtschaft zwischen 1990 und 2008 um 50 Prozent.

 

Viele Probleme allerdings wie die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit oder ökologische Effekte wurden in Stiftungswesen, CSR-Abteilungen und Ethikseminare ausgelagert. Glaubenssatz: Irgendwie würde der Wohlstand schon „nach unten“ durchsickern (trickle-down economies) und langfristig damit auch aus diesen ungemütlichen Themen den Druck nehmen. Steuersenkungen für Unternehmen, Bürokratieabbau, die Förderung von Unter-nehmertum, Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, Bildungsreform und Leistungsge-rechtigkeit bilden bis heute nicht nur das Credo der Konzern-Lobbies, sondern auch vieler deutscher Mittelstands-Verbände. Sie sehen sich als Interessenvertretungen, die „die strukturbedingten Nachteile der Klein- und Mittelbetriebe gegenüber den Großbetriebsformen ausgleichen“ möchten; so stellvertretend der Mittelstandsverbund. KMU als Davids mit Talent, in eifrigem Trab auf immer rutschigeren Pfaden den Global Playern hinterher.

 

Der Mittelstand in Deutschland unterstützt seit der Nachkriegszeit unermüdlich – trotz sich häufender Störereignisse, die zum Nachdenken anregen könnten – den Washingtoner Konsens. Man müsse nur die Hemmnisse für grenzüberschreitende Investitionen senken, dann klappts schon mit neuen Jobs und Techno-logietransfer. Und dann können auch die Konsumenten in ärmeren Ländern zunehmend (unsere) Güter erwerben, die sie unserem Lebensstandard peu à peu näherbringen.

 

Nur denken die Menschen dort gar nicht daran, das so zu machen. Stattdessen machen sie etwas ganz anderes und kaufen die Produkte ihrer landeseigenen Entrepreneure.

 

 

Beispiel Automobilindustrie

 

Es gibt kaum eine Branche, die sich so ungern sagen lässt, was ihre Kunden wollen. Ja: Die deutsche Auto-mobilindustrie hat inzwischen auf asiatischen Märkten Fuß gefasst – mit dem Export von Luxuskarossen für die dortigen Geld-Eliten. Dass die Mittelschichten allmählich wohlständiger werden, ist Perspektive genug, das eigene High-End-Weltbild nicht anzutasten. Fremdes Terrain, geringe Gewinnchancen, technisch zu anspruchs-los. In Deutschland ist man stolz auf die Fertigung von Spitzentechnik; und wenn sich jemand verändert und anpasst, dann sind das die hoffentlich konstant prosperierenden Anderen.

 

Nur produzieren diese sich die Güter ihres Bedarfs inzwischen selbst. Tata in Indien oder Tesla im sonnigen Kalifornien sind anders drauf. Tata stellt Autos zu landeskonformen Preisen für indische Straßenverhältnisse her und ist dort unangefochtener Platzhirsch. Tesla ist dabei, ökologische Motive und technologische Optionen ernst zu nehmen. Der Gründer Elon Musk reist in der Welt herum, spricht mit Kunden, sondiert deren Motive und erklärt Marketing für vorgestrig. Was, bitteschön, hätte das Automotive-Marketing mit Autos zu tun? Er sei Ingenieur, keine Casting-Agentur für glücklich dreinschauende Menschen.

 

Eine mittelständige Erkenntnis könnte lauten: Erkennen, wer man ist

In Deutschland bieten wir einfache Technik für Entwicklungs- oder Schwellenländer kaum an; schon gar nicht für einen dort wettbewerbsfähigen Preis. Wie entwickeln wir genau diese Kernkompetenz – anstatt diejenigen einfach zu übersehen, die nicht mit einer goldenen Kreditkarte auf die Welt gekommen sind? Dazu müsste sich das Selbstverständnis der Innovationsschmiede Deutschland gründlich ändern, ohne den eigenen Anspruch aufzugeben. Aber wer sagt, dass hier überhaupt die Produkte für Übersee entwickelt werden müssen? Der Kern von Made in Germany ist ein kulturspezifischer Umgang mit Wissen und eben nicht (nur) einige in Süddeutsch-land liegende Produktionsstraßen. Das ist als mittelständische Erkenntnis bislang aber eine Ausnahmeer-scheinung.

 

 

Beispiel Informations- und Kommunikationstechnologie

 

Apple hat nun ein abgespecktes iPhone auf den Markt gebracht. Wo die Konkurrenz stärker wird, wächst offenbar die Bereitschaft, genauer hinzusehen. Lenovo, Samsung oder HTC verkaufen mittlerweile mehr Smartphones als die Pioniere aus dem Silicon Valley – nur billiger. Oft sogar besser. Die Zahl der Käufer steigt, die nicht einsehen, einen Konzern zu unterstützen, der in quasi-religiöser Attitüde vorgeben will, was gut für Kunden ist.

 

Eine mittelständige Erkenntnis könnte lauten: Machen, was man kann

Die Gefahr für die Großen ist offensichtlich. Mit einer wirtschaftlichen Performance, derzufolge das eigene Modell das einzige ist, was Wachstum garantiert, ist produktliches „Kleinerwerden“ ein Makel. Strategisch kaum möglich. Seit Jahren pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass die Weltgesellschaft das ganz anders sieht. Es gibt ja auch keinen logischen Grund, dass High End in der nationalistischen Variante für alle Ewigkeit die einzige Kernkompetenz der deutschen Wirtschaft bleiben muss. Man kann auch Technologievorsprünge für die beson-deren Herausforderungen in einer Region entwickeln. Auch das ist High End – aber in völlig anderem Gewand.

 

 

Globalisierung: Von der Beta-Version zum Release

 

Vision: Die deutsche Wissensgesellschaft könnte völlig unterschiedliche Tech-nologie- und Konsumniveaus auf der Welt zentral orchestrieren. Sie könnte regionalspezifische Bedürfnisse sammeln, analysieren, verschieben, transfe-rieren und transformieren: Zum Beispiel so vernetzen, dass kulturell und politisch sehr unterschiedliche Länder, jedoch mit ähnlichem wirtschaftlichem Entwicklungsstand, voneinander profitieren könnten. Ein solcher tiefgehender Zugriff auf Know-how ist der USP von Deutschland seit jeher – in der Nachkriegszeit durch Ingenieurskunst, heute, zumindest als Möglichkeit, durch Wissenskompetenz.

 

Es wird spannend zu beobachten, ob sich die deutsche Wirtschaft auf Dauer den Luxus leisten kann, stur an einem Qualitätsleitbild von 1970 festzuhalten. Gute Qualität bedeutet in Indien etwas anderes als in Zentral-afrika oder in einer der Megacities. Technologie- und Qualitätsführerschaft können auf vielfältige Weisen durchdekliniert werden. Genau das tun inzwischen andere – an erster Stelle Senkrechtstarter aus den Ent-wicklungs- und Schwellenländern selbst. Und der Mittelstand hätte doch alle Zutaten für diesen Typ von Rezepten beisammen, starrte er nicht so hartnäckig auf ein Heldentum von gestern.