Ausweitung der Sehnsuchtszone

MoonshotsSogenannte „Moonshots“ gehören zum harten Kernbestand blumiger Reden euphorisierter Unternehmenslenker aus dem Silicon Valley. Da wird viel geträumt und zumeist gar eine moralische Pflicht oder Verantwortung „der Menschheit gegenüber“ ins Feld geführt. Unternehmen müssten voraus-denken und vorausgehen, ganz nach Udo Lindenberg: „Irgendeiner muss den Job ja machen“. Nur, dass es hier um die Droge ‚Zukunft’ geht.

 

In Europa wird derlei umstandslos gleichgesetzt mit Visionen, Leitbildern oder Anspruch – bloß haben Moonshots damit wenig zu tun. Die Avantgarde der Kalifornier ist nun vorgeprescht und unterbreitet einen gehaltvolleren Konzeptvorschlag für das, was sie in Bezug auf den zeitlichen Vorgriff ver-mutet, erwartet, herbeisehnt. Auf Unternehmerisch heißt das MTP: Massive Transformative Purpose.

 

Motto: Die Auseinandersetzung mit wirklich großen Problemen bringe Sinn und Bedeutung in die Arbeit – und verschaffe einem Unternehmen, das sich dem annimmt, einen exzeptionellen Zweck. Der wiederum hilft den Mitarbeitern morgens aus dem Bett, motiviert abends bei den Überstunden und erzeugt ganz allgemein eine „highly aspirational tagline“. Die Pointe: MTP’s stehen nicht dafür, was heute im äußersten Fall möglich ist, son-dern was in Zukunft anders sein kann. Das ist tatsächlich das Maximum in Sachen Möglichkeitsdenken: Zu-kunftsforscherische Futur II-Technik, bis ins Detail ausgereizt. Priorisiere „big thinking“, und es verselbständigt sich eine „mission-driven work“.

 

So einfach?

Leider wird Europäern nicht klar, warum man das überhaupt machen sollte. Denn wir sind identitätsgetrieben, sprich vergangenheitsorientiert. In unserer Geschichte liegen die Gründe dafür, warum wir diejenigen wurden, die wir heute sind. Das ist in Kalifornien bekanntlich anders, aber für uns kein Grund, es den Westküsten-Amerikanern gleich zu tun. Wer sich beispielsweise Peter Diamandis’ Versuch ansieht, seinen Studenten ein Denken gemäß „Passion“ beizubringen, bleibt skeptisch. Auch ist bekannt, dass die – bei Weitem authen-tischer wirkende – berühmte Stanford-Rede von Steve Jobs ebenfalls äußerst kontrovers aufgenommen wird. Hier haben wir einen fetten „Cultural Gap“, der sich auch nicht dadurch schließen lässt, dass die Emphase pausenlos weiter gesteigert wird. Ganz im Gegenteil.

 

In jedem Fall steht dieser Ansatz konzeptionell noch auf arg dünnen Beinchen (nachzulesen in Ismail, Malone, van Geest: Exponential Organizations 2016, erscheint 2017 auf deutsch). Sofern es nicht gelingt, den kognitiven Mechanismus transparent zu machen, der hinter diesem zeitlogischen Denken steht, bleibt das Ganze das, als was es bisher hierzulande betrachtet wird: Die aktuell trendigste Blaue Blume des Unternehmertums. (Dass es sich ökonomisch lohnt, Blaue Blumen zu pflücken, muss allerdings auch nicht mehr betont werden …).

 

Wir bleiben an diesem Ball – in Kürze mit einer genaueren Erläuterung solchen „zeitlogischen Denkens“.