Neujahr 2018: Europa besinnt sich

„Der“ Westen zerfällt (Buch dazu in 2018). Offenbar ist diese These ‚mal wieder dran’. Allerdings wird inzwischen präzise und dem akademischen Diskurs gehorsam folgend, zwischen „dem Abendland“ und „dem Westen“ unterschieden. Man braucht dann nicht gleich zum unzähligen Mal den ständig verschobenen „Untergang des Abendlandes“ an die Wand zu malen und kann trotzdem den (genauso katastrophalen) Zerfall des Westens menetekeln: Da sich die USA aus ihrer angestammten Rolle als Sicherheitsgarant für Europa verabschieden, zerbräche der Konnex zwischen Alter und Neuer Welt, also zwischen Kontinentaleuropa und Nordamerika. Das Ende des Westens also.

 

Diese bemerkenswerte Zeitdiagnose aus grünem Think-Tank ist als ernsthaftes Deutungsangebot der aktuellen weltpolitischen Situation gemeint. Für rechtspopulistische Strömungen in Europa hervorragend anschlussfähig, befeuert diese, mit hohem Anspruch daherkommende, ‚Analyse’ indes lieber potenzielle Self-Fulfilling-Prophecies, anstatt die – in der Moderne typischerweise – komplexe Gemengelage der sehr unterschiedlichen Einflussfaktoren aufzuarbeiten und so etwas wie eine Entscheidungsgrundlage überhaupt erst einmal herzustellen: im unübersichtlichen Abhängigkeitsdschungel zwischen beispielsweise neuen Parteien, Führungspersonal in bislang unbekannter Nicht-Kalkulierbarkeit, Macht-, Gewichts- und Ambitionsverschiebungen einzelner Länder, schwer kalkulierbaren Technologieentwicklungen oder auch Traditionsbeharren und tiefgreifendem Wertewandel. Zugegeben, das ist eine ganze Menge VUCA (volatility-uncertainty-comlexity-ambiguity-world) – aber geht der Westen ‚an so etwas’ tatsächlich zugrunde? Oder haben wir es hier nicht vielmehr mit einer typischen Problemlage zu tun: einem, für das frühe 21. Jahrhundert, repräsentativen Signum unserer Zeit?

 

Die Zukunftsforscherin staunt, der Sozialwissenschaftler wundert sich.

 

Zur Erinnerung, wie das funktioniert mit den Self-Fulfilling-Prophecies:

 

Es war einmal ein Kontinent in stolzer, über zweitausendjähriger Tradition, der eine geistige Entwicklung in Gang setzte, die auf einer ‚hoch-unwahrscheinlichen’ und einzigartigen Erfindung beruhte: nämlich der kulturellen Grundentscheidung, fortan geistige Instrumente zu entwickeln, wie man – falls die Gesellschaft einmal aus dem Lot gerät und man in überbordend Neuem den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht – den Kopf oben behält; also weiterhin vernünftig denken und handeln kann. Dieses findungsreiche Fleckchen Erde hieß Europa, das Programm (einige sprechen sogar von Projekt) hieß Aufklärung. Die großen Propheten nannten das den ‚Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen’. Leider starben zuerst die Protagonisten und dann war kein Geld mehr da. Der Kontingent versank in geistiger Paralyse, denn ein paar Möchtegern-Propheten verwechselten Mut mit Tollkühnheit, fingen an, den kollektiven Grusel am europäischen Untergang öffentlich stark zu reden und schlossen Aufklärung kurzerhand mit Alternativlosigkeit kurz (wenn Amerika kein Sicherheitsgarant, dann zerfällt der Westen).

 

Glückwunsch dazu, liebe Auguren. Das muss man – auf der Basis einer solchen Tradition – erst mal schaffen.

 

Zur Erinnerung, wie das funktioniert mit Zukunftsforschung:

 

Das Fleckchen Erde namens Europa fing erst im 21. Jahrhundert, am Ende der Zehner-Jahre, an, sich wieder zu fangen. Es erinnerte sich an sein großartiges Programm und entschloss sich, seine geistig-kulturelle Unterlegenheit gegenüber der Neuen Welt aktiv zu bearbeiten. Einigen dämmerte nämlich, dass der Westen über eine Jahrtausende alte, sturmerprobte „Resilienz“ verfügt, also eine viel zu starke, vitale geistige Macht besaß, als dass sie von mäandernden Schlingerkursen aus dem komplexen Umfeld beeinträchtigt werden könnte. (Paradox: Diese Einsicht war auch eine Frucht des einige Jahre erstarkenden Rechtspopulismus, mittels dessen die Bevölkerungen ihren Führungseliten den Kopf wuschen.) Leider dauerte es etwas, bis der Groschen fiel; bis Europa begann, seine Zukunft wieder selbst zu bearbeiten und die eigene geschichtliche Gestalt – Alte und Neue Welt – auf eine neue Grundlage zu stellen. Da sich die kulturelle Weggabelung zwischen beiden Teilen immer deutlicher abzeichnete (allem voran in puncto Technologieentwicklung und -nutzung: in einer neuartigen sozialen Evolution jenseits des Atlantiks auf Basis eines kybernetischen Gesellschaftsideals), fing der Kontinent an, seine Werte wieder eigenständig zu operationalisieren. Back to the cognitive and spiritual roots. Die ehemals symbiotisch verbundenen Teile sind heute Wettbewerber um das zukunftsrobustere Konzept sozial-evolutionären Lernens: die einen auf Seiten großartiger Innovationen, die anderen in Sachen Nachhaltigkeit, sozialem Ausgleich und Gemeinwohlorientierung.

 

2018 ist ein gutes Jahr, damit anzufangen.