Möchten Sie geschubst werden?

Wie provoziert man bei anderen eine gewünschte Entscheidung? Man gibt einen Schubs

 in die „richtige“ Richtung!

 

… das spart Zeit und argumentativen Aufwand. Heimlich, still und leise verbreitet sich der „Nudge“ (ausge-sprochen: [nʌʤ], wie „nadsch“) seit vielen Jahren in den Führungsetagen der Welt. Auch Zukunftsforscher sind davon angetan, zum Wohle des künftigen Ganzen die Menschen dahingehend anzustupsen, dass sie sich zum Beispiel mehr bewegen, private Renten- oder Krankenversicherungen abschließen, Wählen gehen, sich ökologisch verhalten. Niemand wird bevormundet, aber jeder geleitet (die Ökonomie nennt das seit Langem den ‚wohlmeinenden Diktator’). Beispiele:

 

 

Der Grundgedanke: Freiheit hat Kosten. Natürlich könnte der Staat alle, die wollen, Rauchen lassen, Faulsein lassen, Alkohol trinken lassen, sich falsch ernähren lassen, ohne Versicherungen leben lassen. Aber da die Kosten solcher Freiheiten die Allgemeinheit zahlen muss, ist das – aus Sicht der Nudgers – nicht einzusehen. Daher nehmen sich Staat und Unternehmen das Recht, Menschen zu solchen Entscheidungen anzustoßen, die in deren ureigenen langfristigen Interessen lägen; auch, wenn diese Menschen ihre ureigenen Interessen gar nicht kennen oder diese ignorieren.

 

Das Prinzip: Auf sanfte Art und Weise werden die Kosten dieses für uns alle „teuren“ Typs von Freiheit (welcher der Norm der Allgemeinheit widerspricht) gesenkt. Dabei wird niemand zu irgendetwas gezwungen, man kann sich auch verweigern – dazu bedarf es keiner eigenen Anstrengung, aber dann wirds halt teuer (wer weiter-raucht, bezahlt eben mehr für Zigaretten). Normabweichungen werden subtil sanktioniert.

 

An dieses Weltbild lassen sich allerlei Fragen stellen. Zum Beispiel:

 

 

 

 

 

Die Politik stellt sich diese Fragen schon lange nicht mehr. Viele Regierungen finden das nicht nur okay, sondern sehr okay. Sie arbeiten intensiv an der Fortentwicklung des Prinzips. Großbritannien und die USA haben schon lange „Behavioural Insight Teams“ oder „Nudge Units“, bei uns klingt das noch ziemlich unsexy (Projektgruppe „Wirksamer regieren“). Wirtschaftsentscheider werden zukunftsorientiert darin geschult (zwei Tage für schlappe 3.500 Euro, dafür auch in Englisch), ganz-weit-vorne-Universitäten positionieren sich damit als hip und innovativ, Wirtschaftsmagazine mit Anspruch präsentieren stolz „Predictive Analytics in Practice“ für coole neue Business Ideas. Die Anziehungskraft dieser modernen Form sanft-bevormundender Fürsorge auf Politiker ganz unter-schiedlicher Couleur und Unternehmer ganz unterschiedlicher Branchen und Größe ist geradezu magisch.

 

Schubser-Lied „Schneller fallen“ 

O meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen!

Das Alles von heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich – ich will es noch stoßen!

Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt? – Diese Menschen von heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefe rollen!

Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, o meine Brüder! Ein Beispiel! Tut nach meinem Beispiele!

Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir – schneller fallen!

 Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Dritter Teil, 20

 

Eine frühe Ode an den Nudge. Es mag ja sein, dass es Spaß macht, Steine in steile Tiefen zu rollen  aber da gibt es seit Alters her immer auch noch Leute wie Sisyphos, welche die Steine wieder hochrollen. Bekanntlich meinten einige, man müsse ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen. Lässt sich auch der Nudge gutgelaunt den Berg wieder hochrollen? Eine gesellschaftlich womöglich lohnende ‚Unternehmung’ zumindest für diejenigen, die sich ähnliche Fragen zum Nudging stellen wie wir.

 

In den USA sind insbesondere Silicon Valley-Firmen schon lange auf dem Nudge-Trip. Architektonisch werden beispielsweise die neuen Konzernzentralen von Amazon und Apple nach solchen Regeln konzipiert. Europa steht der Strömung bislang reserviert gegenüber  Anwendungen sind noch spärlich. Das will die Zukunfts-industrie ändern. Die Verhaltensökonomie, welche das Nudging populär gemacht hat, ist ein echtes Wissensgesellschaftsgeschäft, beratungsintensiv und daher lukrativ; zum Wirtschaftsturbo soll es jedoch erst noch werden. McKinsey hat es denn auch zu einem seiner aktuellen Managementtrends für die nächsten 50 Jahre gemacht (hier der vierte).

 

Hin und wieder wundert man sich allerdings, wo das in der populären Wirtschaftswelt so wohlfeile Geschrei um Innovationsstau, Ideenmangel und Defizite beim ‚Entrepreneurial Thinking’, das in Deutschland allent-halben zu hören ist, plötzlich bleibt, wenn diese neue Trendsau durchs Dorf gejagt wird. Mit Kreativität und neuen Ideen klappts wohl kaum, wenn die gesamte Gesellschaft mit vereinten Kräften auf Norm gebracht wird. Beunruhigend finden wir allerdings weniger die Technik des Nudge als solche  sie ist für vieles gut und nützlich (nur eben nicht für alles). Beunruhigend finden wir vielmehr eine Vorstellung von Gesellschaft, in der der Austausch zwischen Menschen um des gemeinsamen Fällens von Entscheidungen willen kaum mehr zählt; in der Leute von gestern sind, die selbst wissen, wie sie ticken und was sie wollen, und die in diesem Wissen mit anderen kooperieren, um zusammen zu besseren Entscheidungen zu kommen. Über Jahrtausende galt der Grundsatz, dass man die Fehler anderer leichter erkennt als die eigenen, und dass es daher klug sei, bei wichtigen Entscheidungen zu kommunizieren, den eigenen Horizont zu erweitern, andere hinzuzuziehen. In einer Nudge-Gesellschaft brauchen wir das nicht mehr. Wenn wir nichts weiter tun als einfach der Vorgabe folgen, dürfen wir sicher sein, das Richtige zu tun. Immerhin: Damit sparen wir sicher eine Menge Zeit.