Nützt Zukunftsforschung?

Anderes Wirtschaftsverständnis

Auch für das Thema ‚Veränderung’ gilt die Weisheit: Man muss wissen, wer man ist, um zu wissen, wohin man will. Dabei gibt es kein ‚besser’ oder ‚schlechter’, sondern nur das, was man bei Individuen „Persönlichkeit“ oder „Identität“ nennt.

 

Manche brauchen berechenbare Stabilität. Andere mitreißende Dynamik. Wieder welche vom Alltagstrott abschirmende Ruhe. Oder ständig Impulse von außen.

 

Eine Ikone zukunftsforscherischen Unternehmertums, Jack Welch, befindet dazu jedenfalls:

„Gewinnen hat im Grunde überhaupt gar nichts mit dem Markt zu tun … Für uns bedeutet Gewinnen so etwas wie eine persönliche Reise. Es geht deshalb um Sie als Individuum, das sich ein Ziel gesteckt hat und alles daran setzt, dieses zu erreichen… Das Herzstück beim Gewinnen ist doch, dass man etwas aus dem eigenen Leben macht. Es geht um Fortschritt und Bedeutung.“ (lesenswert in Gänze, aus „Winning. Die Antworten“, Campus 2007, 244).

 

Hier geht es offensichtlich um ein vollständig anderes Unternehmensleitbild als das, was die Wirtschaftswissenschaften propagieren. An erster Stelle steht der Sinn („wozu machen wir das alles überhaupt?“), erst danach folgt die wirtschaftliche Begründung (Kennzahlen, smarte Ziele usw.). „Lieber vage richtig als präzise falsch liegen“ ist denn auch seit Anbeginn der Zukunftsforschung einer ihrer zentralen Leitsätze. Wenn die Kernorientierung nicht stimmt, ist alles andere wertlos – auch, wenn es noch so präzise berechnet ist. Erfolg und Wachstum sind hier Nebenfolgen.

 

Die kalifornische Ökonomie hat dafür eine eigene Metapher erfunden: Sie entwickelt Innovationen in der Perspektive sogenannter Moonshots – extrem langfristigen Unternehmensvorstellungen (Besiedelung des Mars, Lebensverlängerung auf 200 Jahre usw.), frei nach der Devise: „Wenn das überhaupt jemand schafft, dann wir!“ Genau das ist „Gewinnen“ im Sinne von Jack Welch – und von Zukunftsforschung. Aus dem eigenen (Organisations-)Leben etwas machen, Bedeutung generieren. Menschen existieren nicht für die Wirtschaft. Aber sie investieren mitunter enormes Engagement, wenn – ihrer Überzeugung nach – ihre Unternehmen und deren Projekte ihrem Sein Bedeutung verleihen.

 

Fazit 

Pro oder contra Zukunftsforschung also? Das hängt eben von der Identität der Organisation ab. Genauer davon, wer sie sein will: Wie andere künftig von diesem Unternehmen reden sollen, was es ist. Das muss man aber erst einmal selbst identifizieren (sofern – Ökonomie 1.0 – Gewinn nicht alles ist; manchem Unternehmer ist es herzlich egal, was man nach ihm über seine Organisation sagen wird). Zukunftsforscherisches Management basiert unabdingbar auf dem Willen, dieses wichtig zu nehmen, genau das herauszubekommen und die Erwartungen aller Beteiligten daraufhin zu managen; und zwar die der anderen wie die eigenen. Es gibt kaum etwas, das relevanter wäre. Jede Zukunftsforschung ist Organisationsentwicklung – immer. Sie verändert die eigene Perspektive. Wer das nicht möchte, sollte die Finger davon lassen.