Gefangen im OODA-Loop

Was heißt „professionell“ entscheiden? 

Der Anspruch an unternehmerische Professionalität gebietet es, strategisch wichtige Entscheidungen nach „probaten“ Regeln zu fällen. Die sogenannte ökonomische Entscheidungstheorie hat dafür ein ganzes Arsenal an Methoden zusammengetragen, um Entscheidungen mit Standards zu fundieren. Ziel dabei ist, idealerweise sämtliche Unwägbarkeiten aus dem Entscheidungsraum zu verbannen – das meint „gutes“ Entscheiden à la Business-Expertise. Der dafür zumeist verwendete Ansatz firmiert unter der Formel OODA-Loop (Observe, Orient, Decide, Act). Das Prinzip:

 

  1. Das Ziel definieren, möglichst SMART;
  2. alle Optionen durchkämmen und filtern – dazu eine adäquate Technik anwenden. Zum Beispiel Präferenzen bilden oder die einschlägige, hier sinnfällige Norm definieren (wie Maximieren, Minimieren, Optimieren, Eintrittswahrscheinlichkeit herausfinden und anderes);
  3. das „Eigentliche“ bewerkstelligen, nämlich: Entscheiden;
  4. und letztlich in diesem Sinne handeln.

 

Natürlich gehört – jenseits dieses eigentlichen Entscheidungsprozesses – auch die Kontrolle dazu. Verändern die Entscheidung und das Handeln das Umfeld, können die veränderten, neuen Informationen beobachtet und die Schleife erneut durchlaufen werden.

 

Dass Entscheidungen unter professionellen Gesichtspunkten in dieser Art ablaufen, wurde in den meisten Wirtschaftsorganisationen über Jahrzehnte so institutionalisiert, dass eine Debatte um Prozess-Alternativen bei vielen „gestandenen“ Akteuren fassungsloses Unverständnis auslöst („wie denn sonst?“). Gerade in zunehmend komplexer, dynamischer und unkalkulierbarer werdenden Umfeldern ist diese Frage aber weder abwegig noch überflüssig; zeigt sich doch immer häufiger, dass auch bei noch so hohem personellem Entscheidungsaufwand (mehr Personen entscheiden oder man kalkuliert mehr Zeit ein) und trotz Einhaltung von Professionalitätsstan-dards (die Regeln werden strikt beachtet) der Output letztlich unbefriedigend ausfällt. Wenn aber weder Auf-wand noch Standards mangelhaft sind, stellt sich die Frage: Stimmt womöglich etwas mit diesem Verständnis von Professionalität nicht?

 

 

Was man sich unter Entscheidungsprofessionalität auch vorstellen könnte

 Um alternative Vorgehensweisen zu beurteilen, wäre zu klären:

 

Prinzip des OODA-Loops

 

Genau diese Operation leistet der OODA-Loop: Die Entscheidung wird derart vorformatiert, dass die unpräzise, veränderliche, launische oder gar chaotische Praxis „da draußen“ innerhalb des internen Entscheidungsvor-gangs keine Rolle spielt und ihn nicht „verunreinigen“ kann. Wem das gelingt, der entscheidet „gut“.

 

Vorteil: Solche Entscheidungen sind eindeutig. Bedenklich: Leider passen die äußerst präzisen Entscheidungen umso weniger zur Praxis, je ungewisser diese wird. Was bedeutet das für den OODA-Loop? Wir meinen, nichts Gutes.

 

Weg mit dem OODA-Loop!

Was aber sonst?

 

 

 

Es gibt in der globalen Wirtschaft eine Fülle solcher Entscheidungslogiken: Zahlreiche Alternativen zum OODA-Loop. Nur findet man diese nicht im expertokratischen Feld, das klassischerweise für „professionelles“ Ent-scheiden reserviert ist. Im derzeitigen unternehmerischen Alltag führt das dazu, dass die meisten Unter-nehmer, die wir kennen, um „Entscheidungstheorien“ einen großen Bogen machen. Nicht, weil diese Theorien konzeptionell ungenügend wären, sondern weil sie sich immer häufiger als praktisch unbrauchbar heraus-stellen. Diese Theorien fußen auf Grundannahmen (nämlich Situationen der Stabilität und Überschaubarkeit von Märkten), die es kaum mehr gibt.

 

Fazit: Den kulturellen Tunnelblick überwinden

Dass dies zwei verschiedene, aber gleichwertige Prinzipien professionellen Entscheidens – allerdings für unterschiedliche Kontextbedingungen! – sind, also:

  1. im theoretischen Konzept logisch aufgebaut, konsequent durchgeführt und mit „richtigen“, genauen Ergebnissen – aber leider im Praxistest (unter Ungewissheit) nicht belastbar; versus
  2. theoretisch vage, nicht modellfähig und unzureichend validiert – praktisch jedoch (auch in ungewissen Kontexten) hilfreich und nützlich,

 

ist in der Managementdebatte noch nicht angekommen. Man mag das plausibel finden oder nicht: Praktiziert wird längst beides. Ein Blick in andere Gesellschaften und Kulturkreise verdeutlicht, dass diese Variabilität ökonomisch sogar von hoher Relevanz ist. Denn mit Blick etwa auf Kalifornien lässt sich schwerlich behaupten, solche Alternativen seien erfolglos.