Sind Vorhersagen möglich?

Im Umgang mit Prognosen gibt es derzeit vier verschiedene Fraktionen.

 

Erstens diejenigen, die sich nichts anmerken lassen von der Unübersichtlichkeit der Märkte und unverdrossen weiter prognostizieren. Motto: Es hilft ja nichts – irgendeine Grundlage für Entscheidungen muss man haben. Prognosen sind besser als nichts, also nehmen wir die. Freilich mit reduzierter Anspruchshaltung: Auch Prognosen sind nicht mehr das, was sie mal waren. Mangels Alternative gilt jedoch weiterhin: Her damit!

 

Zweitens diejenigen, die Prognosen runterdimmen, „säkularisieren“. Prognosen sind nurmehr Anzeigen für Zonen oder Zeitphasen, in denen sich ’was verschiebt. In denen es neue Kämpfe gibt um Macht, Ressourcen, kulturelle Deutungshoheiten. Hermes-Boten der modernen Aufmerksamkeitsökonomie, sozusagen: „Aufge-passt, hier passiert ’was! Ausgang ungewiss, aber unbedingt beobachten!“

 

Drittens diejenigen, die Prognosen ganz verabschieden. Motto: Selten so viel Selbstüberschätzung gesehen! Heute – in Zeiten von Kontingenz und Schwarzen Schwänen – soll man noch prognostizieren können? Wovon träumt ihr nachts? Auf den Müllhaufen der frühmodernen Geschichte damit!

 

Viertens diejenigen, die am Problem herumlaborieren; auf höchst unterschiedliche Weise, mit ungewissem Ausgang. Diese Gruppe ist am unübersichtlichsten; wir finden sie am interessantesten.

 

Beispiel: Die Wahrscheinlichkeitstheoretiker.

 

Der in Berkley lehrende amerikanische Psychologe Philip E. Tetlock hat bemerkenswerte Ergebnisse prä-sentiert, wie Prognosen auch in sehr unübersichtlichem Terrain erstaunliche Qualität beweisen können.

 

Für ein mehrjähriges Prognose-Turnier sammelte er 3000 Teilnehmer. Einige lernten klassische Wirtschafts-prognostik, andere Wahrscheinlichkeitstheorie, und wieder andere lernten erzählerisch zu arbeiten, Informa-tionen zu sammeln und Zusammenhänge zu kreieren.

 

Die besten Vorhersagen schafften die, die wahrscheinlichkeitstheoretisch geschult wurden. Erklärung: Sie hatten gelernt, unter anderem zwischen Innen- und Außenperspektive zu unterscheiden. Nehmen wir die Zukunft von Ägypten. Wollen Sie die prognostizieren, können Sie alles sammeln und lesen, was Sie an Informationen über das Land kriegen können. Und professionalisieren damit Ihre Innenperspektive. Sie können sich aber auch fragen, wie viel Prozent der autoritären Systeme im Mittleren Osten in einem bestimmten Zeitraum gestürzt werden. Das ist die Außenperspektive – eine sehr entscheidende. Wahrscheinlichkeitstheoretiker lernen, Ahnun-gen (Intuition, „Erfahrung“ usw.) in Wahrscheinlichkeiten zu verwandeln.

 

Wir würden ergänzen: Innen- und Außenperspektive, Subjektives und Objektives, Motive und Gesetzmäßig-keiten systematisch miteinander zu korrelieren. Eine Situation oder Fragestellung mit verschiedenen Sicht-weisen zu konfrontieren und sowohl jede einzelne als auch einige ausgewählte – zum Beispiel die relevantesten – aufeinander zu beziehen.

 

Solche Verfahrensweisen liefern erstaunlich gute Ergebnisse. Jeder kann sich also überlegen, ob das nicht Alternativen zu den Reaktionsweisen 1 bis 3 sein können. Die Frage ist nur: Welches Unternehmen, welcher Planungsbereich ist bereit zu solch intensivem, detaillreichem, konkretem Urteilen? Das hat Vor- und Nachteile. Nachteil: Derlei kostet Zeit, man muss selber denken und im Ergebnis hat man immer ein Set oder Spektrum von Lösungen, nie DIE Lösung. Vorteil: Im Vergleich zu den anderen (Wettbewerbern) generiert man exzellente, vailde Durchblicke in komplexen, unübersichtlichen Umfeldern.

 

Fazit

 

Ein Verständnis oder Grundmodell von Prognose, das auf systematisiertem Urteilen beruht, ist zwar vorhan-den, bislang aber weder konzeptualisiert noch legitimiert. Unternehmerische Akzeptanz? Schwierig; denn es reibt sich erheblich an der Getriebenheit von Unternehmen in globalen Märkten. Und genauso an einer Erwar-tungshaltung gegenüber Prognostik – Schwarze Schwäne hin oder her –, die nicht Aufklärung und Transparenz zu betreiben hat, sondern zuvorderst Risikominimierung. Und zwar direkt. Beinahe ausschließlich daran bemisst sich ihre Legitimation; immer noch. Nur, dass Risikominimierung bei hoher Unsicherheit eben nur noch über den Umweg der Alternativengenerierung zu haben ist: Aus möglichst vielen Optionen die risiko-ärmste herausbekommen.

 

Diesen Umweg sind nach wie vor nur wenige bereit in Kauf zu nehmen. Das Prognosegeschäft bleibt daher bis auf Weiteres eines der interessantesten Brenngläser dafür, wie wirtschaftliche Akteure ihre Welt sehen. Und sooo unsicher scheint sie ihnen dann doch noch nicht.