„Gesunder Unternehmerverstand“ – Begriff oder Worthülse?

Wirtschaftsfeuilleton …

 

Gesunder Menschen- oder auch Unternehmerverstand ist immer gut – wer will schon Entscheider ohne Kompetenz und Bodenhaftung sein? Vier Verwendungsweisen lassen sich derzeit beobachten:

 

  1. Zustimmend – mit der Suggestion, es gäbe so etwas wie eine spezielle unternehmerische Denke; und nur die sei der Kern aller Entrepreneurship. Andere mögen ja auch denken, aber eben nicht unternehmerisch.

     

  2. Zustimmend – mit der Betonung auf Verstand: Die anderen stümpern ’rum, „experimentieren“ und sind quite open-minded. Wir hingegen handeln, und zwar rational.

     

  3. Zustimmend – aufgrund von Anti-Intellektualismus. Unternehmertum sei ’was für Macher, nicht für Intelligenz-Bestien. Wir verstricken uns nicht in komplizierte Theorien oder Konzepte, wir müssen Dinge entscheiden. Unsere Leute werden nicht fürs Fragenstellen bezahlt, sondern für gute Antworten. Am Ende des Tages ist das Leben simpel und konkret: Reich wird man nicht durch Denken, sondern durch Cash in de Täsch’. (‚Gesund’ ist hier noch am ehesten medizinisch gemeint: Wer Visionen hat, soll bekanntlich zum Arzt gehen – bloß nicht ins Unternehmen.)

     

  4. Ablehnend – als ironische Distanzierung gegenüber vorgeblichen Experten. Eine ökonomische Variante: ‚Das verwenden nur die, die von echter Unternehmensführung, also Betriebswirtschaft, Controlling und so weiter, überhaupt keine Ahnung haben’. Damit ließe sich so ziemlich jedes eigene Vorurteil oder Nicht-Wissen auch noch als Vernunft verkaufen.

 

So in etwa funktioniert das aktuelle Mindset pragmatischen Denkens hierzulande; Varianten 1 bis 3 eher in Unternehmerkreisen, Variante 4 in der schreibenden Zunft. Letztere läuft sich beim Thema gerade warm (hier mal juristisch-präzise, inklusive historischer Keule, mal humanistisch gestimmt, mal von „Manage-ment-Experten verrissen). Die Geistesgeschichte gibt für alle genügend Material her, so dass jeder Belege für die eigene Weltsicht findet.

 

… versus Ökonomie

 

Wofür also steht diese Formel ihrem Ursprung nach? Hauptsächlich für eine pragmatische Haltung; hier: dem Unternehmerischen gegenüber. Dieser Habitus stammt aus den USA; dort ist der Pragmatismus zu Hause, die ‚Leib- und Magen‘-Philosophie der Amerikaner. Die zentrale Kategorie dieser Denkrichtung heißt common sense. Zugegeben: Die Eindeutschung „gesunder Menschenverstand“ klingt reichlich naiv und erinnert eher an ein Diagnose-Instrument aus der Psycho-Ecke („ist Ihr Oberstübchen noch heil…?“) als an eine ökonomische Kategorie. Es fehlt schlicht ein adäquater deutscher Begriff – etwas semantisch Analoges hat unserer Sprache nicht zu bieten. Der Grund: Unsere geistesgeschichtlichen Traditionen sind völlig verschieden. Andere Übersetzungen wie etwa „Gemeinsinn“ wären im Deutschen normativ viel zu aufgeladen für das, was gemeint ist: Entscheiden und Handeln mit Sinn für Praktikabilität – trotzdem gut durchdacht.

 

Die pragmatistischen Grundüberzeugungen der Amerikaner (Nützlichkeitsorientierung, hands-on-Mentalität, eine grundsätzliche Lebenseinstellung im Sinne von starting up und so weiter) prägen nicht nur deren Gesellschaft und Kultur, sondern auch Politik, den Umgang mit Religion und Spiritualität sowie, welch Wunder, die Wirtschaft. Sie definieren den Kern des amerikanischen Ökonomie-Leitbildes. In unserem Kulturkreis hingegen, sprich in Kontinental-Europa, wird Pragmatismus zumeist mit hemdsärmeligem Herumwursteln assoziiert: Diejenigen, die so verfahren, gingen nicht wissenschaftlich-methodisch und stringent vor, sondern versuchen dies und das – und schauen dann mal. Hierzulande erscheint jemand mit solcher Disposition (wenn’s funktioniert!) als blindes Huhn, das hin und wieder auch ein Korn findet; noch häufiger aber als windiger Charakter, als Unternehmer ohne Grundsätze – im auf Expertenstatus abonnierten Deutschland ein No Go. Wenn im Land der Dichter, Denker, Ingenieure und Maschinenbauer des Made in Germany das Gehirn zwischendurch tatsächlich aussetzen sollte, könne man ausnahmsweise und probehalber ja auch einmal „pragmatisch“ vor sich hin dilettieren – eines Exportweltmeisters sei dergleichen aber im Grunde unwürdig.

 

Illustration des Seasteading (c) DeltaSync

Diejenigen, die seit Jahrzehnten auf dem Innova-tionstreppchen oben stehen – die Amerikaner, insbesondere die skurrile Gattung aus dem kali-fornischen Silicon Valley –, verstehen das allerdings völlig anders. Sie betrachten Unternehmertum als eine kreative, kognitive Leistung, die ihre Berech-tigung und ihren Nutzen darin findet, dass sie dafür „arbeitet“ und investiert wird, um die Gesellschaft zu verbessern. Kontrovers allerdings ist, was „Verbesse-rung der Gesellschaft“ denn genau sein beziehungs-weise bedeuten soll (sind neuartige Staaten auf dem Meer eine soziale „Verbesserung“? Ist „Echo“ von Amazon tatsächlich ein gesellschaftlicher Fort-schritt für die Menschheit oder eher ein – asozialer – Schritt in Richtung Orwell? Und so weiter). Nichts-destotrotz scheint dieses eigenwillige Verständnis von pragmatischem Handeln durchaus seine Berechtigung zu haben. Es führt immerhin zu einem Ökonomie-Leitbild, demgegenüber – was Innovationen betrifft – Europa so aussieht, wie es ist: Alt.

 

Für die „kritischen“ Wirtschaftsfeuilletonisten ist das nun, gelinde gesagt: unangenehm. Die Amerikaner sind nämlich mit diesem doing their way auch noch erfolgreich; und zwar so sehr, dass sie sich anschicken, in wichtigen technologischen Sektoren die globale Wirtschaft zu dominieren. Von außen betrachtet, ist die präventive Scheuklappen-Verteidigung der eigenen Denkweise („die Amis sind verrückt und Pragmatismus ist albern“) unterhaltsam zu beobachten. Die Medien beispielsweise geben sich derzeit alle Mühe, diese Abwehrschlacht nach Kräften zu munitionieren: Die Valley-Nerds wollten unsere Lebenswelt technologisch beherrschen und uns alle ökonomisch monopolisieren; seien perfide Freibeuter der offenen, ungeschützten globalen Meere, die unser persönliches Umfeld kapern. „Don’t be evil“, der ursprüngliche Claim von Google, höre sich zwar freundlich an, verberge jedoch das eigentliche Motiv dahinter: Die global-wirtschaftliche Macht an sich zu reißen. Prominente Kritiker wie Evgeny Morozov und Jaron Lanier (Friedenspreisträger 2014) sind exemplarische Stichwortgeber der Rezeption hierzulande. Hinter den Verheißungen stünde eine auf totale Dominanz und maximale Kapitalisierbarkeit basierende Ideologie. Selbstoptimierung, Fitness, Wellness und individuelle Freiheit: Alles Marketing-Gerede. Der Mittelstand würde durch die Expansion der Digitalisierung letztlich zerstört. Am Ende träfe es alle Branchen – Handwerk, Transport, Büroarbeit, Gesundheit. Dafür stünden Google-Brille, Google-Streetview, Google-Earth, das Betriebssystem Android, demnächst fahrerlose Autos, intelligente Haussteuerung, Versicherungspolicen, Nanopartikel im Blut als Krebs-Frühwarner, Kontaktlinsen mit Bluttest-Funktion und so weiter – ganz zu schweigen von den Datenmengen, die hier gesammelt würden.

 

Die kalifornisch-digitale Revolution wird zu einem nahezu metaphysischen, weltverschwörerischen Projekt hochgejazzt – ein Land der Dichter und Denker ist genau darin Weltspitze. Die Frage, die sich bei dieser schaurigen Aufführung stellt, ist allerdings: Führt diese Schlechte-Nacht-Geschichte, die ja eigentlich die Europäer ins Licht der Aufklärung stellen und die Amerikaner mental auf Abstand bringen will (Kritik! Investigativer Journalismus!), europäische Wirtschaftsstandorte nicht tatsächlich ins Dunkel einer geistigen Abklärung? Beobachtet man die mediale Inszenierung dieser „Kritik“ näher, fällt nämlich beispielsweise das immer weiter zunehmende, mitunter völlige Unverständnis darüber auf, was die Amerikaner gerade tun (Artikel über Investoren, die „den Verstand verloren haben“ in der Süddeutschen oder kreative Prognostik à la #google #fail in der brand eins – die Wirtschaftspresse ist voll davon).

 

Bekanntlich darf man jede Regel kritisieren und sich über Regeln hinwegsetzen – oder auch kreativ mit ihnen spielen –, wenn man sie und ihren Hintergrund verstanden hat. (Man kann in einem Drei-Sterne-Restaurant problemlos den Hummer auch ohne Zange und Gabel essen – wenn man zum Beispiel ein humoriges Aperçu zu unsympathischen Besserwissern oder Tischmanieren aus dem 18. Jahrhundert auf der Zunge hat. Ansonsten wird das Ganze eher peinlich.) Das ist auch der Grund, warum diese kleine, aber leider wichtige und charakteristische Geschichte über den deutschen gesunden Unternehmerverstand von innen betrachtet, nämlich aus der Sicht des deutschen oder europäischen Wirtschaftsstandorts, nicht unterhaltsam ist, sondern steindumm (und peinlich außerdem): In einer globalen Ökonomie, die als solche nunmehr seit über fünfzehn Jahren diskutiert wird, sollte doch eigentlich inzwischen bei allen angekommen sein, dass Unternehmen mit rein nationalem oder eigenkulturellem Silo-Denken auf Dauer kaum erfolgreich bleiben können. Die bizarre Debatte über gesunden Unternehmerverstand steht daher vor allem für eines: Immer noch eine Menge satter Ignoranz gegenüber den modernen soziokulturellen Bedingtheiten globaler Märkte.

 

Wollen hoffen, dass organisationsintern Unternehmensentwicklung anders abläuft.