Virtual Reality im Realitätstest

 

Wenn in Köln zum Karneval schon Motto-Wagen durch die Innenstadt rollen, die „VR“ thematisieren, ist das Thema ‚durch’. So in diesem Jahr: Vorneweg ein Rattenfänger, dahinter Kids mit 3D-Brille, die ihm im Delirium nachtaumeln. Solche Vorstellungen haben inzwischen eine Brisanz erreicht, die selbst fröhliche Jecken zum Nachdenken anspornt.

 

Virtualität + Realität = logischer Unfug, aber trotzdem faszinierend

Dabei ist der Terminus selbst Un-Sinn: Ein schwarzer Schimmel. Entweder ist etwas virtuell, simuliert – oder eben real, also vorhanden. Der Begriff „Virtual Reality“ spielt also mit unausgegorenen Fantasien, absichtlich und strategisch. Dabei spielen sehr unterschiedliche Groß-Visionen eine Rolle; etwa die connected world, das interplanetare Internet, das künftig – wenn die ersten unserer Spezies auf dem Mars gelandet sein werden – eben auch die Nachbarplaneten einbezieht. (Eine europäische Version davon hier.) Ist die Vorstellung erst einmal gefasst, dass es künftig ein Kommunikationsmedium geben wird, das praktisch grenzenlos ist, alle Sinne bespielt und (nahezu) in Echtzeit funktioniert, mit welcher Technologie auch immer, ergeben sich Teil-Innovationen innerhalb dieses perspektivischen Korridors fast von selbst. So geht die Logik von Disruptionen – man kann sie antezipieren, wenn man sich für die Visionen der unternehmerischen Leitfiguren interessiert.

 

Der faszinierende Aspekt dieser Technik liegt in den neurophysiologischen und senso-motorischen Herausforderungen. Die Vorstellung, mit weißen Haien zu schwimmen, den Mount Everest ohne Sauerstoff-Problem zu erklimmen und Harry Potter nicht nur zu lesen, sondern ihn in Hogwarts zu begleiten, veranlasste beispielsweise Google gemeinsam mit anderen Geldgebern zu einer Investition von 542 Millionen Dollar für eine Firma, die 2014, zur Zeit des Erwerbs, kein einziges Produkt am Markt hatte und keinerlei Umsätze erzielte. Magic Leap wurde damit auf einen Schlag zwei Milliarden Dollar wert. Der Attraktor: „Cinematische Realität“. Angeblich projiziert die Datenbrille von Magic Leap Bilder direkt ins Auge („Holo-Lens“), um virtuelle Objekte in die reale Welt einzublenden. Die deutsche Presse belächelte bei diesem Deal „blumige Visionen“ und Investoren, die „den Verstand verloren haben“, und die BWL-fixierten Unternehmer tun es ihnen eifrig nach. (Käufer hingegen lächeln nur verzückt, wenn sie amerikanischen Journalisten von ihren Erlebnissen beim Eintauchen in einen anderen Kosmos erzählen…)

 

 


4.24: Kurz-Reportage über Magic Leap (engl.)

 

Die Faszination von den fortgeschrittenen Möglichkeiten der Computeranimation lässt virtuelle Erlebniswelten zu einem Magneten insbesondere kalifornisch denkender Investoren werden. Die Vorstellung davon, welche fiktiven Welten und „Immersionen“ – das komplette Eintauchen in eine andere Wirklichkeit – damit denkmöglich werden, ist der Antrieb zum Expandieren. Natürlich in Richtung Gaming-Industrie – aber wohin noch? Europäer, die sich für die nächsten „big things“ interessieren, könnten einfach schon einmal darüber vordenken, welche Optionen diese Entwicklung womöglich mit im Gepäck führt, anstatt sich um den Verstand von Investoren zu sorgen.

 

 

Where is the beef?

Neue Geschäftsmodelle werden boomen – diese Wahrscheinlichkeit ist hoch und der Gedanke trivial. Tourismusbranche („Power-Tripp zum Himalaya zur Mittagspause“), Pornoindustrie oder auch die medizinische Diagnostik werden sich neu erfinden. Und der Handel expandiert in eine neue Welt. Bei Weitem interessanter und weniger trivial sind die sozialpolitischen Möglichkeiten.

 

 

Wahrscheinlich wird dieses Szenario relativ kostengünstig zu haben sein. Und für die Reichen und Schönen wird es alternative Welten geben.

 

Kein Fazit

Geboren, um be-lebt zu werden – durch Maschinen: Die Science Fiction-Tradition ist voll von diesem Gedanken. Unternehmen, die so etwas abschreckt, können solche Szenarien nutzen und europäisch „umdrehen“. Der Fakt, dass Wirtschaftsorganisationen über derlei heute noch kaum nach- und vordenken (und lieber zum nächsten Trend-Kongress laufen: Where’s the next big thing?), lässt nicht nur den Vorsprung zu den Radikal-Innovatoren fortwährend wachsen. Was brisanter ist: Es belässt auch die Definitionsmacht für die gesellschaftlichen Folgen bei den Investoren. Auf die hehre Bedeutung „unserer europäischen Werte“ zu pochen, wird mit diesem Habitus auf Dauer allerdings schwierig. Unternehmerische Verantwortung bezieht sich nicht nur auf Nachhaltigkeitsberichte, sondern auch darauf: frühzeitig ökonomische Antworten zu geben auf solche Zukünfte und die Achse des Möglichen mitzubestimmen.

 

(Wer sich für ökonomische Illustrationen dieses Themas interessiert, schaue vorbei auf http://preconomics.de/details/ )