Der unaufhaltsame Trend bei Trendforschern zum Optimismus

Wie German-Angst mit Zukunftszuversicht „übergeredet“ wird

 

Schmelzende Polklappen, düstere Öko-Prognosen, laufend neue „heiße“ Konfliktherde, die EU in der Zerreißprobe, maue Bildungsperspektiven, Überalterung, irrlichterndes Führungspersonal in Politik und Wirtschaft, allenthalben erstarkende Bürgerlichkeit, gar Spießigkeit – und dann auch noch ober- und unterirdische Großbaustellen mit GAU-Potenzial. Also das Versagen auf ureigenem Terrain, der Ingenieurs-kunst. Das alles registriert der Deutsche mit eiskalter Akribie, schüttelt den Kopf und kultiviert den Missmut.

 

Das meinen Zeitdiagnostiker, Trend- und Zukunftsforscher mittlerweile in stetig wachsender Zahl. Ob man das wirklich so sehen muss (oder ob nicht beispielsweise so etwas wie das Phänomen „Wutbürger“ im Gegenteil darauf hindeutet, dass sich die Deutschen gerade nicht mehr in ihr Schicksal ergeben, sondern ihre Zukunft auch selbst „mit anpacken“ wollen), sei hier einmal dahingestellt.

 

Uns interessiert mehr die Reaktion der ‚Magier des Morgen’ auf den angeblichen deutschen Pessimismus. Die Zukunftsgurus bieten den passiven Nörglern und Schwarzsehern nämlich inzwischen lautstark Paroli. Vorneweg mit der Warnung: Wenn alle nur noch das dunkle Zukunftsloch vor Augen hätten, fielen wir hernach tatsächlich noch hinein („self fulfilling prophecy“).

 

Ihr Credo stattdessen? Positive Thinking! Und einfach ’mal an etwas glauben.

 

Beispiele:

 


 

Die Reihen der Zukunftswächter schließen sich also: Die Zukunft heute sei ziemlich von gestern; werde allenthalben geringgeschätzt, nicht mehr ernstgenommen, schlecht gemacht. Mit dem aufrüttelnden Fazit: Das muss aufhören!

 

Details dieser Diagnose

 

Die Menschen seien viel zu verzagt. Dabei könne man doch immer ’was ändern! Immerhin beträten wir gerade das Zeitalter des „Anthropozän“, die neue Ära, in der sich der Mensch die Erde wirklich untertan macht! Wir schicken uns an, das System unseres Planeten nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Wir erforschen das Gehirn. Entziffern genetische Codes. Berechnen menschliche Verhaltensmuster bis zur dritten Stelle hinter’m Komma. Drucken in 3D inzwischen menschliche Kiefer und Rinder-Steaks aus. Und da machen alle auf Depri?

 

Das Rezept gegen Schwermut heißt hier: Hochdosierter Optimismus als Dauergabe, mehrfach am Tag. Glaubenssätze wechseln, Werte umdrehen, Einstellungen ändern. Pessimismus? Nein danke. Optimism matters!

 

Bei all diesem Optimismus-Getrommel gibt es nur eine kleine Irritation:

Seit wann ist das eigene Stimmungsbarometer ein Qualitäts- oder gar Kompetenzausweis für Zukunft? Wird’s morgen besser, nur weil alle gut drauf sind? Kann es sein, dass hier Positive Thinking mit Wishful Thinking verwechselt wird? Und kann es sein, dass sich das so mancher Zeitgenosse auch fragt?

 

So lange sich die öffentlichkeitswirksame Zunft der Zukunftsdeuter auf das Niveau von lautsprecherischen Motivationstrainern herablässt – sag’ tschaka! Und alles wird sich zum Guten wenden –, muss man wohl tatsächlich froh sein, wenn ein paar Future-Freaks wenigstens noch gut rechnen können …  Jedenfalls: Mit Zauberformeln wie, frei nach Pastor Fliege, einfach ’mal ein anderes Glaubens- und Weihwässerchen unter’s Volk zu bringen, sichert die Fachdisziplin weder die unternehmerische noch die eigene Zukunft. Denn ganz unabhängig von den vielen komplexen wirtschaftlichen und politischen Großbaustellen in EU und eigenem Land, für die – wie die Deutschen sehr wohl wissen – keine einfachen Lösungen parat stehen: Eine flankierende Zukunftsdebatte der Marke ‚mittelalterliche Kanzelpredigt’ braucht ebenfalls kein Mensch mehr.

 

Und genau deswegen tauchen die Deutschen beim Thema Zukunft(sforschung) einfach ab. Wer die skeptische Haltung hierzulande über den Leisten fehlender Traute oder gar Angst schlägt, verkennt die Grund-ausrichtung dieses Verhaltens: Die Deutschen nabeln sich seit Jahren schleichend, aber ausdauernd von der repräsentativen Symbolpolitik, von medial-öffentlicher Rede und scheinbar herrschendem Meinungsklima ab. Und machen ihr eigenes Ding.

 

Aus Prinzip pessimistisch sind sie deswegen noch lange nicht. Sie sind vielleicht etwas missmutig, weil sie – empirisch gut belegt – über Vieles sehr gut informiert sind. In jedem Fall aber nicht dumm genug, sich Küchen-psychologie als Zukunftskompetenz verkaufen zu lassen.