Leadership lost

Die Deutschen üben sich gerade in skeptischem Technik-Optimismus. Wer sich (berechtigterweise) fragt, wie sich diese beiden Ansprüche elegant unter einen Hut bringen lassen: Leonhard Dobusch, Professor für Organisation, Uni Innsbruck, hat das gerade ausformuliert. Eine„Kombination der Ablehnung von Überwachungstechnologien mit tendenziell technikoptimistischen Positionen. Offen für Neues, aber anspruchsvoll; technologieaffin, aber kritisch? Was ist von dieser ‚Wasch mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass’-Taktik gegenüber der digitalen Disruption zu halten?

Aus Sicht wissenschaftlicher Zukunftsforschung nichts. Denn diese Überzeugung auszubilden ist exakt das Ziel der US-amerikanischen Strategie, ihre europäischen Absatzmärkte bei der Stange zu halten – trotz aller Zurückhaltung hierzulande gegenüber dem Digitalen, Big Data, Künstlicher Intelligenz etc., insbesondere der Deutschen. Wir sind zwar nicht abgeneigt, aber eben auch nicht euphorisch; und ‚kritisch‘ bleiben zu dürfen, ist ein Weg der Legitimationsbeschaffung für Technologie.

Wie funktioniert diese Strategie? Den Kontinent – von den Europäern selbst möglichst unbemerkt – in das eigene, das heißt kalifornisch geprägte, kybernetische Steuerungsideal von Gesellschaft hineinzuschubsen. Dazu braucht es kaum mehr als eine als unkontrovers dekretierte, positive Grundstimmung gegenüber der digitalen Revolution. Und die schreiben uns inzwischen nicht mehr nur staatliche Förderprogramme und Verlautbarungen von „Experten“, sondern nun auch Universitätsprofessoren ins Stammbuch. Effekt: „Kritik“? Selbstverständlich! Sie wird jedoch erst und nur dann zugelassen, wenn der technologieoptimistische Grund-Tenor akzeptiert ist („natürlich nutzen wir KI, aber reguliert!“). Diese intellektuelle Selbst-Kastration beziehungsweise europäische Wertevergessenheit ist bemerkenswert: zwar gerade mal ein paar Jahre jung, dafür aber im Erstarken.

Schwarmdummheit

Nehmen wir das Beispiel Förderprogramme. Diejenigen, die derzeit zur Digitalisierung aufgelegt sind (Digitale Agenda, Mittelstand 4.0, eStandards etc.), schlagen Modernisierung als Grundsatz und ohne Ansehung von Unternehmensformat oder Historien (KMU, Mittelstand, Hidden Champion oder Konzern?; national oder international aufgestellt?; Eigentümerkultur oder Management?, etc.) für alle Akteure über einen Leisten. Das Unternehmertum wird unterschiedslos in ein Technologieszenario hineingetrieben – was nicht nur unternehmerisch unprofessionell ist, sondern überdies bemerkenswert traditions- und geschichtsvergessen. Fast scheint es so, als ob in den Ministerien inzwischen das Mindset internationaler Beratungsagenturen die eigene politische Kultur und programmatisches Handeln gemäß europäischer Wertehorizonte ersetzt hätte (was sich übrigens auch personell spiegelt). Das Agendasetting in diesen Feldern ist inzwischen weitgehend angloamerikanisiert.

Wie man aus der Sozialforschung jedoch lernen kann, entspricht diese Entwicklung unserer Entscheidungseliten nicht der Stimmungslage beziehungsweise den Orientierungen im Land. Die Politik steht hier vor einer Entscheidung: Ob sie vermeintlich globalen Sachzwängen (‚wenn wir technologisch nicht mitziehen, verlieren wir den Anschluss’) nachgeben, oder ob sie – jenseits oberflächlicher Schein-Debatten über Leitkultur und der Revitalisierung christlicher Symbolik – wieder anschließen will an die sozialpolitische Tradition des Landes.

Schwarmintelligenz

Und wie ginge das? Was wären Alternativen?

  1. Aus deutscher Sicht bedeutet Digitalisierung im Rahmen einer Sozialen Marktwirtschaft beispielsweise eine Förderpolitik, die entlang auch von sozialpolitisch-gemeinwohlorientierten Anreizen für Unternehmen (hinsichtlich Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung, Migrantenintegration oder Antworten auf die Abstiegsängste der Mitte) ihre jeweiligen Förderungsziele differenziert – und nicht entdifferenziert beziehungsweise global verflacht. Traditionell achten europäische Staaten beispielsweise auf Langfrist-Effekte von Durchbruchstechnologien; Verhältnisse wie im Silicon Valley, wo Millionäre morgens mit dem Corporate-Bus an den Obdachlosen am Straßenrand vorbei zur Firmenzentrale chauffiert werden, wollen die meisten Menschen hier nicht.
  2. Es bedeutet, Reaktionsstrategien zu entwickeln, wie das Land mit Kooperationen, die unserer Tradition nicht entsprechen, die aber trotzdem Handelspartnerschaften begründen können oder sollen, umzugehen gedenkt (China, England; auf lange Sicht nun wohl auch die USA). Und es bedeutet spiegelbildlich, demgegenüber den Status der uns naheliegenden und -stehenden Nachbarn und Freunde qualitativ anders zu definieren. Sicherlich ist dies ein EU-Thema; von der EU abhängig kann und darf eine deutsche Antwort auf solche Fragen aber nicht sein.
  3. Es bedeutet darüberhinaus, die Rolle des Staates selbst, sein Augenmerk etwa auf Gerechtigkeitsstandards, im Verhältnis zu (insbesondere großen) Unternehmen zu konkretisieren. Denn einerseits gilt zwar, dass beispielsweise US-amerikanische Konzerne kein Interesse an (neuen) Mitspracherechten von Staaten haben. Dies ist aber nur eine Konfliktlinie: diejenige zwischen Staat und Unternehmen. Denn andererseits gilt auch, dass nicht nur Unternehmen, sondern auch Länder von der digitalen Entwicklung profitieren. Diese Konfliktlinie spannt sich zwischen Staat und Bürgern.

Beide sind eng miteinander verwoben:

  • Wie soll die Beziehung zwischen Staat und Unternehmen, für die es künftig zahlreiche neuartige Schnittstellen geben wird (Datentransfers etwa bei Jobvermittlung oder Qualifizierung) reguliert werden – im Sinne und zum Schutz der Bürger?
  • Und wie gedenkt sich der Staat im Gemenge um die politische Deutungshoheit über die Arbeitswelten der Zukunft selbst zu positionieren und seine Glaubwürdigkeit zu erhalten?

Mit- und Vordenken hilft

Alles unkomfortable Themen. Die Bürger erwarten hierzu jedoch Antworten – und kein Optimismus-Diktat. Es ist dieser (ganz offensichtlich angstbehaftete) Habitus der Entscheidungseliten (Digitalisierung als ‚alternativlos‘ darzustellen, obwohl natürlich niemand diesen Begriff öffentlich noch verwendet), der die Zurückhaltung einiger gesellschaftlicher Gruppen gegenüber dem Digital-Hype überhaupt erst begründet. Bange Frage: Die da oben – können die das…?

Der Verweis auf die hohe Komplexität dieser Verhältnisse (und dadurch aktuell noch legitimiertes Abwarten) wird in den Bevölkerungen nicht dauerhaft verfangen. Antworten auf solche Fragen sind im 21. Jahrhundert Teil sowohl von staatlicher Wirtschaftspolitik als auch von politisch und gesellschaftlich akzeptanzfähigen Unternehmen. Beide zusammen definieren Standortattraktivität und Wettbewerbsfähigkeit – und in Europa wird beides grundlegend auch durch Gemeinwohlorientierung und sozialstaatliche Traditionen definiert. An kollektiv bindenden, öffentlichen Entscheidungen ablesen lässt sich das indes nur noch selten. Das sich-Tot- oder Dummstellen der Entscheidungseliten in Bezug auf die europäisch-politischen Grundwerte erzeugt Verwerfungen zwischen ‚Oben’ und ‚Unten’ (siehe Piketty-Debatte), die die politische Situation in allen westlichen Ländern bereits nachhaltig verändert haben. Zunehmende Reaktanzen gegenüber Führungskadern (das beliebte „Elite-Bashing“ insbesondere der Populisten) haben unter Anderem hier ihre Wurzeln

Gestaltbar ist Zukunft so nicht: qua Stimmungsanweisung, mit freundlicher Unterstützung von wirtschaftsnaher Wissenschaft und sich als wissenschaftlich gebärdenden Consultants. Komplexe Verhältnisse („VUCA-Welt“) liegen jenseits von Kleinkrämer-Mindsets, die die Welt noch immer in Weiß- und Schwarzseher aufteilen und ‚von oben‘ das richtige Mischungsverhältnis dekretieren. Das ist zwar bequem, nur keine Führung. Es bedeutet das Gegenteil: Die Selbstaufgabe gesellschaftlicher Führung als vorauseilende Kapitulation vor den kalifornisch-kybernetischen Verhältnissen.