Risiko, Unsicherheit – oder Ungewissheit?

„When the going get’s tough, the tough get going!” meinen US-Amerikaner. Soll heißen: Wenn‘s hart auf hart kommt, kommen die Harten und übernehmen das Ruder. Aber: Kommen bei uns tatsächlich die Harten in ’n Garten?

In der Management-Debatte gibt es seit Jahren eine Gegen-Fraktion, die behauptet, ’solche‘ bräuchten wir prinzipiell nicht mehr: Harte Helden, die vorgeben, wo’s lang geht. Wer in diesen Kategorien eines „postheroischen Managements“ denkt, muss sich in Zeiten multipler Krisen eigentlich keine Sorgen mehr machen. Denn dann könnten wir doch aufatmen (‚wir haben verstanden!‘) und uns kommunikationsbewehrt, kontingenzbewusst, achtsam und ganz unheroisch sagen: ‚Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her‘.

Zukunftsforscherisch gesprochen: lieber nicht.

Kleine lexikalische Einführung in die zukünftigen Dinge

Fakt ist wohl: Soviel ängstlich-wortreiches Eingeständnis des Nicht-Wissens über das, was auf uns zukommt, war noch nie. Alle schwadronieren, aber wer hat ´was zu sagen? Grund genug, sich der eigenen Bestände zu vergewissern. Immanuel Kants zentralen Fragen zu Beginn der Aufklärung zum Beispiel.

„Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?“

Einschätzen können? Entscheiden sollen? Antezipieren müssen? Das fragt sich jeder Unternehmer tagtäglich. Und obwohl die Zukunft das ist, was man nicht kennen kann (Niklas Luhmann): Gibt es wirklich keine Möglichkeit, das Morgen projektiv zu erforschen, die Zukunft zu beeinflussen und mitzugestalten?

Natürlich gibt es die. Zukunft geschieht schließlich nicht unabhängig von uns – im Gegenteil. Unsere Sprache ist hier, wie immer, ein guter Wegweiser. Das Deutsche schlägt gleich drei Breschen in die Zukunft: „Risiko“, „Ungewissheit“ und „Unsicherheit“ stehen zur Auswahl – und das aus gutem Grund. Auch wenn viele Kommunikatoren schon lange nicht mehr auf die Feinheiten des Ausdrucks achten: Begriffe sagen in Bezug auf das Morgen sehr Unterschiedliches – und Entscheidendes.

WWW = web-weiß-wenig

Wer auf die viel gepriesene Schwarm-Intelligenz des Netzes setzt, wird enttäuscht: Eine Web-Recherche nach den drei Begriffen kommt bei der „Entscheidungstheorie“ an. Und findet, kurz gesagt, das Folgende heraus: Entscheidungen sind – weil immer in Unkenntnis über das Kommende getroffen – eigentlich recht ungemütlich. Das geht auch genauer.

Risiko
lässt sich berechnen. Von 100 Kraftfahrzeugen haben (durchschnittlich) pro Jahr 5 einen Unfall. Alle 100 Autobesitzer müssen also so viel einzahlen, dass die 5 Unfallgegner entschädigt werden können. Plus Marge der Versicherungen.
Darum: Kümmern wir uns nicht. Das ist Statistik. Und in Sachen Zukunft Erbsenzählerei.

Unsicherheit
ist das genaue Gegenteil von Risiko: Hier hilft nur noch Beten. Beispiel: Die deutsche Hyperinflation von 1923. Wenn ALLE Versicherungen im Geldmorast unter- oder pleitegehen, lässt sich nichts mehr berechnen. Und man kann sich auch nicht gegen die Pleite versichern – weil selbst die Retter sich nicht retten können. „Wenn der Himmel einstürzt, sind alle Spatzen tot.“ Darum kümmern wir uns auch nicht, denn dann ist sowieso alles zu spät.

Ungewissheit
ist unser Feld: Kernthema und zentraler Entstehungsgrund von Zukunftsforschung. Denn hier geht es um Vertrauen, in die Zukunft. Wie kann man glaubwürdige und verlässliche Vertrauenskredite auf die Zukunft geben? Für etwas, das niemand kennen kann? Das zwar nicht unbedingt riskant ist und vielleicht auch nicht unsicher, in jedem Fall aber ungewiss?

Und das heißt?

Risiko berechnen? Wollen wir nicht.
Unsicherheit prognostizieren? Können wir nicht.
Ungewissheit bewältigen? Darum geht es!

Derzeit herrschen schwierige Zeiten für klaren Verstand. Nicht nur macht immer wieder der (sachlich unsinnige) Begriff der Risikointelligenz Furore – noch dazu psychologisch intoniert. Auch Ulrich Beck mit seinem in den 1980er Jahren Maßstäbe setzenden Buch zur Risikogesellschaft sprach eigentlich über Unsicherheit. Es gibt eine Fülle solcher Beispiele. In Deutschland hat sich eine Terminologie für den professionellen Umgang mit Zukunft bis heute nicht etabliert. Das ist nicht einfach akademisch bedauerlich, sondern vernebelt uns, wenn’s hart auf hart kommt, leider auch das Hirn. (Deshalb überlassen wir den Harten auch gern ihr amerikanisch-eigenes Feld.)

Fazit

Zu Risiken und Unsicherheiten: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. (In der Firma besser Ihren Controller und privat den Versicherer.) Zum Umgang mit Ungewissheit aber hat wissenschaftliche Zukunftsforschung eindeutig mehr zu sagen.