»Welcome 2 the dawn. The new power generation« … kommt nicht (und keiner fragt nach)

Der gute alte Prince! Besang in den 1990ern bereits das, woran wir uns bis heute abrackern: Die Dämmerung einer neuen Generation von persönlich machtvollen, zukunftsweisenden und inspirierenden Führungsnaturen will einfach nicht beginnen.

Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat sich in No. 35 dieses Themas nun ausführlich angenommen: Wie man in Politik, Wirtschaft und so weiter die Richtigen findet. Das ist erfreulich, schließlich werden die Probleme immer komplexer, ganz zu schweigen von den unübersichtlichen Profilen der Kommunikationspartner drumherum. Was also kommt bei diesen Beobachtungen heraus?

Um es vorwegzunehmen: Der Zukunftsforscher fällt vor Schreck auf den Hosenboden. Deshalb im Folgenden einmal eine etwas ausführlichere News: Ein Medien-Insight besonderer Art.

Desaster (1): Die Politik

Der Blick auf politische Karrierewege eröffnet zunächst die Sicht auf das Berufsethos von Herrn Tovar, Leiter der Parteischule der SPD. Dort bekommen „alle, die in der SPD schon was geworden sind und noch ein bisschen mehr wollen“, nach Vorauswahl durch den Parteivorstand Blockseminare in Sachen „Rollen-, Macht- und Statusspiele“. Derlei sei unabdingbar, Naturtalent allein reiche nicht aus, die verbreitete Sehnsucht nach Quereinsteigern sei naiv.

Keine Frage, da ist was dran. Dass jemand, der beruflich künftig auf internationalem Parkett glänzen muss, Unterstützung in Selbstdarstellung und kulturfremden Machtränken erhält, wird kaum jemanden überraschen. Irritierend ist etwas anderes: Dass eine Reihe von nächstliegenden Fragen zu Phänomenen, die seit einigen Jahren unsere politische Landschaft umwälzen und mit diesem Thema eng zusammenhängen, gar nicht gestellt werden. Fragen etwa dazu, wie jemand in der SPD (von anderen Parteien ist in dem Artikel keine Rede) in der Weise „etwas wird“, dass der Parteivorstand über eine Auswahl für die Parteischule überhaupt anfängt nachzudenken; dass „Der souveräne Auftritt: Menschen überzeugen und begeistern“ ein Training wert erscheint, hingegen Problemlösungskompetenz, komplexitätsangemessenes Entscheidungsverhalten, gesellschaftspolitische Langfristorientierung, die eigene Werteagenda (also Europa) und damit eine systemadäquate, soziokulturell angemessene Haltung, oder wie man Leute, die gar nicht reden wollen, zu kooperativem Verhalten veranlasst, aber nicht.

Solche Fähigkeiten wären angesichts steigender Bereitschaften, im Politischen über den Einsatz von Atomwaffen nachzudenken, angesichts psychisch heterogener werdender Profile hochrangiger Politiker oder auch mehrerer (unter Anderem europäischer) Demokratien, die ihre beste Zeit bereits hinter sich zu haben scheinen, doch nicht verkehrt – zur Zeit bestaunen wir politische Programme, die beispielsweise das hochkomplexe globale Migrationsproblem in Deutschland mit dem Aufhängen von Kruzifixen bewältigen. Man erfährt, dass Politiker als Solisten auf die politische Welt kommen und sich dann vehement öffentlich inszenieren (und der Zufall hilft); oder im Windschatten eines Großen, der im Spätherbst seiner Macht irgendwann gnädig die Bühne frei gibt (und der Zufall hilft). Fazit: „Es gibt viele Wege, in der Politik den Besten zu finden. Bloß keine vorgezeichneten.“ Der engste Freund beim Recruiting ist und bleibt also der Zufall. (Lehrstück: Man recherchiere einmal, wie man in der Bundesrepublik Außenminister werden kann. Und dies ist keine Grätsche gegen den aktuell kompetenten Amtsinhaber!)

Ist es das, was Europa braucht? Führungskader aus Parteischulen, die gut rüberkommen, durch irgendeine Glücksache in höchste Ämter stolpern und dann mit Hilfe kluger, antrainierter Machttechniken das Sprungbrett zu nutzen wissen? Hier mal mit journalistischem Qualitätssiegel: AfD-Wähler finden ihr Weltbild auf Basis solcher Recherche endlich empirisch bestätigt. Genau so sehen viele Rechtspopulisten das nämlich auch – deswegen wollen sie ja andere oben sehen.

Desaster (2): Die Unternehmen

Weiter geht’s: Bewerber-Auswahlverfahren in der Wirtschaft. Ein Journalist beschäftigt sich mit Precire, einer Sprach-KI („Chat-Bot“), die sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Und die funktioniert so: Der Bewerber redet 15 Minuten am Telefon mit dem System, und hernach erhält das stellenausschreibende Unternehmen ein detailliertes Psychogramm des Kandidaten (intro- oder extrovertiert, Leistungsbereitschaft, Statusbewusstein, Dominanzstreben, Kontaktfreude, Energiebilanz etc.). Im Artikel wird der Journalist, der die Software ausprobiert, nach dem Test mit dem Urteil beschieden, sein niedriger Dominanzwert ließe ihn für Führungsaufgaben leider nicht geeignet erscheinen (aber seine Neugier sei großartig – in disruptiven Zeiten „mitunter das Allerwichtigste“, für eine anspruchsvolle Fachkarriere genau das Richtige). Nur würde er eben „nicht nach Einfluss und Macht über andere“ streben – und wo kein Bedürfnis nach Übermächtigung anderer, da keine Führungsoption. Und nach kurzem Hinweis auf die womöglich doch mangelnde Wissenschaftlichkeit des KI-Systems ist der Artikel auch schon zu Ende.

Evaluation of Oldness

Den Sidestep in die wissenschaftliche Karrierewelt, der auch noch folgt (Desaster 3), sparen wir uns; die mentalen Strukturen sind die gleichen. Man schaue zum Kontrast kurz noch mal in die – jaja, wissen wir: reichlich abgehangene – Apple-Kampagne von 1984 rein.

»Here’s to the crazy ones. The misfits. The rebels. The troublemakers. The round pegs in the square holes. The ones who see things differently. They’re not fond of rules. And they have no respect for the status quo. You can quote them, disagree with them, glorify or vilify them. About the only thing you can’t do is ignore them. Because they change things. They push the human race forward. And while some may see them as the crazy ones, we see genius. Because the people who are crazy enough to think they can change the world, are the ones who do.«

Das ist Zukunftsforschung at it’s best. Und europäische Zukunftsforschung wäre es, gerade nicht die bloß-von-sichselbst-überzeugt Verrückten als Führungsnaturen aufzubauen, die in der Lage sind, andere im Griff zu behalten. Sondern die auch von unserem Gesellschaftsmodell Überzeugten (was übrigens nicht das Gleiche ist wie Expertokratie und Akademiker-Eliten – dieser Punkt geht an die Populisten): Systematisch und methodisch kontrolliert diejenigen in Führung zu bringen, die wir mit Blick auf unser eigenes Selbstverständnis – künftig deutlich ausgewogener über verschiedene Milieus verteilt – in diesem Jahrhundert auf Europas Bühnen sehen wollen. Zu ermutigen, heranzuführen; von uns aus, auch in Sachen kommunikationspolitischem Wettbewerb zu trainieren; das gehört dazu. Macht aber nur dann Sinn, wenn man vorher danach filtert, ob die ‚Auserwählten’ unser System denn überhaupt tragen und befördern (und nicht nur sich selbst; und schlimmstenfalls darüber das System zurückbauen).

Evaluation of Newness

Was lernen wir aus der Recherche? Die Politik nimmt fürs Recruiting alles, was sie kriegen kann, und vertraut ansonsten auf den Zufall. Und Unternehmen definieren Führung an dem, was sie in Business Schools gelernt haben: Führung heißt, Macht über andere zu wollen, zu haben und zu erhalten. Wer etwas anderes im Kopf hat, kommt nicht mal ins Gespräch (darf aber auf Weiterbildung gehen – die Gutmenschen-Industrie sediert dort die Idealisten mit Hierarchie-Abbau, agilem Management, VUCA-Welt und Design Thinking).

Zu den ewig gleichen Kommentaren solcher Mediendesaster haben wir hier keine Lust. Man vergleiche spaßeshalber einmal einen Recruitingprozess für CEO’s in globalen Konzernen – was diese Personen (wie wir meinen, vernünftigerweise) allein für das Erstgespräch vorweisen müssen, brächte womöglich kein Kanzlerkandidat zuwege. Und damit ist nicht fachliche Tiefe gemeint! Der Politik liegt solch langfristiges 360-Grad-Denken so fern wie Pluto; es geht ja auch nur um eine Legislaturperiode. ‚Wenn die Leute eine bestimmte Person mögen und wählen – warum nicht? Das nennt man Demokratie!’, echot es aus dem 19. Jahrhundert zu uns herüber. Wenn die ‚Ochsentour‘ funktioniert, ist alles gut.

Kommen wir heil durch dieses Jahrhundert, ohne anzufangen dafür zu sorgen, dass solches „Denken“ aufhört? Dass diese – zumindest für uns – schwer erträgliche Saturiertheit der Medien aufgebrochen wird? Dass gerade nicht mehr jeder nach oben kommt? Dass die Öffentlichkeit hellhörig wird, wenn zentrale Entscheidungspositionen noch immer durch das Schicksal besetzt werden? (So wie es aktuell aussieht, werden die Medien dabei allerdings kaum eine Hilfe sein.)