Betriebliches Gesundheits-Management = Doppelsprech-Blase?

Win-Win X.0

Gesundheitsmanagement (BGM) ist schon lange Hype – und nährt sich nicht nur von Mobilitätstrends, steigendem Zeitstress und Burnout-Raten. Vor allem geht es dabei um Leistungserhalt und Prävention in digitalen Zeiten. In den letzten Jahren stand daher die Strategie im Vordergrund, neue kreative Anwendungen und Wortschöpfungen für mehr Anschaulichkeit und eine höhere Akzeptanz des digitalen GM zu vermitteln (Work-Life-Balance, Smartwatch-Nutzung für den privaten Gesundheits-Wettbewerb, billigere Krankenkassen- oder Kfz-Tarife gegen Tracking-Bereitschaft usw.). Inzwischen sind beim – auf diese Weise „angeschubsten“ – Publikum allerdings erste Ermüdungserscheinungen beobachtbar: Immer häufiger wird etwa der Balance-Bullshit als Mahnung zur Selbstverpflichtung durchschaut, sich doch bitte eigenverantwortlich um die Gesundheit zu kümmern („wir zahlen immerhin das Fitnessstudio!“), und der viel gepriesene Yoga-Kurs entpuppt sich als Mittel zur kollektiven Potenzialentfaltung.

Die dahinterliegende (und sorgfältig tabuisierte) Steuerungsstrategie hat nicht nur zum Ziel, in Zeiten des Fachkräftemangels die Ressource Mensch möglichst lange und effektiv unternehmerisch nutzen zu können beziehungsweise Gesundheitskosten zu minimieren – zum beiderseitigen Wohl. Das ist verständlich, im Wesentlichen vernünftig und nicht kritikwürdig. Zunehmend geht es jedoch darüberhinaus auch darum, auf dem Weg ‚mentaler Überredung’ neuartige Bedingungen und Voraussetzungen für eine zukunftsrobuste Tätigkeit der Mitarbeiter herzustellen, die in den aufkommenden innovationsgetriebenen Open Space-Büros, den sogenannten „Future Working Spaces“ vonnöten sind.

Hier wird’s anspruchsvoll: Wir betreten eine – inzwischen verhaltensökonomisch präzise feinjustierte – neuartige Kommunikationsebene. Vermittelt werden soll genauer der vertrauensheischende Glaubenssatz: „Du willst es doch auch…!“. Bedeutet: Selbstverantwortung und Unternehmensinteresse sollen ununterscheidbar werden. Mehr Bewegung, gesundes Essen, Selfempowerment und mentale Fokussierung kommen jedem Einzelnen auch jenseits des Arbeitsplatzes zugute; das sei bitte nicht vergessen, und die Firmen fördern – nudgen – das nur ein wenig. (Unvergessen die berühmte Beta-Version von Rennradfahrer Udo Bolts an seinen Teamchef Jan Ullrich, der unbedingt die Tour de France gewinnen wollte, aber in den Vogesen schwächelte: „Quäl dich, du Sau“!) Firmen handeln mit GM also nicht im wohlverstandenen Eigeninteresse, sondern – richtig betrachtet – selbstlos, sozial verantwortlich und empathisch; win-win at it’s best. Sie verhelfen Mitarbeitern zu professionellem Selbstmanagement und bieten damit Steigbügel zum persönlichen Glück. Aussichten: glänzend und scheinbar grenzenlos (in Japan bekommen Mitarbeiter inzwischen Geld fürs Ausschlafen).

Disrupt youself“: Die Umdeutung

Das Pferd von dieser Seite aufzuzäumen mag für europäische Ohren verstiegen klingen, ist in amerikanischen Unternehmen aber längst Realität. Marc Schroepfer, bei Facebook direkt unter Marc Zuckerberg angesiedelt und verantwortlich für die riesigen Serverfarmen, formuliert es so: „Je besser wir werden, desto mehr benutzt du unser Produkt und wirst glücklicher. Unser ganzes Bestreben ist, dass du nichts verpasst!“ (Das Foto dokumentiert das 40.000 mgroße Open Space-Büro.) Dieses Credo gilt für Gesundheits-Apps und KI’s in diesem Sektor gleichermaßen: Bloß körperlich-gesund war gestern, heute ist mentales Heil längst mit eingepreist. Doppelsprech mit Hintersinn also.

Facebook. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=1oEdQidzc0E

Wozu brauchen Unternehmen das? Arbeitsplätze der Zukunft sind verhaltensökonomisch durchge’tuned’e Aktionsräume, die – je nach Fokus: ob konzentrations-, kreativitäts- oder kommunikationszentriert – jeder Mitarbeitergruppe diejenigen Anreizstrukturen liefern, die den gewünschten Verhaltensreflex auslösen. Solche Kalibrierung, die erst im digitalen Zeitalter real möglich sind, läuft über nahezu alle Sinneskanäle: über haptische Strukturen (Büromöbel, Stoffe), Optik (Farben, Raumachsen), Olfaktorik (leistungssteigernde oder entspannende Düfte) und Akustik (KI-gestützte Klangteppiche für unterschiedliche mentale Ziele und Zwecke). Vegetarische bzw. vegane Küche für die richtige energetische Grundlage und das hauseigene Sport-Studio müssen nicht erwähnt werden. (Warum das die Krankenkassen interessiert bzw. unterstützen, ist ebenso offensichtlich: Hier lässt sich ein gigantischer Kostenblock reduzieren.)

Indikatoren

Die verdeckte Schnittmenge zwischen solchen psycho-medizinischen Zielen von Präventionsstrategien und Unternehmensinteressen wird selten so offensichtlich wie an der boomenden Achtsamkeitsindustrie. Die Erwartung, nach ein paar Kursen Mindfulness die Welt mit anderen Augen zu sehen, ist absurd – das dämmert allmählich auch den Kursteilnehmern. Zwar werden eine Menge Meditations- und Fokussierungstechniken gelehrt, nicht aber der schmale Grad zwischen: den Fokus abstellen (was eigentlich Sinn und Zweck ist: sich in Selbstbeobachtung und Wertungsabstinenz zu üben), und: sich mit dem eigenen Ego beschäftigen. Dass der Erfolg nahezu aller boomenden fernöstlichen Sport- und Mental-„Bewegungen“ auf diesem feinen Kipppunkt aufsetzt, ist das bestgehütete Geheimnis der Branche (das jeder kennt, der die Situation im Umkleideraum des Yoga-Studios erlebt hat: Die Egomanie sogenannter „erfahrener Experten“ steht der High-Status-Aura von Vorständen in nichts nach). Wettbewerbliche Rat-Races lassen sich eben nicht nur ökonomisch und sportlich in Szene setzen, sondern auch mental – darüber läuft das aktuelle, fast spirituelle Upgrade des GM. In Anlehnung an ein bekanntes Sprichwort ist man geneigt zu beten: ‚Gott, gib mir die Technik, Gelassenheit zu finden, wenn ich sie finden will, den Mut, mein Ego einzusetzen, wenn meine Umgebung es erfordert, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.’

Praxis à la l’Europe

Davon, das zu lehren, ist unser GM freilich Welten entfernt. Die Pervertierung der Achtsamkeitsmanie (achtsam kochen, Achtsamkeit für Schwangere, achtsame Kommunikation usw.), die im GM-Angebot eine ganz neuartige Rechtfertigung für narzisstische Selbstbespiegelung liefert, ist eine der effektivsten Legitimationsgrundlagen für den Boom der „Future Working Spaces“ – denn die Mitarbeiter dort dürfen an solcherart modernem GM teilnehmen, und zwar kostenfrei! Diese Taktik plustert nicht nur das eigene Status-Empfinden auf, sondern stärkt auch die Bindung. Gebraucht werden schließlich agile Mitarbeiter, die ‚always on’, kreativ und ‚open-minded’ sowie zu jeder Zeit kommunikationsbereit und inspirierend für ihre Ansprechpartner sind. Dafür bedarf es Fokus! Die alltagsbestimmende „Pimp Youself“-Maxime, die erforderlich ist, um dieses Pensum 10, 12 oder mehr Stunden lang durchzuhalten, dürfte in den Wirtschaftsorganisationen der Zukunft durch entsprechende Corporate Sound-Gardens, technologisches, sinnliches und therapeutisches Enhancement sowie verhaltensbiologisch entsprechend der Unternehmensziele angepasste „Embodiment“-Konzepte (wie der menschliche Körper in seiner unmittelbaren physischen Umgebung verhaltensziel-optimiert positioniert werden kann) noch höchst kreativ erweitert werden. In den USA und China gibt es dazu bereits (ehr-) furchterregende Benchmarks zu bestaunen.

Nun sind wir in Europa und erfreulicherweise sieht das hier (noch?) nicht jede Firma so. Was also können Unternehmen mit einer anderen, unserer soziokulturellen Agenda tun?

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  1. Befragen: Menschen wünschen sich ganz unterschiedliche Arbeitsumgebungen (s. Grafik, Quelle). Soweit es die eigenen Räumlichkeiten zulassen, kann man diesen Wünschen Rechnung tragen. Moderne Architektur bietet zahlreiche Möglichkeiten, Räume auch ohne Wände auszudifferenzieren.
  2. Individualisieren: Viele Menschen finden beispielsweise Mentaltrainings, Achtsamkeits- oder Resilienz-Themen interessant – und erleben in ihrem eigenen sozialen Umfeld mit, wie der Hype Kreise zieht. Wen das interessiert, der sollte auch teilhaben und entsprechende Optionen nutzen können. (Entideologisiert hat Achtsamkeit großartige Seiten.)
  3. Schulen und reflektieren: Wir driften bereits seit Langem vom Hierarchie- ins Selbst-Management. Gesellschaft und Wirtschaft sind darauf nicht vorbereitet und qua Tradition gegenteilig aufgestellt. „Agile Methoden“ oder digitale Selbstkontrolle dienen bei dieser Umstellung lediglich als nützliche Sprungbretter, um in diese neue Welt zu gelangen. Damit ist aber noch kein Umschwung unserer Bewertung verbunden: Finden wir das auch gut? Denn die Urteilsmaßstäbe in den Unternehmen sind praktisch alle noch klassisch-betriebswirtschaftlich. Die Firmen werden nicht umhin kommen, sich damit auseinanderzusetzen, wie und warum sie diesen Wandel mitmachen. Nur, wenn man den Sinn und Zweck von mehr Selbstorganisation für die eigene Firma / den eigenen Bereich klärt und sich damit verorten kann, erscheinen diese „Tools“ in anderem Licht: Man lernt sie einzuschätzen und kann sich ins Verhältnis setzen; die Vorbedingung dafür, überhaupt einen Standpunkt zu gewinnen. Auf diesem Weg kommt man zu Interesse und Akzeptanz seitens der Mitarbeiter, automatisch über Tools aber nicht.

Ausblick

Gesundheitsmanagement ist eine gute Sache – freuen wir uns, dass moderne Unternehmen die Relevanz dieses Handlungsfeldes erkannt haben. Noch mehr würden wir uns allerdings freuen, wenn wissenschaftliche und spirituelle Traditionen, die hier hineinspielen, auch gemäß deren Intentionen und Ursprungsmotiven (unserem „Kontext“) respektiert und nicht von globalen Kapitalinteressen ignoriert bzw. geprägt würden. Die westliche GM-Szene ist in erheblichem Maße US-amerikanisch-unternehmensideologisch unterwandert. Das schmälert nicht das Potenzial von GM, spiegelt aber ein zunehmendes Problem der handelnden Personen mit der Rechtfertigung ihrer Programme: Das Publikum wird kritischer und fragt nach; ist zwar gut informiert, verhält sich aber dennoch passiv. Unternehmen können ihre Bindung zu Mitarbeitern auf eine andere Grundlage stellen, wenn sie Angebote zum Gesundheitserhalt schlicht als das kommunizieren und anbieten, was sie sind: Angebote zum Gesundheitserhalt, keine verdeckten „Nudges“ für mentale Performance-Steigerungen im globalen Innovationswettlauf.

In Europa – das ist die Lernkurve – sollte das keinesfalls miteinander identifiziert werden: Die Herkunft unserer sozialen Marktwirtschaft aus der Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts ist etwas völlig anderes als diejenige der Silicon Valley-Milliardäre aus den Dynastien der amerikanischen Tycoons wie Rockefeller, Vanderbilt & Co. Leider weiß ein erheblicher Teil unserer hiesigen Ökonomen nicht mehr, wer wir sind – die Bevölkerungen allerdings sehr wohl. Hier gilt es eine Disbalance wieder ins Lot zu bringen.

P.S.:
In der wissenschaftlichen Zukunftsforschung gibt es erste Hinweise darauf, dass digitalisiertes GM psychische Probleme am Arbeitsplatz sogar fördern kann – und damit direkt soziale Kosten verursacht. Eine solche Zukunft will hierzulande kein Mensch: Die nun schon seit 2.500 Jahren ihre eigene Evolution entwickelnden Europäer haben gelernt, vor Umsetzung einer Innovation nach „unintended byproducts“ zu fragen. Das unterscheidet sie auch im 21. Jahrhundert fundamental von ihren jungen Verwandten in der neuen Welt (nur haben das unsere Führungsebenen noch nicht bemerkt). Überlasst Newspeak und Doublethink den Dystopien – bei uns gilt: Zukunft durch Herkunft!