Wollt Ihr ein totales »Ja« zur KI?

In Deutschland tobt ein Glaubenskrieg über das Für und Wider von künstlicher Intelligenz. Mit von der Partie sind gesellschaftliche Stimmen auf der einen und Expertenkreise auf der anderen Seite: Software-Entwickler, IT-Fachleute, Ingenieure, kalifornische KI-Promis („O-Töne“!), Unternehmenslobbyisten, Maschinenbauer, journalistische Smart-Capitalism-Fans, Corporate Foresight- und F&E-Abteilungen in Firmen. Beide Seiten sind voll engagiert. Erst gar nicht beteiligt sind Geistes- und Sozialwissenschaftler.

Dummerweise beschäftigen sich jedoch viele Menschen gerade mit den sozialen Folgen von Maschinen-Intelligenz und sorgen sich um deren gesellschaftliche Konsequenzen. Doch wird den (Über-)Vorsichtigen, Skeptikern und dystopischen Gemütern unter ihnen zumeist eine barsche Abfuhr erteilt: Sie besäßen zu geringes Wissen („KI kann mehr Tätigkeiten und Shit-Jobs übernehmen, als viele glauben“), würden die falschen Schlüsse ziehen („gegen überlegene Technik anzukämpfen ist sinnlos“), wären gar verantwortungslos („wir müssen im globalen Wettbewerb schließlich bestehen“). Wir bräuchten eine grundsätzlich positive Einstellung zum Thema, schallt es unisono aus der Digitalfraktion. Hinterfragt man diese Faszination, dieses jegliche Einwände niederwalzende „Pro KI“ und den überbordenden Druck, der gerade aufgebaut wird, kippt die Debatte in altbekannte Zuschreibungen: Bedenkenträgerei, Gewerkschaftsmentalität, Kirchenpositionen, Technikfeindlichkeit, Konservatismus von Ewiggestrigen, Bürokratiehörigkeit u. A. m. seien hier am Werk. „Ihr blockiert den Fortschritt!“

Nun ist unstrittig, dass Deutschland den Anschluss halten muss. Etwas anderes will auch niemand: Belege für Ignoranz in der hiesigen Bevölkerung, für Technikfeindlichkeit oder Hinweise auf eine kollektive Rückwärtsgewandtheit gibt es keine. Allerdings existieren Erhebungen zur KI durchaus – zum Beispiel zur Stimmungslage in Sachen Digitalisierung:

  • Das Vertrauen gegenüber der Fähigkeit der Wirtschaft, die Digitalisierung steuern zu können, ist dramatisch gering: Nur 18 Prozent der repräsentativ Befragten glauben, die ökonomisch Verantwortlichen würden den digitalen Wandel erfolgreich managen.
  • Der Politik wird ebenso wenig zugetraut: Jeder Zweite hat Angst vor einer „totalen Überwachung“. Und deshalb ist der Wunsch nach Veränderungen im Umgang mit Daten groß: 55 Prozent erhoffen sich eine Stärkung der Verbraucherrechte.
  • Jeder Zweite vertritt außerdem die Ansicht, die Digitalisierung führe zu einer enthemmten Kommunikation in der Gesellschaft sowie zu Oberflächlichkeit und Selbstdarstellung, zum Beispiel aufgrund anonymisierter Autorenschaft in den sozialen Medien. Dies und mehr im DigitalBarometer 2018.
  • Letztlich ist eine generelle Skepsis auch gegenüber den Institutionen zu verzeichnen. Nur 14 Prozent der Befragten denken beispielsweise, dass Schulen, Universitäten und Ausbildungsbetriebe gut für die Digitalisierung vorbereitet seien. Bei den heimischen Firmen unterstellen das auch in einer anderen Untersuchung nur 20 Prozent; so die Vermächtnisstudie (2019).

Zu einem großen Teil, so die Quintessenz der Sozialforscher, hätten sich die Deutschen von ihren Eliten in Politik und Wirtschaft emanzipiert, soll heißen: von Versprechungen und Programmen. Sie verspürten eine „Sehnsucht nach Zusammenhalt“ und forderten ein stärkeres Wir-Gefühl ein, erwarteten Derartiges aber nicht mehr von ihren sozialen Einrichtungen, sondern schauten auf sich. Gibt es hier also ein Problem mit der Gesellschaft? Will sie nicht? Ist sie schuld? Muss man ihr die allzu menschelnde Sichtweise austreiben („naiv“)? Wir bräuchten einfach nur eine positivere Sicht der Dinge, klingt es aus dem Echoraum der KI-Experten. Das Erziehungsprogramm für Optimismus läuft auf Hochtouren, nachzulesen in beinahe jedem Wirtschaftsmagazin, auf Kommentarseiten und im Wirtschaftsteil der Leitmedien. Alles gemäß eines technologischen Weltbilds aus dem 19. Jahrhundert – da weiß man zuverlässig, wie technologischer Fortschritt funktioniert.

Debatte mit Schlagseite

Bloß steht dort die Gesellschaft nicht mehr – sie ist längst im 21. Jahrhundert angekommen. Die Zahlen aus den Sozialforschungsinstituten lassen sich nämlich auch anders lesen: als Ausdruck eines gesellschaftlichen Gestaltungsanspruchs in Richtung Führung, der stoisch tabuisiert und verweigert wird; daher die massiven Inkompetenz-Zuschreibungen an Wirtschaft und Politik. Woran dieser perspektivische Bruch liegt? Daran, dass die sogenannte digitale „Transformation“ seitens der Meinungs- und Führungseliten als mentalitätserhaltendes Programm durchgezogen wird. Es fußt auf der unausgesprochenen Vorstellung, dass sich die Menschen der technologischen Welt um sie herum anpassen müssen, die Technologien selbst jedoch nicht veränderbar seien. Diese gelten quasi als monolithischer Block, als Datum: ein Gegebenes, und geistern wie magische Wesen nach Art „digitaler Dementoren“ durch Köpfe und Debatten, die Angst und Schrecken verbreiten. Das liegt jedoch nicht an den Technologien, sondern an den Imaginationen derer, die über sie das Wort führen. Und für Informatiker sind Technologien in Struktur und Gestalt selbstverständlich ein Datum, fraglos fest definiert und nicht wandelbar. Aber gut: Solche Fragen sind eigentlich auch nicht ihr Behuf.

Eigentlich. Denn andere Gestalter des digitalen Sozialraums sind nicht in Sicht. Woher der geistige Totalausfall sozialwissenschaftlicher Flankierung dieser Situation herrührt, ist letztlich kaum erklärbar. Aus verfehlten Anreizen im akademischen System? Aus der Ausdünnung legitimierter Issues und festvertraglicher Arbeitsstrukturen? Vom Personalabbau in den Medien? Ja, sicherlich auch. Fakt ist jedenfalls: Soziale Gestalter haben die Diskurshoheit inzwischen an die Digital-Elite abgegeben. Das ist schön für die Geeks (Computer-Freaks) und schlecht für Gesellschaft und Unternehmen – denn Wirtschaftsorganisationen brauchen zwingend Rückhalt in der Gesellschaft (Mittelständler noch mehr als globale Konzerne). Teile der Bevölkerung aber haben inzwischen genug vom geistigen Blackout ihrer New Leader.

Erst in dieser Perspektive erhellen sich Sinn und Hintergrund der aktuell vermessenen Stimmungslage: Die kollektive Orientierung wird selbstreferentiell. Die Absetzbewegungen der Bevölkerung von der Mentalität ihrer Entscheider lassen sich inzwischen mit Zahlen belegen. Die Menschen verlieren die Geduld mit Leuten, die Gemeinwohlorientierung predigen und sie praktisch einkassieren – denn mit europäischen Werten (Soziale Marktwirtschaft, Sozialstaat, Gemeinwohlorientierung usw.) lässt sich eine Maschinengesellschaft logisch nicht vermitteln. Dazu müsste man erst gestalten, und zwar auch die Technologien.

Dass dies nicht stattfindet und die soziale Welt längst den Informatikern (und mental gekaperten Medienvertretern) zu gehören scheint: Das ist die Dystopie, nicht die KI. Und wer davon profitiert, sind nicht nur die Informatiker, sondern genauso und vor allem die Populisten.