Bet & Win 2020: „Mutmacher gegen Angsthasen“

Im Mai 2019 kommentierte Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der Europawahl Lage und Zukunft des Kontinents folgendermaßen:

In diesen Wochen wurde des 500. Todestages von Leonardo da Vinci gedacht. Die Erinnerung an diesen Universalgelehrten ruft noch einmal ins Bewusstsein, dass für die längste Zeit in den vergangenen fünf Jahrhunderten viele der wichtigsten Erfindungen aus Europa gekommen sind. Das ist nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr so. Das muss uns umtreiben. Denn ohne die materiellen Grundlagen werden wir weder unsere sozialen noch unsere ökologischen Ansprüche erfüllen, noch werden wir anderen Staaten helfen könne (SZ Spezial Europa 16.5.19).

Auftrag für 2020: Mehr Mut zur Zukunft! Es steht außer Frage, dass Europa vor Herausforderungen steht, für die die meisten Antworten noch fehlen. Und auch, dass der Kontinent in einer wirtschaftlich hoch vernetzten Welt materielle Ressourcen braucht, ohne die diese neuen Antworten nicht realisierbar sein werden. Auf dem Weg von der bekannten Gegenwart in eine ungewisse Zukunft, die gefühlt offener ist denn je, stehen nahezu alle Gesellschaften unter Druck: europäisch-institutionell, national, sozialpolitisch wie ökonomisch. Insbesondere die Ökologiedebatte ist Treiber dieser Pfadsuche, denn in diesem Feld fehlen ausnahmsweise einmal keine Antworten, sondern „nur“ Taten. Gerade hier wird sichtbar, wie durchschlagend die materielle Dimension der Entwicklungsdebatte tatsächlich ist: Im Zweifelsfall werden ökologische Belange in der Agenda einfach nach unten durchgereicht – gegenwärtige Interessen und Ressourcen sind irgendwie immer wichtiger.

Mut für was?

Aber hier bricht noch etwas Anderes, Interessantes auf, das in Politikerreden nicht auftaucht. Immer dann, wenn es um heikle Fragen geht – Fragen, von denen jeder weiß, dass sie nicht nur wichtig, sondern existenziell wichtig sind –, steht plötzlich Vages im Raum. Nichts Konkretes, Materielles, sondern eine Unschärfe, was wir ‚eigentlich’ meinen, wenn wir etwas sagen. Zum Beispiel: Wie wichtig ist „existenziell wichtig“ genau? (In ökologischen Belangen: nicht so richtig wichtig.) Was genau meinen wir, wenn wir über die Lage unseres Kontinents sprechen? (Zusammenhalt? Politische Stabilität? Bürgersicherheit? Zukunftsprojekte, Ideen?) Wie genau meint Frau Merkel den Zusammenhang zwischen Erfindungsgeist und materiellen Ressourcen? (Folgt das zweite automatisch aus dem ersten, wie hier unterstellt? Oder ist es womöglich umgekehrt – oder gibt es vielleicht überhaupt keinen direkten Zusammenhang, sondern zahlreiche indirekte Effekte?)

Die Schar der Mutmacher, Eigensinn-Prediger und Pastoren des „Jetzt seht nicht immer alles so negativ“, die uns ins 2020 hineingequatscht haben, wollen genau solche Fragen partout nicht hören: Akademische Erbsenzählerei. Dass Europa geistig-ideell austrocknet, wie Angela Merkel angesichts eines unserer berühmtesten Universalgelehrten bemerkt, liegt jedoch nicht (nur) an fehlendem Kapital, sondern auch an der unnachgiebigen Tabuisierung solcher Weglassungen, Unbestimmtheiten, von Geraune und Parolen. Nachfragen unerwünscht. Um den Jahreswechsel herum haben viele fleißig weiter an diesem mehrdeutigen Meinungsgewaber herumgedoktert: Digital- und Medieneliten, Politik, Wissenschaft (Hauptsache Zahlen!), Unternehmen. „Es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen“, lautet der alte Schlachtruf (manche sind gar schon bei ‚Lösungen’).

Ist das gute Führung? Was bedeutsam und wichtig ist, war früher klar und eindeutig. Heute ist das nicht mehr so. Inzwischen hat man sich deshalb aufs Suggerieren verlegt: Was relevant ist, wird nahegelegt, eingeredet, in Dauerschleifen ständig wiederholt. Nach der tausendsten Wiederholung – so der qualitative Sprung, der hier inszeniert wird – glauben es die Leute dann schon.

Man bemerkt die tiefe Verunsicherung aller, auch der Mut-Zusprechenden selbst, an deren eigenen Verhaltensmustern: Vormals abseitige Verschwörungstheoretiker und Trolle werden heute von politischer Seite ernsthaft pariert, wir bestaunen mitunter inzwischen „Entschuldigungen“. Der Staat interveniert emsig bei jedem Problem, ob bei Sozialstaatsmissbrauch, Steuerhinterziehung, Klimaschutz oder Internetkriminalität. Die Gesellschaften konzentrieren sich auf Mikrointerventionen und versuchen detailreich und improvisatorsich eine Gesamtlage in den Griff zu bekommen, deren Profil sie nicht annähernd beschreiben können. Darüber hält die „Postfaktizität“ Einzug und erstarkt. Nichts Genaues weiß man nicht, „es gibt keine einfachen Antworten mehr“, alles „komplex“. Hilft dieser Habitus – zelebriert vom hierarchischen Oben in der gesamten sozialen Breite – für Erfindungen, mehr Zuversicht, Mut? Soll das die Rezeptur für 2020 sein? Stellen wir uns damit jetzt alle auf die Hinterbeine?

Unser Spiel-Tipp

Dass die ganzen Mikroreaktionen des Systems in der Sache etwas bewirken, oder dass ein lang genug anhaltender Wirtschaftsboom die meisten Probleme von selbst lösen werde, glaubt kein Mensch (sie würden nur weniger sichtbar). Der 2020-Kaiser auf den Bühnen dieser Welt ist nackt, und alle sind hochgradig damit beschäftigt, ihn nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen – darin besteht die Erblindung auf dem geistigen Auge. Dieses Verhaltensmuster ist kein unbewusster Kollateralschaden oder eine unbeabsichtigte Nebenfolge, sondern der Effekt einer untergründigen, vermutlich universalen Gefühlslage: Angst. Anders ist die Dauer-Einrede von „Mehr Mut“ auch kaum zu erklären (die KollegInnen aus der Psycho-Fraktion helfen gern weiter).

Im Spiel „Mutmacher gegen Angsthasen“ tippen wir: Die mutigen Helden gewinnen 2020 haushoch, aber dieser Sieg ist wertlos. 2021 geht’s weiter, als ob nichts gewesen wäre. Der Grund: Beide Mannschaften spielen um ganz unterschiedliche Trophäen: Die einen um Wachstum, die anderen um Sinn. Diese Schlacht ist für niemanden zu gewinnen – ein Zermürbungswettbewerb, so teuer, zeitvergeudend wie zwecklos. Was wir indes aus der Geschichte lernen könnten: Die Sinnvernarrten verlieren viele Schlachten, gewinnen letztendlich aber jeden Krieg, weil sie die Latte immer weiter absenken. Das ist ihre Strategie. Sie stellen anfangs die richtigen Fragen und drehen, wenn sie nicht gehört werden, ab.

Mit Mut in den Schwachsinn?
Aber das Jahr ist ja noch jung.