Vordenken statt nachdenken: Corona bewerten

Zerfällt die Gesellschaft, erleben wir eine weltweite Rezession, löst sich die EU auf, geht alles den Bach runter? Oder führt der Schock zu einer besseren Welt, beschleunigen sich Resilienz, Wandel und endlich das neue ‚Wir‘, werden wir schließlich doch noch agil, ‚Gott-sei-Dank gab es Corona‘ (werden wir sagen), ‚alles hat auch ein Gutes‘, das uns zwar Husten, mental und praktisch aber auch Beine gemacht hat…?

So schnell gehen Krisen heute. Die Optimismus-Industrie läuft inzwischen gleich von Beginn an auf Hochtouren, VUCA sei dank. Die Massen brauchen schließlich Orientierung, wer den Kopf in den Sand steckt, ist nur Erfüllungsgehilfe von dystopischen Self-Fulfilling-Prophecies, wer will das schon, also lasst uns den Schrecken in Visionen ersticken anstatt die Chancen zu verstolpern, wir sind drei Schritte voraus, wer kann mehr? Was könnten wir brauchen, was aus der Situation machen, wie werde ich zum Krisengewinnler? ‚Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch’ – seien wir das Rettende! Lassen wir (alte Dialektiker, die wir sind) die Gefahr zum Kreativ-Coach werden, wär’ doch gelacht.

 

Der Email von beginnender Kurzarbeit im mittelständischen Betrieb folgt die Bekundung stiller Vorfreude eines IT-Dienstleisters auf kommende Tracking-Technologien im Gesundheitssektor: Mit Big Data in die medizinische Zukunft, Herr Spahn will’s doch auch. Den Kamerabildern von italienischen Militärkonvois (alias Leichenfracht) folgen Gesangsszenen von Balkonen aus Mailand. Rührend, beeindruckend, wie solidarisch wir sind! Alten Menschen wird Unterstützung beim Einkaufen angeboten, so viele Gespräche mit den Nachbarn gab’s lange nicht. In den Apotheken werden wegen Hamsterkäufen Schmerzmittel rationiert. Das Einzelkind muss nun erst mal alleine spielen, die Eltern vom besten Freud haben Angst, kein Besuch. „Könnten wir mal euer Bobbycar für ein paar Stunden ausleihen?“ „Ähhhh – gerade kaputt.“

Als nüchterne Wissenschaftler nutzen wir Zukunftsforschung für das, was Wissenschaft auch kann, in unserer Tradition aber nicht ist. Wir verpassen in den nächsten Wochen der Eule der Minerva, die laut Hegel erst in der Abenddämmerung kregel wird, eine satte Zeitverschiebung von 12 Stunden: Die Gute darf bereits morgens losflattern und ihren Geist ausnahmsweise einmal zur Verfügung stellen, bevor alles zu spät ist. Hinterher sind alle klüger, schon klar – aber was lässt sich im Auge des Orkans über dessen Folgewirkung sagen? Geht das, vordenken statt nachdenken? Ab morgen mehr. Gleiche Stelle, gleiche Welle.