Corona bewerten. Neues übers Lernen

Im Bildungssektor gibt es das Buzzword vom lebenslangen Lernen – eine Wortschöpfung von Menschen, in deren Leben Lernen durch Erfahrung (= ereignishaftes Erleben von etwas, das Körper, Seele und Geist betrifft und uns verändert) zur Ausnahme geworden ist. Die Komfortzone dafür ist im Westen inzwischen zivilisatorisch einigermaßen ausgepuffert: Wenig Kriege, Katastrophen oder Strafen Gottes, und, bislang zumindest, kaum Seuchen (Ebola etwa blieb glücklicherweise ‚draußen vor der Tür’). Wir können und müssen deshalb damit anfangen, unseren geistig-mentalen Fortschritt anders, strukturiert und technologisch komfortabel über stete Wissenshäppchen zu organisieren. Das kann jede*r auf eigene Weise tun, immer dann, wenn’s pressiert, alles agil, individuell, potenziell 24/7, das ganze Leben über. Das Projekt ist völlig ungefährlich – und betritt man dazu die VR, muss man noch nicht einmal das eigene Sofa verlassen.

Das Sofa verlassen müssen wir aktuell auch nicht, aber Lernen funktioniert plötzlich anders. Wie von selbst, ohne Anmeldung, global 24/7, unabsehbar fortlaufend, intensiv, mit Höhen und Tiefen, derzeit mehr Tiefen, nur kann sich keiner erinnern, den Kurs gebucht zu haben. Ein Schwarzer Schwan segelt über uns hinweg, dabei wurde erst vor fünf Jahren ein (kleinerer) Artgenosse gesichtet, und die EU knabbert an der Migrantenfrage bis heute. Die Viecher vermehren sich rasant, und keiner weiß, wo sie herkommen. Woran liegt das?

Zukunftsforschung plädiert in solchen Fällen – in Bewertungs-Blackouts – für eine Überprüfung der Perspektive. Tote Winkel und Blinde Flecken sieht man nicht, das ist ihr Charakteristikum, und deshalb tummelt sich da schnell allerlei Getier, das wir nicht gebrauchen können (unter anderem mutierte Enten). Der Börsenkurs menschlicher Erfahrung liegt schon lange am Boden, interessiert hat uns das in den letzten Jahrzehnten immer weniger. Erfahrung ist anstrengend, man altert dabei. Gefährlich ist sie auch, man weiß vorher nicht, was aus ihr folgt. Heute heißt Erfahrung Störfall, zeitgeistig und freundlicher formuliert: Disruptive Learning. Selten sind fest etablierte Alt-Erfahrungen gründlicher ausgehebelt worden als

  • durch die neuesten, netzwerkartig zustande kommenden Neu-Erfahrungen (wo doch Netzwerke als agil, innovativ und zukunftsprägend die Zukunftsagenda bestimmen),
  • mit den sich abzeichnenden wirtschaftlichen Umbrüchen (durch eine wohl weitgreifende, womöglich globale Rezession, auch bei uns, trotz prall gefüllter Staatskassen),
  • inmitten der aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Zustände (durch Machtlosigkeit, Überlastung, Engpässe),
  • innerhalb der aktuellen sozialen (in Isolation).

Teile einer Generation, die davon träumt, noch die erste bemannte Marsmission miterleben zu können, die transhumanistische Visionen pflegt und den Krebs besiegen möchte, steht unterm Frühlingshimmel in einem viralen Kraftfeld, das als uralt-bekanntes plötzlich wieder neu auftritt. Menschen sind verletzlich, versehrbar und trotz aller Zivilisation nicht vor ihrem Bios geschützt bzw. zu beschützen. Der Logos (Fortschritt, Technologie, Zivilisation, störfallfreies Lernen) ist eine feine Sache, bloß ist er unwahr, falsch, lügnerisch, wenn er diese biologische Banalität entwertet und verdeckt; das bekommen wir gerade zurückgespiegelt. Je weiter sich das heraufdämmernde Maschinenzeitalter entwickelt, je kontrolliert-programmierbarer, messbarer, codierter und absehbarer unsere Welt und ihre Muster, desto größer wird dieser blinde Fleck, denn die neue, weitgehend erfahrungsentleerte Welt überblendet genau die organische Zone, die uns lange hat ganz anders lernen lassen und weswegen es uns noch gibt. Schön war das nicht, nur funktional, evolutionär erfolgreich. Darüber haben wir uns als Gattung weiterentwickelt. Resilienz wohnt nicht im Gehirn, sondern in Lebewesen. Diese alte, frühe, nicht beherrschbare Zone rückt immer weiter aus unserem Gesichtsfeld. Stürzen wir mal ab, ist das eine „Lernkurve“ (resp. „Herausforderung“) – Motto: Jetzt erst recht! Technologieförderung zum Beispiel hilft.

 

Wenn es um das Überleben der Gattung geht – ökologisch oder ökonomisch oder medizinisch-biologisch – ist die Vernunft allein kein hinreichender Eckstein. Dazu braucht es Erfahrung, ohne Physis läuft nichts. Nicht ohne Grund sprechen Zeithistoriker in solchen Phasen von Schocks; die Weltkriege waren Hochzeiten. Und auch im 21. Jahrhundert können plötzlich Tausende versterben, sind Menschen zu Außergewöhnlichem fähig (solidarisch weit über die eigene Kraft hinaus und maßlos egoistisch). Die Einsicht, dass der Fortschritt großartige Instrumente bereitstellt, wir uns deswegen aber noch lange nicht weiterentwickeln, nicht zu anderen Wesen werden, etwa unsere Versehrbarkeit verlieren (wir können nur sterben), ist vielleicht ein nächster Schock, eine „Kränkung“. Vielleicht aber auch nicht – denn das wäre Erfahrungslernen. Wollen, können wir das noch?

Welcher Mensch, welche Organisation, welches Unternehmen könnten Sie sein, das zu dieser post-coronalen Weltsicht etwas beiträgt? Dazu müssten Sie aus dem Lernkreis austreten und in den Erfahrungsraum eintreten. Was könnten Sie anders nutzen oder anwenden, was anders betrachten und kommunizieren, was umwidmen, perspektivisch verschieben? Zukunftsforscherisch getriebene Ökonomien (vor allem die kalifornische) sind voller Volten, die eigene Norm, den eigenen ‚wie wir es hier machen’-Weg, den Mainstream andauernd zu korrumpieren; sich selbst zu ‚kannibalisieren’. Dabei gehen Unternehmensteile regelmäßig unter – bloß treibt man das selbst kontrolliert voran. Etwas umzuwandeln, das größte Problem zu überspringen (meistens hakt es sowieso bei anderen Dingen), die Richtung umzukehren (um zu sehen, was sonst niemand sieht, um etwas tun zu können, was außer einem selbst niemand kann), Probleme zu lösen, bevor sie eintreten – zu antezipieren, ist so ziemlich das Unbetriebswirtschaftlichste, Irrationalste und Unprofessionellste, was Sie machen können. Aus Sicht gestriger Erfahrung.

Wie also bewerten Sie Corona? Machen Sie gerade Erfahrungen oder „lernen Sie aus der Krise“? Um in der ökonomischen Entwicklung auf Augenhöhe zu bleiben, werden wir einige Container im Kopf ausrangieren müssen.