Corona bewerten. Szenariowahn und „wirksam manipulieren“

In diesen Tagen hört und liest man häufig von Szenarien: Über die Ära nach Corona, über wirtschaftliche Effekte der Krise, über die Zukunft der Finanzmärkte oder der EU, über Varianten einer kommenden globalen Rezession. Newsletter und Kommentare sind voll davon. Die Botschaft: „Wir berücksichtigen alternative Entwicklungen und verfallen nicht vorschnell in Scheinlösungen oder vermeintlich einfache Antworten. Wir fächern Optionen auf.“

Was sich bereits seit Jahren abzeichnet, bestätigt und beschleunigt sich gerade. Die Szenariotechnik degeneriert (oder adelt sich, je nach Interessenlage) in rasendem Tempo zu einem Werkzeug der Tiefenmanipulation. Verhaltensökonomisch informierte Wissens- und Meinungseliten (politische Institutionen, Bundesligavereine, Banken, Universitäten u. A.) nutzen sie zunehmend als kleine Schubser [Nudges] in die richtige Richtung. Wir sollen Versionen möglicher Zukünfte sehen, verstehen und danach urteilen, entscheiden, handeln. Das Wie steht unausgesprochen bzw. unsichtbar gleich mit dabei – was eine neue Qualität öffentlicher Kommunikation ermöglicht. Kollektive Steuerung durch die Nahelegung oder gar Stiftung von Sinn und Bedeutung; ein effektives wie effizientes Tool.

Da verhaltensökonomische Allgemeinbildung im Westen bis heute praktisch einen Totalausfall darstellt, sind dieser neuartigen Sozialtechnologie Tür und Tor geöffnet. Die Gesellschaft bekommt sie kaum mit. Was meint Szenariotechnik ihrer Grundidee nach? Ursprünglich als aus der Zukunftsforschung stammende Hilfe für qualifiziertes Entscheiden gedacht, malt sie Handlungsmöglichkeiten in Form kleiner Szenen aus, wie beim Theater (daher der Name). Militärs haben anfangs kleine Strategeme regelrecht aufgeführt, jeder Mitspieler personifizierte zum Beispiel in einem Konflikt ein Land und man spielte durch, wie im Falle von Krieg, Frieden, Angriff oder Verteidigung die einzelnen „Personen“ reagierten. Da Länder nichts anderes sind als Menschenkollektive, funktionierte das verblüffend gut. Daran hat man herumgefeilt und heraus kam die Szenariotechnik.

Was wir heute in den Medien vorfinden (vor allem zu Post-Corona), ist etwas völlig anderes. So, wie die verhaltensökonomisch aufgestellte Nudging-Abteilung neben Frau Merkel in Berlin mit Hilfe solcher Framing-Methoden „Wirksam regieren“ will, so wollen EU-Politiker oder Think-Tanks wirksam manipulieren. Der Mechanismus ist simpel:

Biete den Leuten vermeintliche Alternativen an, aus denen sie selbst – autonom, freiwillig, ohne jeden Zwang und eigenverantwortlich – auswählen können. Dabei sind die alternativen Zukunftsbilder so anzulegen, dass ernsthaft eigentlich nur eines infrage kommt. Der Rest ist entweder extrem, unsymphatisch oder es kommt etwas Wichtiges als Szenario überhaupt nicht vor (was nicht weiter auffällt, es gibt ja genug Ablenkung durch anderes). Und schon hast du ein vorjustiertes Entscheidungssetting auf Grundlage freiheitlich-demokratischer Grundordnungen, gegen das niemand etwas einwenden kann.

 

Legen wir etwa etwas nahe? Sagen wir den Leuten, was richtig, was falsch ist, was sie tun sollen? Nein – das wählen sie doch selbst! Robert Jungk, Ossip K. Flechtheim und die anderen würden sich im Grabe umdrehen. Das war mal anders gedacht, nämlich als Fortsetzung europäischer Aufklärung mit nächsten, besseren Mitteln. Um Aufklärung geht es hier jedoch als letztes. Zum Beispiel kommen häufig von den jeweils vorgestellten „Szenarien“ die meisten derart kurios, abwegig oder dystopisch-pessimistisch daher (die Welt geht unter), dass es unter der Würde eines jeden mit Restvernunft begabten Wesens ist, sich damit überhaupt zu beschäftigen. Aus dem mentalen Morast solcher Zukunftsbilder erstrahlt so einzig eines hell und ‚überzeugend’ – so funktioniert dieser Mechanismus. In Sachen Corona kann man in dieser Art bereits heute zahlreiche Szenarien gemäß der post-coronalen Devise ‚Was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker’ bestaunen, Motto: ‚Ihr werdet schon sehen, Corona wird einen Schwung an Positivem bringen, an den ihr Kleinmütigen heute noch gar nicht denkt!‘ Beim Lesen kommt einem der Gedanke, wir müssten Gott, der Evolution oder dem Kosmos für solche Katastrophen eigentlich dankbar sein, denn wegen ihnen geht’s voran.

Neben der Strategie, unter mehreren Szenarien lediglich eine moralisch, sozial oder politisch glaubwürdig zu ‚framen’, gibt es viele andere. Eine besonders keck-unterhaltsame stammte kürzlich von Thomas Bach & Japanese Friends. Mehrere Szenarien wurden präsentiert, was man angesichts von Corona nun mit den Olympischen Spielen macht – eine Verschiebung ins nächste Jahr war gar nicht erst darunter. (Bis das IOC nach nationalen Verbandsabsagen im Stundentakt die Nase voll hatte von diesem Eiertanz und die Sache beendete.) So geht autologisches Volkstheater, von Diskurseliten bis in die Regierungszentralen hinein inszeniert: Man nehme die Erkenntnisse neuerer Wissenschaften wie Neuro-Sciences, Kognitionsforschung oder Verhaltensökonomik, entfächere möglichst plural das eigene Weltbildchen, berausche sich daran, was für zahlreiche und überraschende Kuriositäten sich unter der eigenen Hutschnur ungeahnt verborgen haben und zeichne das präferierte symbolisch hinreichend aus. Zwei Vorteile: 1. Trotz mannigfaltiger Schein-Alternativen muss man sich mental keinen Millimeter bewegen. 2. Viele andere denken anschließend so, wie man das wollte. (Nachteil: Hinterher ist man genau so schlau wie vorher, merkt aber keiner.)

 

Was wird uns hier angeboten – und was ist das eigentliche Potenzial szenariogestützten Planens? Zunächst: Die Kunst guter Szenarien liegt darin, möglichst viele und unterschiedliche Handlungsoptionen für ein realistisches Ausgangsszenario („heute“ im Sinne von „Corona-Krise gerade vorbei“) zu entwickeln. Frage oder Problem werden gesetzt und los geht das Ausloten von Wegen, die man vorher, ohne dieses methodische Explorieren, nicht hätte sehen können. Und am Ende wird diskutiert, was nun die beste Zukunftsentscheidung ist. Was wir stattdessen bekommen: Wann „danach“ ist, bleibt völlig offen (Sommer, Herbst 2020, Frühjahr 2021…?), das erleichtert vieles. Frage, Problem oder Zielrichtung? Fehlanzeige („Zukunft“ muss reichen). Das Wie des Danach, zwingende Basis jeder Szenariotechnik: was unterstellen wir, in welchem Zustand ist dann Europa, die Welt, die Ökonomie, die Gesellschaft, das politische Parteienspektrum, was ist sozial zumutbar, von was gehen wir aus – alles viel zu kompliziert. Von Interesse ist, was orientiert, und zwar positiv. Eine anti-dystopische Immunisierungstherapie, aber die Zustimmungsentscheidung fällen die Leute ja schließlich selbst.

Ob so vernünftige Krisenbewältigung, Zukunftsmanagement oder Führungs- bzw. Entscheidungskompetenz gehen, kann jede*r selbst bewerten. Hier geht es jedenfalls nicht um die Herausbildung von Urteilskompetenz, sondern um öffentliches Erwartungsmanagement, PR und kollektive Steuerung; auch um die Vorbereitung des Volkes auf das, was geplant wird, weil die Situation so günstig ist (Digitalisierung pushen, schnell Tracking-Technologien einführen; die Gunst der Stunde gedämpfter Anspruchshaltungen einerseits, aber auch steigender Bereitschaft, auch technologische Möglichkeiten anzuwenden, nutzen). Der Einstieg in chinesisch orientierte Verhältnisse war noch nie so günstig wie jetzt.

Bereiten solche Kommunikationsmuster den Weg, wie Europa selbstbestimmt, entlang seines eigenen normativen Weges, demokratisch legitimiert und anders als Silicon Valley oder China den Weg aus der Krise findet? Was immerhin Mut macht: Dass wir in den kommenden Wochen weiter – und anders – an dieser Frage arbeiten können. Und dass eine Menge Unternehmen mit diesem Denkwerkzeug inzwischen äußerst professionell umgehen.