Corona bewerten. Exit-Debatte: Über Systeme im Kopf

Vermehrt führen über Corona inzwischen solche das Wort, die längst beim nächsten Schritt sind. Allenthalben bricht das Thema Exit auf, etwa vom Ökonom Volker Wieland. Man kann dann Sätze bestaunen wie:

Es ist besser, jetzt Geld zur besseren Ausstattung des Gesundheitswesens, zum Beispiel mit Beatmungsgeräten, Schutzausrüstungen und mehr Tests, auszugeben, statt einfach noch ein paar Monate länger zu Hause zu bleiben (ebd.).

Höher ist immer besser als draußen. Was wohl gemeint ist: Man solle voranmachen, mit Erwartungsmanagement beginnen, Zuversicht müsse organisiert werden. Ohne vorgegebene Perspektive sähen viele Kleinunternehmen eben keine und gingen in die Insolvenz.

Was aber geschieht, wenn wir eine zweite Corona-Welle erleben, staatliche Restriktionen wieder verschärft werden müssen und die Optimismus-Predigt eingezogen wird? Derzeit lassen sich interessante Einblicke in Köpfe und Kommunikationsmuster von Meinungseliten nehmen. Zukunftsforscherisch ist der in Krisensituationen irgendwann aufbrechende Zeitpunkt erster mentaler Unruhe von hoher Bedeutung: Welche Ausgangs- oder Umdenk-Richtungen sind überhaupt verfügbar? In welchem Geiste wird eine Wende intoniert, welche Mentalitäten zeigen sich? Hier lässt sich Führung qualitativ vermessen, auch wenn zunächst offen bleibt, in welches Mindset das später kippen wird.

Aufbrechender Systemwettbewerb in der Exit-Debatte

Der Konkurrenzkampf der Leit-Köpfe wurde zuerst von den Denkern eröffnet. Die meisten davon beugen sich über das Individuum. Ignazio Visco, Chef der italienischen Notenbank, hat sicher recht, wenn er in einem Interview formuliert, die Krise wirke „bis in den Kern unserer Humanität“. Diese war und ist aber nun mal strittig. Der Soziologe Hartmut Rosa etwa ist überzeugt: Unseren Alltag jetzt neu und einfacher zu strukturieren, „tut uns allen gut“. Es käme womöglich zu einer „Relevanzverschiebung“, die Welt würde vielleicht wieder wichtiger für uns werden. „Als Erinnerung könnte das sehr wertvoll sein“. Eva Illouz, ebenfalls Soziologin, stößt in ein ähnliches Horn. Wir müssten die richtigen Schlüsse ziehen, freundlicherweise sagt sie auch gleich, welche das sind: Das öffentliche Interesse soll wieder an erster Stelle stehen, Unternehmen müssten „zu diesem Gut beitragen“, eine koordinierte internationale Reaktion, eine internationale Kooperation neuer Art werde gebraucht, usw.

Wohl denen, die Krisen so verarbeiten können, die meisten haben andere Sorgen. Im ökonomisch orientierten Systemwettbewerb gibt es derzeit zwei dominante Strategien.

  1. Silicon Valley läuft sich gemäß der eigenen Normachse warm, diese Krise so zu bewältigen, wie man das als Kalifornier eben macht: Das Window of Opportunity nutzen, der Welt die eigenen Technologien zu verkaufen. Wann soll die Digitalisierung global Einzug halten wenn nicht jetzt, wo es um Menschenleben geht? Eine solche Gelegenheit kommt nicht wieder. Die zeitlogische Orientierung nach vorn ins Übermorgen könnte sich in der Krise tatsächlich auszahlen: Diese radikal zukunftsforschungsgetriebene Ökonomie hat in Sachen technologisch-disruptiven „Lösungen“ die Nase vorn. Aufgrund des vorherrschenden Digitalisierungshypes liegt Europa diese Option zur Zeit am nächsten. (Hierzulande wird gerade intensiv über eine App für Freiwillige diskutiert, die mittels einer Übertragung ihrer Bewegungsdaten zur schnellen Identifizierung lokaler Risikoherde beitragen könnten.)
  2. Schärfste Konkurrenz dazu ist das System aus China. Deren durch staatliche Sanktionen abgesicherte Strategie eines flächendeckenden Tracking von Corona-Infizierten hat die Eindämmung des Virus erheblich erleichtert. Das Robert-Koch-Institut, aber auch Jens Spahn und westliche Geheimdienste sind deutlich angetaner von den Möglichkeiten dieser Art „wirksamen Regierens“ (wie das im Kanzleramtsdeutsch heißt) als das überzeugten Demokraten und Europäern lieb sein kann. Je ernster die soziale Lage, als desto schwächer könnten sich unsere westlichen normativen Standards gegenüber diesen simplen, aber auch unvergleichlich effektiven kollektiven Kontroll-Instrumenten erweisen. In Russland und Ungarn brechen gerade die Dämme.
  3. Drittens gibt’s nicht. Hier könnte die europäische Denkrichtung stehen, aus Missständen, Begrenzungen, Handlungsohnmachten und erkannten Steuerungsdefiziten mit Blick auf ohnehin behauptete Politikziele (finanzielle Umschichtungen innerhalb der EU, Ökologie usw.) die EU und ihre Gesellschaften zu erneuern. Was stattdessen anbricht, ist die Zeit des Einforderns und der Kanzelpredigten, mehr Solidarität in Europa usw. Das ist logisch und nicht vermeidbar: Wenn Inhalte fehlen, geht’s um’s Geld.

Tief verwurzelte und unbewusste Grundüberzeugungen – die Urteilskriterien, die für Exit-Strategien herangezogen werden, die wir verfügbar haben – sind derzeit nicht der Rede wert. Die aktuelle Debatte schafft es gerade bis zum hoffnungslos unterkomplexen Gegeneinander-Ausspielen von Gesundheitsexperten versus Ökonomen. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass hinterher alle genau so weitermachen wie vorher – trotz der vielen schönen Ideen und Vorschläge, die kursieren; schließlich steht die Wirtschaft unter extremem Druck, für europäisch-philosophische Sommerakademien wird kaum Zeit sein. 2007/08 wäre eine hilfreiche Geschichtslektion. Auch Visco räumt ein, dass wir „in Phase zwei“ (also in der Post-Corona-Ära) zwar womöglich eine wirtschaftliche Erholung erleben, „in der aber nur wenige neue Jobs geschaffen werden“. Zudem fehle Vertrauen zwischen den Staaten – auch keine neue Situation, die sich jetzt aber umso mehr rächt. Der schwächliche Nachsatz, dass keiner allein den Weg aus der Krise schaffe, ist nicht mehr als das Prinzip Hoffnung.

Je schreiender die geistige Lücke klafft, die Europa in Sachen eigener Entwicklungsprinzipien hinterlässt und von Krise zu Krise stetig vergrößert, umso wahrscheinlicher wird der Rückgriff auf das, was genügend Führungspersonal bereits thematisiert, herbeisehnt oder offen bewirbt: Awesome New Technologies aus Fernwest oder Fernost. Deren Erfolge sind unstrittig, qualitative Alternativen dazu nicht in Sicht. Ist das Europa 21? Wir brauchen dringend Beiträge zu einem eigenen Evolutionspfad ohne normatives Eiapopeia.

  • Ein erster Einstieg in solches Denken wäre zum Beispiel, dass sich die Denkerkaste nicht nur mit dem meditativen Gewinn von Eigenzeit, Isolationismus 4.0 und modernen Weisheitslehren beschäftigt, sondern aus der reichen Ideengeschichte dieses Kontinents praktische Vorschläge zum Umgang mit solchen VUCA-Situationen ableitet.
  • Ein zweiter Einstieg wäre, das armselig-unterkomplexe Dualismus-Spielchen zu unterlassen, Pessimisten gegen Optimisten, Ärzte gegen Unternehmer usw. auszuspielen. Wir werden unser Weltbild aufstufen und komplexitätsadäquat anreichern müssen – mit zweipoligen Bewertungsschemata aus dem 19. Jahrhundert wird das nicht funktionieren. Sowohl Kalifornien wie China beispielsweise verbleiben aber genau dort und übersetzen lediglich Optimismus mit Technologie. Reicht uns das? Akzeptieren unsere Gesellschaften das?
  • Was lässt sich aus den Ländergrenz-Regionen, an denen nicht nur viel Neues, sondern auch viel neues Kooperatives passiert, auf stabile Füße stellen? Wie können die Netzwerke in Richtung Altenhilfe, die gerade entstehen, in die Zukunft hinübergerettet, verlängert werden, anstatt mit Entlohnungsdebatten von Strukturdefiziten abzulenken? Wie lässt sich – gezielt und strategisch gegen Rechts – mehr positives Feedback gegenüber Führungseliten organisieren, die derzeit offen zugestehen, manchmal nicht weiterzuwissen, dann ihre Meinung ändern oder „gerade dazulernen“? Das hatten wir lange nicht und sorgte bisher für eine selten glaubwürdige Kommunikation, die es wert ist, beibehalten, anerkannt und verstetigt zu werden. (Die Bayern scheinen das freilich, wie inzwischen meistens, anders zu sehen.)
Auch Köpfe wollen geführt werden

Was also ist Strategie (3)? Solche Aspekte wären konkrete qualitative Wege zu mehr „Solidarität“ oder „Vertrauen“, einer potenziellen dritten europäischen Option – nicht über Cashflow, hierarchisches Oben und Versprechungen, von denen keiner weiß, ob man sie halten kann. Es ist durchaus nicht so, dass Europa keinen eigenen Exit-Pfad hat – unseren Führungen erscheinen die bereits ausgetretenen Pfade der anderen nur sicherer, bequemer und einfacher begehbar. Unsere Kriterien zu reflektieren gehört jedenfalls bislang nicht zu ihrem Selbstverständnis; es ist gar nicht klar, ob diese Frage überhaupt existiert. Als Zukunftsforscher sind wir skeptisch, dass unsere Bevölkerungen diesen Habitus mittragen. Die Erweiterung des politischen Parteien- und Meinungsspektrums in den letzten Jahren hatte ihren Hauptgrund in genau dieser Distanzierung. Falls sich aus diesem Wertekonflikt zwischen Führung und Geführten tatsächlich Legitimationsprobleme ergeben sollten (etwa, wenn sich die gesundheitliche Lage zuspitzt), sitzen genügend Leute hinter der Hecke, die sich anbieten, solche Führung ganz schnell zu beenden. Und die Strategie, die dann folgt, ist wieder altbekannt.