Corona bewerten. Über Krisenmärchen und Heldenreisen

Wenn alle gemeinsam kämpften, werde Deutschland „nach Corona ein besseres Land sein“. Das sagte Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus am 25.3. im Bundestag (19122ff); und nicht nur er. Langsam macht sich eine Redestrategie breit, mit der die Krise emotional bewältigt werden soll: Zwar stehe am Anfang der Gang durch ein dunkles Tal, aber wenn alle zusammenstünden (Solidarität!) und kämpften (macht mit, haltet die Regeln ein, entsprecht dem, was die Stunde gebietet!) – wenn wir die Herausforderung heldenhaft annähmen -, werde es hinterher besser sein als vorher.

Diese Reaktion (bzw. das dazugehörige dramaturgische Setting) seitens der Führung hat eine lange Tradition, ist menschlich und nachvollziehbar. Ihr Motiv ist die Sorge vor kollektiver Depression und Lethargie. Aber: In solcher ‚Reinform‘ kommuniziert, rächt sich unsere säkular abgestorbene europäische Seele. Was Menschen in Situationen wie dieser brauchen, ist bei Führenden nicht mehr präsent. Märchen sind es jedenfalls nicht.

Was ist humane Kommunikation?

Menschen verlieren in Krisen etwas. Je tiefer die Krise, desto mehr, desto Relevanteres. Wenn wir etwas verlieren, feiern wir keine Party, weil endlich Platz gewonnen ist für Neues. Man reibt sich Augen und Ohren, wer dieses schüttere Weltbildchen nicht alles verbreitet. Was Menschen stattdessen tun: Sie trauern, verarbeiten, reden darüber, oft redundant bis zum Verdruss, immer das Gleiche. Ach-so-wenig Inspiration, kreative Ideen, innovative Vorschlägen, Eigeninitiative, agiles Aplomp, Aufbauideen. Da sagen sich zukunftsängstliche Führungsriegen: Bloß ganz schnell aus diesem Loch wieder rauskrabbeln! Betriebswirtschaftlich durchformatierte Krämerseelen, die Robert Merton gelesen und schon mal etwas von Self-Fulfilling-Prophecies gehört haben, sorgen sich in utilitaristischem Furor um den Bestand der Welt, wie sie sie kannten. Die Situation wird aber nicht dadurch besser, dass wir die Trauerphase tabuisieren, wegdrücken, mit Psychogeschwurbel über Mut und Zuversicht überreden, überspringen. Menschen werden diese Trauer artikulieren – und wenn die Führenden das nicht wollen, tun es eben andere. Ein roter Teppich für den politischen Rand: Verletzte Gefühle sind seit jeher sein Spielfeld.

Denn auf was läuft die aktuelle Heldenreise hinaus? „Insolvente Unternehmer, gründet einfach digital neu!“, „Bankrotte Selbstständige: Schließt euch zusammen und stiftet die neue Subsidiarität!“, „Junge Familien, die ihr eure alten Eltern nicht mehr pflegen müsst: Investiert die gewonnene Zeit in andere Formen von Nachhaltigkeit!“ Sie glauben, das ist blanker Zynismus und eine maßlos übertriebene Deutung der Mutmacher? Selbstverständlich meint das keiner, bloß kommt es bei vielen Menschen genau so an. Und die reagieren dann nicht heldenhaft, sondern trotzig. Das Thema heißt humane Kommunikation (sehenswert dazu: ein Beitrag von Sascha Lobo in „Aspekte“, 20.05 – 23.33 Min.). Wie viel Empfindsamkeit und Selbstachtung vor den eigenen Bedürfnissen muss eine Gesellschaft bereits verloren haben, um – noch während die Bilder der italienischen Militärkonvois übertragen werden – bereits die nächste Variante von „Wir schaffen das“ zu intonieren? Wie viel „Achtsamkeit“ (was hat dieser Begriff für eine Konjunktur hinter sich!) muss strategisch eliminiert werden, um die ganzen Post-Corona-, Exit-Strategien und ab 2021 dann endlich wirklich ökologischen, gesamteuropäischen, sozial gerechten Politikprogramme – noch in der Vor-Phase der Krise – ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu schieben?

Man muss keine Kommunikationsexpertin sein, um intuitiv zu begreifen: Hier ist maßlose Hilflosigkeit zu besichtigen; ein offensichtlich leergefegter Instrumentenkoffer im Umgang mit einer Situation, in der Menschen prinzipiell machtlos sind. Was wir in der Corona-Krise einmal mehr beobachten können: Einen praktikablen Umgang mit Schicksalsschlägen haben wir nicht mehr, allein das Wort wirkt mittelalterlich. Diese geistige Situation der Zeit kann nur jede*r für sich beurteilen. Womöglich ist sie ja gut – dann kommen vermehrt rationale Erwägungen zum Tragen? Vielleicht ist sie aber auch schlecht. Und zwar nicht deshalb, weil öffentliche Personen nicht den Pfarrer spielen und Beistand leisten, das ist nicht ihre Aufgabe. Die unausgesprochene Botschaft:

Wir trauen euch neue Zuversicht von selbst nicht zu. Deshalb erzählen wir euch regelmäßig Geschichten vom Happy End und schubsen euch an, Helden zu werden.

Hier ist ein persönlicher Einschub fällig. Die Autorin dieses Textes hat Trendforschung bei einem Markt- und Sozialforschungsinstitut in Heidelberg betrieben (Sinus Sociovision). Bereits um 2010 zeigten die Daten, dass sich bei Werteentwicklungen und Einstellungswandel langsam, aber stetig von Jahr zu Jahr – jenseits statistischer Verzerrungen – Haltungen und Überzeugungen aus der breiten Mitte der Gesellschaft von den oberschichtigen Milieus anfingen zu entfernen. Das betraf zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich Items im Kontext moderner Werte (damals Frauen, sexuelle Orientierungen, Familienleitbilder u. Ä.). Ein breiter Querbalken in der Wertedarstellung des Instituts wurde in Abgrenzung zu großen Teilen der Leit-Milieus immer moderner.

Die aktuellen Daten sind uns nicht bekannt. Uns allen bekannt sind hingegen die politischen Erschütterungen der letzten 10 Jahre, die das Parteienspektrum (in ganz Europa) grundlegend verändert haben. Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang sieht. Wird die Kluft im Modernisierungsgefälle zwischen Führungs- und Meinungseliten einerseits und ‚der’ Gesellschaft, mittig verstanden, zu groß, dürften stete kleine Appelle und Erinnerungen an ur-menschliches Empfinden ausreichen, um Teile der Bevölkerung gegen die Führungseliten aufzustacheln. Das ist unaufwändig und geht ganz einfach. Denn es gibt derzeit überhaupt keinen Grund anzunehmen, wir schafften das nicht – dafür müssen Menschen nicht erst tiefenmanipulativ in Optimismusschäumen gebadet werden. Was für ein Gesellschafts- und Menschenbild offenbaren Führungsfiguren, die so reden? Ist die Gesellschaft ein unmündiges Kind, ein undisziplinierter Patient? Sind das Führende, sollten sie überhaupt in dieser Rolle sein?

Diese Situation ist brandgefährlich. Zwar stellt noch niemand diese Frage, aber sie liegt auf dem Tisch, und sie wird gestellt werden. Wenn Menschen gut durch eine Krise geleitet werden und den Eindruck haben, man geht ehrlich mit ihnen um, man sagt, was gerade Sache ist und versteckt sich nicht vor lauter uneingestandener Panik vor den Herausforderungen jetzt gerade, kommt der geistig-mentale ‚Wiederangriff’ aus der Gesellschaft von selbst. (Jacinda Ardern, Neuseelands Premierministerin, demonstrierte nach dem Anschlag von Christchurch ebenso konsequent wie mitfühlend, wie humane Krisenführung geht.) Menschen können Krisen, sonst gäb’s uns längst nicht mehr. Souffleusen brauchen sie nicht; was sie erzeugen, ist Reaktanz. Dass Teile der Meinungseliten der Gesellschaft diese gattungsspezifische Krisenbewältigungskompetenz absprechen, ist ein Thema, das einen Blogbeitrag sprengt. Es zeigt Seelenlosigkeit und Missachtung. Das hat eine Gesellschaft nicht nötig und meistens wehrt sie sich dagegen. (Wir schreiben gerade ein Buch über dieses Thema, womöglich daher unsere Empfindlichkeit.)

In der europäischen Zukunftsforschung gilt: Zukunft durch Herkunft. Unsere gute Zukunft bekommen wir und schaffen wir dadurch, dass wir wissen, woher wir kommen – mit Blick auf das Gestern, aber auch auf das Heute. Aus Märchen und Heldenmythen, Verboten oder grundlosen Hoffnungen, die noch nirgendwo in Sicht sind, kommt sie nicht.