Corona bewerten. Wie geht gutes Entscheiden in der Krise?

Sozialarbeiter, Psychologinnen, Coachs – die mitunter hämisch beäugte Wattebäuschchen-Fraktion – wird oft wegen ihrer prosozialen Sprachmuster verspottet. „Was macht das mit dir?“ ist eines davon. Man kann sich darüber lustig machen, nichtsdestotrotz liegt eine tiefe Wahrheit darin.

Zukunftsforscherisch (zeitlogisch) übersetzt: Was macht das Andauern der Krise mit unserem Denken und Entscheiden? In der Krise verändern sich deren Qualität – daher wahrt (zumindest wissenschaftliche) Zukunftsforschung seit jeher Distanz vor teleologischem, also zielorientiertem, linear auf Endzustände hin zulaufendem Denken. Dass Zeit einer der Hauptaspekte einer jeden guten Problemlösung ist, einer jeden erfolgreichen Krisenbewältigung, haben wir in unserer Kultur nicht gelernt (Asien steht da ganz woanders). Krisen gilt es, zu beherrschen und somit zu bewältigen, Punkt. Der Staat fängt gerade an, diese genuin europäische Tradition wieder auszupacken und einzusetzen, denn sie bedient sein ureigenes Interesse. Bayern hat vorgemacht, wie’s geht, die ersten Juristen warnen und sprechen von „Hindenburg-Klausel“, NRW bzw. Herr Laschet versuchen nachzuziehen. Bricht der Damm, d. h. flammt die Erinnerung an unseren eigenen Mechanismus erst wieder auf, geht es schnell.

Was macht die Krise mit dem Staat?

Er besinnt sich auf das, was des Staates ist: Bürger zu schützen, für Gesundheit, die Sicherheit von Leib und Leben zu sorgen. Krisen, in denen Leib und Leben gefährdet sind, sind Hochzeiten von Sicherheitsaufrüstungen des Staates. Das ist kein Werk kurzsichtiger Beamter, sondern logische Folge des staatlichen Auftrages. Dass Staaten oft unaufwändig in ausnahmezustandsähnliche Szenarien hineinschlittern, aber gar nicht daran denken, den damit einhergehenden Regierungskomfort hinterher wieder aufzugeben, liegt weniger an bösen Menschen, sondern in unseren Tagen viel mehr an Möglichkeiten moderner Technologien, die sehr viele und ganz unterschiedliche Vorteile für Staatshandeln zeitigen. Staaten sind handlungslogische Systeme, die diejenigen Instrumente nutzen, die ihren Zielen zuträglich sind – das lässt sich nicht kritisieren. Nach Phasen solcher Aufrüstungen erfüllt der Staat seine Funktion besser als vorher (weil Rechtsbefugnisse ausgeweitet, neue Technologien implementiert, Spielraumerweiterungen dieser Art von den Bürgern eingefordert wurden), und deshalb nimmt er den neu gewonnen Standard nach der Krise auch nicht mehr zurück. Wer etwa immer noch davon träumt, dass der Soli abgeschafft wird, lebt in einer „alternativen Realität“. Die Welt ist kein Paradies, die nächste Krise kommt bestimmt (der Soli wird bald anders heißen), Steuern können Staaten immer gebrauchen.

Was macht die Krise in Kombination mit solchem Staatshandeln mit den Bürgern?
  • Sprache verändert Denken. Die Kriegsmetaphorik ist längst durch. Macron hat damit angefangen, die USA und andere ziehen nach – emotionales Drama und Sprachverfall triggern den freiwillig akzeptierten geistigen Rückbau. (Zur Erinnerung: Krieg meint ursprünglich einen mit Waffengewalt ausgetragenen Konflikt. Soll das Virus tatsächlich unter Einsatz sozialer Gewalt bekämpft werden? Ein rätselhafter Blackout.) Je militaristischer die Sprache, umso toleranter die Bevölkerung gegenüber harten Durchgriffen von staatlicher Seite.
  • In Krisen überzeugen Erfolge auch entgegen den eigenen Werten. Polen will per App kontrollieren, dass die Quarantäne eingehalten wird. Litauen veröffentlicht die Bewegungsprofile infizierter Personen. In Montenegro landen Namen und Privatanschrift aller Menschen im Netz, die Quarantäne-Auflagen einhalten müssen. In China ist die App von Alibaba verpflichtend zu installieren. Es werden Farben je nach Infektionsrisiko zugeordnet, dadurch wird ermittelt, wer in Quarantäne muss. In Hongkong müssen Menschen in Quarantäne ein Überwachungsarmband tragen. In Israel darf der Inlandsgeheimdienst die Bewegungsdaten aller Handybesitzer im Land sammeln, um Quarantäneeinhaltung und Ausgangssperren zu überwachen. Österreich und Italien werten ebenfalls Mobilfunkdaten aus, aber anonymisiert. In Deutschland hat die Telekom dem Robert-Koch-Institut Bewegungsdaten ihrer Nutzer zur Verfügung gestellt, ebenfalls anynomisiert. Niemand bleibt von dieser Ereigniskette unberührt.
  • Lernen geht immer und funktioniert in alle Richtungen. Freigeister aus dem Silicon Valley kippen. Ehemalige Überwachungsgegner wie Macej Ceglowski sind plötzlich gar nicht mehr zu halten vor Begeisterung über ihre Idee, dank Tracking nicht mehr Schuhe oder Hautcremes zu verkaufen, sondern Leben zu retten und die Wirtschaft neu zu starten. Israel und Taiwan seien Vorbilder – wenn man doch nur die Konzerne mit ins Boot bekäme! Google, Apple, Facebook verfügten über detaillierte Aufenthaltsverläufe aller Handynutzer, man müsse das nur ausweiten. Privatsphäre sei doch Heuchelei – lächerlich, dieses Überwachungssystem kommerziell zu akzeptieren, beim Retten von Leben aber neurotisch zu werden.

All das sind qualitative Effekte von Zeit auf unser Denken und Weltempfinden. Sie verändern uns während und in der Krise: Wie wir die anderen sehen, die Situation einschätzen, uns verhalten. Zu jedem einzelnen Zwischenzeitpunkt würden unsere Zielformulierungen für das Danach anders ausfallen. Das bedeutet: Die gegenwärtige Thematisierung von Zielen oder Orientierungen für das Später stehen zur jeweiligen Krisengegenwart in keinem bedeutsamen, irgendwie wichtigem Bezug. Deshalb machen Post-Corona-Weltbeschreibungen so wenig Sinn: Sie werden verfasst im Mindset von gestern: von vor der Krise. Wir tun dann einfach so, als hätte es die Krise gar nicht gegeben, und das spüren Menschen genau. Als zeitliche Wesen müssen Menschen die Zeit jedoch durchlaufen. Wir gehen durch (Krisen)zeiten hindurch und im Anschluss daran in neue Zielstellungen hinein, die dem dann vorherrschenden Danach angemessen sind, die zu dem passen, wie wir dann denken und entscheiden. Die Zielstellung vorzuziehen, indem man das, was die Krise mit uns macht, ignoriert, funktioniert nicht. Früher versuchte man das aus motivationsstrategischen Gründen (trotz vieler Tote müssen Soldaten standhaft bleiben), heute zum Erhalt der Existenzberechtigung von Planungseliten. Sinnfrei ist beides.

Die uns derzeit um die Ohren fliegenden Exit- und Post-Corona-Visionen entpuppen sich womöglich schneller, als uns lieb sein kann, als naive, verantwortungslose und sachlich inkompetente Produkte der expertokratischen Unterhaltungsindustrie. Menschen können Zeit nicht manipulieren. Krisenbewältigung – gutes Entscheiden in der Krise – gelang historisch immer dann eher gut, wenn wir in der Krise selbst situativ unsere Bewertungen ständig angepasst, überprüft und neu justiert haben. Also das gemacht haben, was im Management seit Jahren die Spatzen von den Dächern pfeifen: iterativ, experimentell und achtsam die Verständigung suchen, entlernen und umlernen, den Kurs anpassen und uns so einigermaßen heil durchs Dickicht pflügen.

So unaufgeregt und wenig spektakulär funktioniert Zukunftsforschung in der Krise, d.h. ein zeitlogisch nach vorn gerichtetes Denken. Zum Kachelmann der Zukunft wird man damit nicht. Was sie aber kann: während der Dauerbewertungen eine Menge beitragen zum Perspektivreichtum, zu Bewertungsoptionen; mit Möglichkeiten, die oft im blinden Fleck liegen, mit Alternativenanreicherung. Sie beharrt jedoch darauf, dass gute Krisenentscheidungen prinzipiell zeit-, d.h. situations-, kontextgerecht erfolgen. In solchen Phasen Zeit überspringen bzw. eliminieren zu wollen, ist das Dümmste, was man machen kann. Solches Entscheiden dehumanisiert: Es nimmt menschliche Bedingtheiten nicht ernst und hat, historisch betrachtet, schon eine Menge Entscheider vom Platz gefegt.