Corona bewerten. Auf Sicht fahren: Ist das gute Führung?

Epidemiologen und Politik fahren derzeit auf Sicht. Erst Ostern wird man wissen, ob die Infektionsrate genügend sinkt, um über erste Exit-Maßnahmen sprechen zu können. Ist solches kleinmütige sich-von-Tag-zu-Tag-Hangeln, immer nur auf den nächsten Meilenstein zu starren, hartnäckig die Mittelfristplanung zu verweigern, nun gut oder schlecht? Darüber gibt es Streit. Eine Menge Leute sagen, man müsse doch wissen, wohin die Reise ungefähr gehen soll, ganz unabhängig von den situativen Daten.

Aus zukunftsforscherischer Sicht ist ein gedankliches Stadium bzw. sind Gesellschaften, die heute noch die Frage so stellen (Zielorientierung versus auf den Moment schauen)erschreckend unterkomplex. Bloß hat es niemand anders gelernt (Studierende lernen es übrigens immer noch nicht), deshalb machen wir das, immer wieder. Der logische Fehler liegt in zweiwertigem, bipolarem, binärem Denken, x oder y. Unsere Kultur basiert darauf, es zementiert hierarchisches Entscheiden. Aristoteles hat seinerzeit bei den alten Griechen diesem Modell eine Monopolstellung verschafft, die er sicher selbst nicht für möglich gehalten hätte (Satz vom Widerspruch, vom ausgeschlossenen Dritten etc. „Sein oder nicht sein“, das ist bis heute unser Niveau). In unserer zukunftsforscherischen Fantasie hockt der antike Herr oben auf seiner Wolke als deprimierter, gebrochener, abgemagerter Philosoph, der vom Erdengeschehen nicht lassen kann, weil sich sein Erbe in der Zeit verfangen hat. Es geht nicht voran. Es kommt aus einer Schleife nicht mehr raus, und unser Urahn verzweifelt daran. „Wieso machen die nicht weiter? Was habe ich falsch gemacht?“ So eine Wahnsinnsidee, und dann solche Nachfahren.

Distanced Helping

Wir könnten Aristoteles in die himmlische Rente schicken, wenn wir drei Dinge unterscheiden lernten. „Tradition + 1“, wir stufen auf.

  1. Wissen, wer man ist. Zum Beispiel als Unternehmen: Für was stehen wir, was ist unser Bild von Branche und Business, wer wollen wir innerhalb unseres Wettbewerbsumfeldes sein? (Dazu der nächste Blogbeitrag). Bzgl. Gesellschaft und Politik: Wir sind Europa, eine Kultur, die seit 2.500 Jahren in einer gedanklichen Strenge, die ohne Beispiel ist, an der Erkundung der Welt arbeitet. Einem Gründungsmythos zufolge begann das alles mit dem Staunen [thaumazein] – wir erforschen Mensch und Welt und setzen darauf unsere Werte auf, erfinden Menschenrechte, Aufklärungsorientierung, verlieben uns in die Freiheitsidee und probieren mit Demokratie herum. Alles strikt nach dem Prinzip notorischer Vorläufigkeit (Churchill: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen“).
  2. Ziele und Strategien bestimmen, die diese Identität immer weiter ausdifferenzieren. Wo wollen wir hin? Zu dem, der wir sind. Unsere amerikanischen Verwandten haben das seit ihren Gründungstagen immer ernster genommen als wir und arbeiten ausdauernd an der jeweils nächsten Evolutionsstufe ihrer #1 (American Dream).
  3. Pragmatik können. Immer in der Lage bleiben, situativ klug und schnell zu reagieren, Umweltsensitivität aufbauen, umsteuern können, verlernen, umlernen, neu lernen üben.

Unser Problem liegt bei (1). Wir haben uns angewöhnt, (1) nicht mehr ernstzunehmen und als Moral zu verzwergen. Und uns in sozialem Handeln mit (2) und (3) zu begnügen. Das führt zu Bewertungsroutinen, in denen sich Langfriststrategen, die jeweils aus dem Stand heraus Zukunftsvorschläge in Kette produzieren, und Pragmatische, die auf Sicht fahren und sich auf die Nöte, aber auch die Chancen konzentrieren, die im jeweiligen Jetzt der Situation liegen, unversöhnlich gegenüberstehen. Bei Unversöhnlichkeiten profitieren jedoch zumeist lachende Dritte.

Und da stehen wir denn auch wieder. Pragmatisch-kluge Politiker verweigern Perspektiven (derzeit nur allzu berechtigt), während juristische, ökonomische und andere Expertinnen noch in der Vor-Krise Nachhaltigkeitsanalysen und Achtsamkeit für Langfristeffekte einfordern. Da beide recht haben, eine logische Alternative aber nicht zur Verfügung steht (es sei denn als infantile „Wir schaffen das“-Parolen, Optimismus-Predigten oder Gebete – also Moral), freut sich die Randfraktion („Auf Sicht fahren soll jetzt Politik sein? Wir bräuchten mal echte Führung!“) Auch Politiker der etablierten Parteien sind sich für solche Posen nicht zu schade, inszenieren sie proaktiv oder versuchen staatliche Spielräume zu erweitern. Was die Nervosität und Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung nur anstachelt, die Beliebtheitswerte solcher Politiker steigen.

Nicht nur die wissenschaftliche Zukunftsforschung, sondern auch andere nicht-kanonische Wissenschaftsdisziplinen wie Kybernetik, Teile der Neuro-Sciences, Verhaltensökonomik u.a. beruhen längst auf anderen logischen Fundamenten. (Die moderne Physik lassen wir hier mal ganz beiseite; verglichen mit ihr stehen die Sozialwissenschaften bis heute mental im 19. Jahrhundert.) Auf mehrwertige Logik hat keiner Lust – zu kompliziert. Lieber stümpern wir mit Denkwerkzeugen aus der Antike am Ökologieproblem und einer Pandemie herum. Abwägungen wie die zwischen Gesundheit oder Wirtschaft müssen reichen, mehr geht noch immer nicht.

Rentenprogramm für Aristoteles

Damit der alte Mann endlich in die himmlische Backstage-Area verschwinden kann, könnten wir uns an die Unterschiedlichkeit (Komplexität) logischer Sinndimensionen gewöhnen lernen. Durchdekliniert haben das schon viele, bloß hören will es keiner. Dass wir in Krisen ganz schnell Exit-Strategien und Vorüberlegungen für das Danach bräuchten, ist schlicht falsch. In Krisen kann man vernünftige Zielstrategien gar nicht entwickeln, weil man ja noch nicht weiß, wie die Krise ausgeht, und eine erfolgversprechende Strategie genau davon abhinge (Entschuldigung, wir werden gerade entsetzlich banal). Es reicht völlig aus zu wissen, wer wir sind. Und wer sind wir? Eine zivilisatorisch und technologisch weit fortgeschrittene Demokratie, die zur Bewältigung der Krise einsetzen kann:

  • Neue medizinische Behandlungsmethoden; vermutlich mehrere, zielgruppenspezifisch differenzierte
  • Impfstoffe; vermutlich mehrere, zielgruppenspezifisch differenzierte
  • Differenzierte kollektive Steuerung – z. B. in Bezug auf gesundete Immunisierte / Gesunde noch-nicht-Immunisierte / Alte, Kranke / urban verdichtete Regionen vs. ländliche …
  • Differenzierte ökonomische Steuerung – z. B. in Bezug auf systemrelevante Branchen und Unternehmen, die schneller wieder hochgefahren werden als andere / international vernetzte Wirtschaftszweige vs. national-regionale / Unternehmen, die die Digitalisierung stärker nutzen, etwa längerfristig mit Home-Office-Regelungen arbeiten können als andere / Fokus auf Gesundheitswirtschaft…
  • Differenzierter Umgang mit sozialen Gruppen – z. B. in Bezug auf Alte, die ebenfalls ein (begrenztes) Recht auf Mitsprache daran haben, wie viel Risiko sie eingehen wollen in ihren Kontakten (Selbstbestimmung) / in Bezug auf Infizierte, die ebenfalls ein (begrenztes) Recht auf Mitsprache daran haben, welches Risiko sie eingehen wollen, wenn sie an Impfstoffstudien teilnehmen / in Bezug auf Schulen, die ihre Situation unterschiedlich bewerten und unterschiedlich reagieren, hinsichtlich Schultypen, Schülergruppen, Altersklassen …

Das ist Europa. Nein, falsch: Das könnte Europa im 21. Jh. sein. Freiheitsbewusst, bedacht auf Menschenwürde, demokratisch, im Lernen weit vorne, um Komplexitätsangemessenheit bemüht. Und wir: stolz föderalistisch, regionale Urteilskompetenz haben wir direkt mit Handlungsmacht kurzgeschlossen. So funktionierte dieses Rentenprogramm.

 

Die Begeisterung hält sich in Grenzen. „Heißt sowas jetzt ‚Strategie‘? Wer soll diese Flöhe hüten, ist das unser Exit-Szenario, doch wohl eher Durchwurschteln à la carte nach -zig Kriterien und Perspektiven, die Leute sind eh schon am Limit, die Länderautonomie ist ein Hemmschuh, Deutschland ein Flickenteppich an Rezepturen, das sollte geändert werden…“

Okay, dann machen wir halt so weiter. Freiheitsrechte und Föderalismus zurückbauen, Apps entwickeln, Digitalkontrolle ausrollen, den starken Staat aus der Ecke holen, Expertokratien wiedereinsetzen, rein sachlogische Strategien fahren – geht alles. Derweil wird unser (1) immer schwächer. Die etablierten Eliten freut’s, ein unverhofftes Träumchen. Und das Tröstliche daran: Hinterher lässt sich sowieso nicht mehr sagen, wer’s gewesen ist und was woran gelegen hat.

Wir hätten gerade die Chance, Krisenbewältigung von Hierarchie auf Heterarchie umzustellen. Also nächstes Mal.

Armer Aristoteles.