Corona bewerten. Wie wird der Exit?

Ostern vorbei, Auferstehung gefeiert. Wie stehen wir aus der Krise wieder auf – und in welche Richtung? Derzeit scheinen sich alle einig zu sein: Mit neuer Mitmenschlichkeit, endlich Solidarität und ganz viel Moral. Ein Hoch auf das wiederentdeckte Wir. Leider funktioniert ein global vernetztes System aber nicht auf diese Weise.

Wenn wir das gut und erfolgreich hinkriegen wollen, wird es hochkomplex, ultra-anstrengend, diskussionsintensiv, herausfordernd in Sachen Kommunikation und öffentlicher Verlautbarungen sowie stetig mäandernd. Zwar in seiner Ausrichtung klar, aber innerhalb des Korridors schlingernd, experimentell, iterativ. Wir werden ackern müssen. Es gibt eine frohe Botschaft, aber nicht mehr umsonst. Oder umgekehrt:

Je gleichbleibend-stabiler, sachlogisch eindeutiger, prognostisch-gewisser und simpler seine Ausrichtung, desto weniger erfolgversprechend der Exit.

Das ist eine schlichte Übersetzung der VUCA-Formel. Wenn sie stimmt (schwankende, ungewisse, komplexe und mehrdeutige Welt), machen „lieber noch abwarten“ versus „wieder hochfahren“, Leben und Gesundheit versus Arbeitsplätze und Rezessionsdämpfung keinen Sinn. Wir werden die erste Kommunikationschallenge des 21. Jh. erleben – und dafür eine völlig andere öffentliche Expertenkommunikation brauchen. Und dafür andere Experten.

Statt lauter Zielvorschlägen, die sich im alten Mindset gerade moralisch überbieten (jetzt die gewonnene Achtsamkeit erhalten, jetzt die CO2-Einsparungen beibehalten und ins ökologische Zeitalter aufbrechen, jetzt Entschleunigung und Home Office endlich in den Betrieben verankern, jetzt die gewonnenen digitalen Lernkurven verstetigen und nutzen, jetzt ausgelagerte Fertigungen an systemrelevanten Gütern wieder nach Europa holen…), benötigen wir Evaluations- und Urteilskompetenz im langfristig andauernden und hoch dynamischen Abwägen extrem vieler und heterogener Einflussfaktoren auf den Erfolg der Strategie (Beispiele solcher Faktoren haben wir bereits diskutiert). Wir bräuchten Leute fürs Mit- und Zwischendurchdenken, fürs immer-wieder-neu-Bewerten und Umdenken. Wissens- und Meinungseliten sind aber per definitionem das Gegenteil, so ist Wissen kulturell bei uns definiert (hierarchisch, mehr Durchblick haben als die anderen und so als Entscheider legitimiert sein). Komplexität bricht unter solcher Steuerung zusammen. Deren Bewältigung ist als Durch- und Überblick rein logisch nicht möglich, bloß haben wir bisher keine Leute, die für den nächsten Schritt geeignet wären.

Der Exit wird umso vielversprechender, desto besser wir diese Hürde nehmen. Desto

  • eher Führungsverantwortliche entlern- und lernfähig werden, z. B. den Begriff „Wissensvorsprünge“ entsorgen (Wikipedia ist immer aktueller),
  • schneller wir Bildung curricular modernisieren – erfahrungsorientiert an dem, was wir gerade erleben (wer kann heute schon Komplexität?),
  • größer der Kommunikationsradius wird (anderen zuhören, Lösungen kopieren und klauen, ausprobieren),
  • nüchterner Kooperationsbereitschaften ausgelegt werden (der krisengebeutelte Kreis Heinsberg kooperiert in Sachen Maskenlieferung mit China),
  • offener kommuniziert wird, Meinungen und Botschaften nicht tiefenmanipulativ eingesetzt und Wissenschaftler auf praktische Ableitungen ihrer Forschungen verpflichtet werden.

Wir muten damit einer Gesellschaft viel zu – die über einen hohen Bildungsstandard und viele Akademiker verfügt (häufig kritisiert), ehrliche Kommunikation der Steuerungseliten zu schätzen weiß (derzeit Zufriedenheitswerte zur Krisenpolitik in Umfragen bei 70%), in der Krise beeindruckende Solidarität zeigt und es offenbar durchaus verträgt, wenn mal Äpfel mit Birnen verglichen werden (daran werden wir uns gewöhnen müssen). Unser föderales System ist eine Steilvorlage für diese komplexitätsangemessene Form der Krisenbewältigung. Es liefert Redundanzen und damit Sicherheitsnetze, die Möglichkeit, Regionen in verantwortlicher Weise zu „Inno-Labs“ zu machen, nach lokalen Bedürfnissen zu handeln, Grenzen zu ignorieren. Wir könnten Digitalisierung auf eine völlig neue, eigene Weise einführen – weder über Moonshots und himmelstürmende Modernitätsvisionen, noch über Kontrollträume, sondern gemäß unterschiedlicher Zwecksetzungen und Prioritäten.

Unsere Wiederauferstehung ist ein Systemwettbewerb. Während das Silicon Valley wegen seiner Innovativität die Nase oben trägt und zunehmend blinde Flecken offenbart, hat sich China längst abgewöhnt, den Westen ernst zu nehmen. Es hält uns für eine Laune der Geschichte, die sich von selbst erledigen wird – dort schwört man auf ein sauber durchdekliniertes, technologisch geframtes, strategisch instruiertes System. Das Argument: ‚Ihr braucht gut gebildete, zivilisierte, disziplinierte Bürger, die politisch aktiv sind und der Vernunft zugänglich. So was gibt es auf Dauer nicht.’ Mal sehen. Ob unsere Überzeugung einer human-evolutionären Perspektive, nach der sich Entwicklung netzwerkartig, sprunghaft, iterativ und frei vollzieht (aber nicht mehr revolutionär, da sind wir drüber weg), tatsächlich letztendlich den Kürzeren zieht, ist noch nicht ausgemacht. In der Natur hat das ein paar Milliarden Jahre lang ganz gut geklappt; in the long run spricht unsere bisherige Erfahrung eher für uns, hier keimt geerdete Hoffnung. Aber das können wir mit unserem Schritt aus der Krise ja gerade wieder unter Beweis stellen. Bloß brauchen wir dazu etwas mehr als Moral.