Corona bewerten. Und doch, die Hundeblume blüht…

Die Corona-Lockerungen rücken in Sichtweite. Wächst jetzt Hoffnung, kommt jetzt – endlich – „das Positive, Herr Kästner?“ Auch, wenn es nicht das ist, was wir alle hören wollen: Im alten Optimismus- vs. Pessimismus-Weltbild werden wir die Krise nicht erfolgreich bewältigen. Was am Ende dabei herausgekommen sein wird, ist kein ungeahntes Paradies und vermutlich auch kein Desaster. Die blühende Hundeblume müssen wir erst mal finden. Das aber ist ein Weg in die Zuversicht, der nicht nachgefragt wurde.

Die üblichen Verdächtigen zu diesem Thema sind für uns keines. Nachhaltigkeit, neue Kreativität, mehr Resilienz, den digitalen Schwung nutzen; die feuilletonistischen Sottisen übers Nachdenken über Langeweile, das Wesen der Zeit oder über die Frage, ob es möglich sein wird, nach der Krise eine Gesellschaft zu entwickeln, die mehr ausgibt für Menschen, Gesundheit, Bildung und Kultur, entspricht zwar der Art und Weise, wie wir denken und wie wir gelernt haben zu hoffen. Dem, was im Geschichtsbuch steht, entspricht es jedoch nicht. Weder nach einer Revolution, einer Seuche oder Hungersnot noch nach einem Krieg ist so etwas je passiert, hat sich die Welt in dieser Art weiterentwickelt. Das ist kein Einwand gegen positive Spekulation und einem sich-selber-Mut machen. Aus zukunftsforscherischer Sicht offenbart es aber eine Lücke im Denken: Denn wir könnten gelernt haben, dass

  • es zwar für Menschen immer berechtigten Grund für Hoffnung und Zuversicht gibt,
  • diese sich aber offensichtlich (beste empirische Belegsituation!) niemals durch Beten, Optimismus durch Sturheit und Pfeifen im Walde ergibt.

Sind Hoffnung und Zuversicht damit abgeräumt?

Woran es hapert

Nein, natürlich nicht. Aber die mentalen Alternativen sind nicht so einfach zu haben wie die alten es waren – sondern richtig Arbeit. Leider trägt der gesellschaftliche Sektor, der für solche Fragen zuständig ist, nicht allzu viel zu Erhellung der Lage bei: Es wäre an den Wissenschaften, sich zu überlegen, was (unser Fokus: ökonomisch) aus der jetzigen Lage zu machen ist. Aber warum ist das so schwierig?

Die Herausforderung liegt darin, dass wir im System das System umwandeln und so transformieren müssen („müssen“ natürlich nur dann, wenn das mit der Hoffnung funktionieren soll), dass es hernach ein anderes, womöglich kaum mehr wiederzuerkennendes ist. Die Herausforderung liegt darin, dass es dafür keine Blaupause gibt. Die Herausforderung liegt darin, dass ein Hoffnungstableau, das uns dabei begleiten könnte, das dieses langfristige Projekt flankieren könnte, nicht existiert (und Kirchen bzw. Religion daran auch gar nicht arbeiten). Die Herausforderung liegt last but not least darin, dass unser Wissenschaftsleitbild die Wissenschaft als dafür gar nicht zuständig aus der Verantwortung entlässt. Die Eule der Minerva – Hegels Metapher für die scharfe Beobachtungskompetenz der akademischen Wissenschaft – beginnt ihren Flug erst in der Dämmerung. Unsere klugen Leute beugen sich also über die Ereignisse erst dann, wenn sie bereits vorbei sind, und produzieren dann allerlei weise Bemerkungen.

So wird das nicht funktionieren. Für real-wahrscheinliche, authentische, tragfähige Hoffnung und Zuversicht ist das recht dünn – und ein zusätzlicher Grund, warum sich wissenschaftliche Zukunftsforschung aus dem hoffnungslos unterkomplexen Pessimismus-Optimismus-Gerede heraushält. Hier ist nicht der Raum, die Alternativen aufzublättern, aber ein Beispiel kann illustrieren, wohin in unserem Bereich der Hase läuft.

Anders denken

Die meisten werden den Namen Muhammad Yunus noch kennen: Friedensnobelpreisträger 2006. Er hat in Indien eine Bank gegründet, mit der er Frauen und Kleinstselbständigen – zum Beispiel Bauern, die ein paar Tiere halten, um ihre Familie zu ernähren – sogenannte Mikrokredite gewährt. Großbanken tun so etwas nicht, weil ihnen das Ausfallrisiko zu hoch ist („die armen Bauern zahlen uns die Kredite nie zurück“). Dabei handelt es sich meist um Beträge von ca. 200 Dollar. Die Grameen-Bank bedient diese Klientel und diese zahlt ihre Kredite auch penibel zurück. Diese Zahlungsmoral hat zu tun mit Stolz, Disziplin und Not – denn ein funktionierendes Geschäft sichert das eigene Überleben. (Die Querelen rund um die Bank lassen wir hier beiseite, es geht um ein Prinzip.)

Was passiert hier? Etwas bisher noch nie Dagewesenes, elektrisierend Neues: Ein Unternehmer fängt an, die sozialen Verwerfungen kapitalistischen Wirtschaftens durch die Gründung eines Unternehmens (also kapitalistisch) aufzufangen. Er fängt an, die Kapitalismuseffekte Ungerechtigkeit und Armut mit dem Zentralmechanismus des Kapitalismus, sozusagen seinem Herz (Zinseszinsmechanismus), zu bekämpfen. Er gründet Unternehmen, um Armut auszurotten.

Ökonomen könnten in solchen Fällen das Denken anfangen (Beispiele dieser Art gibt es inzwischen viele). Bloß ist dieses Denken keine bequeme Post-Ereignis-Analyse am Schreibtisch, nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, sondern autologisches Denken: In diesem Beispiel die Maxime, kapitalistische Wirtschaftsprinzipien auf real vorhandene, kritikwürdige, schädliche kapitalistische Strukturen so anzuwenden, dass diese Ursprungsstrukturen zersetzt und dabei im kapitalistischen Sinne Gewinne erzielt werden. Kapitalismus wird auf Kapitalismus abgebildet. Mit anderen Worten: Sie könnten ganz langsam damit beginnen, die erbärmlich unzureichenden, weil unterkomplexen kapitalismuskritischen Therapien aus dem Old-School-Weltbild à la Sozialismus zu entsorgen, aber auch Therapien aus scheinbaren New-School-Weltbildern wie Sharing (was der klassische Kapitalismus nur allzu leicht sofort wieder eingemeinden kann) oder Verhaltensökonomik (also tiefenmanipulative Strategien) zu überdenken und in anderem – unserem europäischen – Licht zu bewerten.

Dass sie das tun (ob sie das überhaupt wollen), ist nicht zu sehen. Und weil das so gar nicht im Trend liegt, sind Optimismuseinreden bisher noch kaum anderes als müde Versuche, positive Self-Fulfilling-Prophecy-Schleifen zu installieren. „Bloß nicht in Defätismus abrutschen, aus diesem Loch kommen wir dann erst mal nicht wieder raus!“

Das stimmt womöglich. Aber glaubt wirklich jemand, durch optimistische Autosuggestion schöpften Menschen Hoffnung?