Corona bewerten. Alles wird gut. Wird alles gut?

Viele fangen an aufzuatmen. Nicht unbedingt, was die epidemiologische Zukunft betrifft (die ist offen), aber mit Blick auf gesellschaftliche Phänomene. Wer lobt nicht alles die neue Nachbarschaftlichkeit, das geduldige Schlange-Stehen vorm Bäcker im 2-Meter-Abstand, die private Altenhilfe; ganz zu schweigen von der Anerkennungswelle für Pflegekräfte, Krankenschwestern, Müllmänner und Regalauffüller. Neue Solidarität, überall. „Wenn wir das schaffen, diese Phänomene demokratisch verpflichtend zu verstetigen, sie auch langfristig auszurollen, kann sich unsere Gesellschaft zum Guten verändern“, so der Tenor vieler aktueller Kommentare. Ist das so?

Zukunftsforschung ist kein Glaskugel-Business und die Zukunft „das, was wir nicht kennen können“ (N. Luhmann, Prämisse jeder wissenschaftlichen Zukunftsforschung). Sie ist vielmehr ein zeitlogisches Business und spielt mit Zeit: schaut zurück, nach vorn, verläuft in Schleifen oder iterativ, und all das methodisch-systematisch. In dieser Perspektive: Wie stellt sich der neue Optimismus-Hype dann dar? Zum Beispiel

  1. als moralische Selbst-Einflüsterung. Wenn wir derzeit nach irgendetwas lechzen, dann danach, dass sich die ganzen Anstrengungen auch lohnen – etwa die erheblichen Einschränkungen, teilweise die Eliminierung von Demokratie- und Freiheitsrechten oder die Zumutungen an viele Bevölkerungsgruppen, insbesondere Alte und „Anders-Kranke“ (die ihre OP oder Reha nicht bekommen, aus Angst vor dem Corona-Virus Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen erst gar nicht aufsuchen o. Ä.). Eine Gesellschaft berauscht sich an einer „Solidarität“, die erst einmal viele Menschen fast nichts kostet (keine Pflegekraft oder Supermarkt-Angestellte kann derzeit mit einem künftig höheren Gehalt rechnen – stattdessen ist ein einmaliges symbolisches Trost-Pflästerchen angekündigt). Emotional bringt diese Autosuggestion jedoch immens viel. „Wir können das!“ – mit dieser Energie halten wir vieles besser aus und länger durch.
  2. als Übersprungsdenken: als Versuch, eine neuartige Ununterscheidbarkeit von moralischem Ideal und realer Handlungsbereitschaft einzuschleifen. Gesellschaftlich etwas wert, also mit einem Zukunftswert versehen, würde das Ganze erst, wenn klarer wäre, was Solidarität hier eigentlich meint. (Interessanterweise drücken sich auch Soziologen vor dieser entscheidenden Antwort.) Solidarität ist eine Form von Hilfe, die auf Reziprozität, auf einem Verständnis gleicher Rechte beruht, auf Wechselseitigkeit und dem Bewusstsein der gegenseitigen Verwiesen- bzw. Angewiesenheit. Empathie und Zusammenrücken meint sie nicht (derzeit vielmehr Abstand halten), auch nicht Mitleid mit der alten Dame im 12. Stock. Die omnipräsente Behauptung einer aktuellen Legitimität von solidarischer Veränderung – dass also die Leute durch Corona jetzt zu Veränderungen bereit seien (zu denen sie vorher ihre Einwilligung wohl nicht gegeben hätten), weil sie selbst erlebt haben, wie notwendig und sinnvoll diese Neuerungen sind, beispielsweise im Kontext von höheren Gehältern im Pflegebereich – ist durch nichts abgesichert. Es vermag derzeit niemand seriös zu sagen, ob die Gesellschaft bereit ist, den humanen Dienstleistungssektor tatsächlich besser zu bezahlen und dafür auf anderes zu verzichten. Oder ob sie bereit ist, die Digitalisierungs- und KI-Strategien, die seit Jahren die öffentliche Debatte bestimmen, für diese Bereiche tatsächlich auszusetzen und unsere Sozialbereiche weiterhin „human“ zu organisieren. Das bedeutete immerhin eine Wende um 180 Grad weg von Digitalisierungschancen, die in den USA, aber auch in alternden Gesellschaften wie Japan sehr erfolgreich genutzt werden (von China ganz zu schweigen). Lautet die Devise ab jetzt: „Digitalisierung differenziert“? (Als Zukunftsforscher hören wir die Botschaft wohl, allein, uns fehlt der Glaube.) Oder ist das womöglich nur der neue Stimmungs- und Werte-Schirm, unter dem ab jetzt Digitalisierung implementiert wird?
  3. als beherztes Wegsehen und Sicherungsinstinkt für die eigenen Blinden Flecke. Genauso, wie sich Menschen geradezu besoffen reden von der neuen Mitmenschlichkeit, wachsen Blockwarte und Aufpasser (= Denunzianten) wie Pilze aus dem Boden. Die saumselige Schunkelfröhlichkeit in der Schlange vorm Bäcker kippt sehr schnell, wenn jemand eine Person ausgemacht haben will, der es (warum auch immer) schwerfällt, extrem lange in der prallen Sonne zu warten. (Was sich spontan zu dieser „Großen Solidarität“ einstellen könnte, wäre auch: Angst.)
  4. als Ablenkungsmanöver von den wirklich wichtigen Fragen. Wenn es denn stimmt, dass die zentrale mentale Lernkurve in der Krise, auf die es ankommt, das Bewusstsein der menschlichen Verwundbarkeit ist; dass wir alle realisiert haben, wie schnell unser schönes Wohlstandsleben an seine Grenzen geraten kann, müsste grundlegend etwas geändert werden an wirtschaftlichen und politischen Großstrukturen, denn genau hier läge ja die Lektion. Dass die „Legitimität der Veränderung“ auch dazu führte, ist bislang nicht erkennbar. Die Politik denkt derzeit über einen „Marshallplan“ für ganz Europa nach – gute Idee. Wie weit aber die Europaidee als solche, auch bei den Deutschen, nach Corona tatsächlich reicht und auch bei schweren Bürden tragen wird, bleibt abzuwarten. Südeuropa munitioniert sich gegen den Norden, Polen und Ungarn haben neue autoritäre Pflöcke eingeschlagen, Großbritannien hat – laut Brand-Rede des Interim-Entscheiders D. Raab – noch nicht einmal den Tiefpunkt der Krise erreicht. Findet Europa durch die neue Mitmenschlichkeit wieder zusammen? Setzen wir Finanzmärkten, kapitalistischen Strukturen, Gewinnlogiken nach einer Krise, die die gesamte Weltwirtschaft in eine Rezession reißt, jetzt endlich Grenzen?

Die vielen unterschiedlichen Fragen, die sich damit stellen, können wir hier nicht aufblättern; Fragen etwa nach einer hoch-anspruchsvollen Moderation dieser heterogenen Aspekte in der öffentlichen Auseinandersetzung, nach einer „Koalition der Kompetenten“, nach Konsequenzen aus dem Tunnelblick der Meinungseliten (die zwar die moralischen Aspirationen der Mittelschicht betexten, die Konsequenzen der Krise für andere Teile der Bevölkerung aber in einer Sammelrubrik à la „Die, denen geholfen werden muss“ ablegen zu wollen scheinen); ganz zu schweigen von Fragen nach Konsequenzen aus den Gemütslagen derer, die derzeit durch alle Hilferaster fallen.

Der allenthalben blühende Optimismus jedenfalls erscheint uns als ein kurioses, derzeit noch nicht einschätzbares mentales Krisenphänomen – hoch ansteckend wie der Virus, kaum aufzuhalten, aber (außer dem aktuellen Stimmungsbild um gefühlt fast aus der Zeit gefallene Osterferien herum) ohne Basis. Er könnte sich als moralisch intonierte Komplexitätsverweigerung entpuppen. Derzeit gibt es überhaupt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, insbesondere nicht im Ländervergleich. Die Storyline aber, dass wir erst durch Corona lernten, worum es wirklich geht, und dass die uns damit geöffneten Augen zu ganz neuer Handlungsqualität führe, ist ein Phänomen von besonderer mentaler Güteklasse. Wir werden es im Auge behalten.