Corona *bloß nicht bewerten*. Die deutsche Wissenschaft grüßt China

Dass sich Führungseliten in der Corona-Krise vornehmlich an Bewertungstableaus orientieren, die gerade dominant – also bereits existent – sind, haben wir schon diskutiert. Das ist zwar nicht unbedingt hilfreich, weil Krisen (zumindest dann, wenn wir Erfahrung zulassen) dafür stehen, Bewertungen gerade zu verändern, aber zumindest in der Anfangsphase von Krisen menschlich, nachvollziehbar und auch akzeptabel – sofern es nicht dabei bleibt.

In diesem Beitrag geht es nicht um Kritteleien darüber, dass in Sachen europäischer Krisenbewältigung die Sache gerade eher schwieriger wird und stockt. So ist das eben häufig in Krisen. Nein, wir sind darüber verdutzt, wie zunehmend – von ganz unterschiedlichen Gruppen – das leitbildgebende Fortschrittsparadigma von Fernwest (Silicon Valley) nach Fernost (China) switcht. Seit Monaten schon stehen dafür beispielsweise Unternehmer-Besuchsgruppen, die sich durch chinesische Metropolen führen lassen (Tenor: „Wenn die dort ’was wollen, wird unglaublich viel Geld reingesteckt – sofort, unbürokratisch, effektiv. 1 : 0 für China!“). In der Krise haben sich aber nicht nur Unternehmer bewundernd die Augen gerieben, als in wenigen Tagen ein ganzes Corona-Klinikum aus dem Boden gestampft wurde – da lacht das betriebswirtschaftliche Optimierungsherz.

An diesem mentalen Ort stehen inzwischen auch Politiker – etwa Jens Spahn, der für allerlei verhaltensökonomische Experimente (Organspende-Regelung per Nudging) oder Apps fürs Bewegungstracking in Corona-Zeiten ein gleichfalls großes Herz hat. Und nun geht Letzteres auch unseren Wissenschaftseliten zum Thema China auf. Was für Sätze man da inzwischen hören oder lesen darf! So etwa der Soziologe Hauke Brunkhorst:

Die drei Großräume China, USA und Europa gibt es, und sie konkurrieren, und dazu muss auch Europa so handlungsfähig, also staatlich organisiert sein wie die beiden anderen. In der Corona-Krise hat China die Konkurrenz klar gewonnen, während die USA und Europa wohl an ihrer Kleinstaaterei scheitern werden.

Uns geht es hier nicht um Namen, sondern um ein stillschweigend und schleichend sich etablierendes, perspektivisches Prinzip, mit dem im unternehmerischen, politischen und inzwischen eben auch wissenschaftlichen Lager derzeit Kriseneinschätzungen vorgenommen werden. Unterstellt ist dabei eine offene Systemkonkurrenz, eine ideelle Konstellation zwischen USA, Europa und China. Wo eigentlich davon auszugehen wäre, dass

  1. auf der Grundlage von Daten über die eigenen Erfolgs- oder Misserfolgsquoten in der Krise die Situation bewertet würde (Deutschland steht dabei nicht ganz schlecht da), und dass
  2. die eigene kulturell-normative Messlatte zum Bewertungsmaßstab unserer Situation herangezogen würde, d. h. auf Basis unserer Prinzipien analysiert und bewertet würde (als da wären etwa Demokratie- oder Freiheitsrechte),

geschieht etwas ganz anderes. Die Maßstäbe der anderen (z.B. Rigidität bzw. Durchgriffskraft der staatlichen Organisation) werden übernommen und entgegen, präziser formuliert: unbesehen der eigenen Normen das chinesische System zum Systemsieger erklärt. Vorauseilender Gehorsam im akademischen Gewand, sozusagen.

So viel normative Selbstverachtung muss man erst einmal schaffen. Unsere erste, zugestanden rein privatistische Reaktion: Dankbarkeit, nicht in den kanonischen Disziplinen und Strukturen denken und arbeiten zu müssen. Und dann, der allgemeinere Reflex: Wer solche Wissenschaft hat, braucht keine Systemgegner mehr.

 

(Könnte es sein, dass Europa solche Bürger hat – und dass genau sie aktuell die Krise schultern und bewältigen? Und was man so hört, nicht mal schlecht.)

Mitunter steht der Gegner nicht außerhalb des eigenen Systems. Richtig schwierig wird’s allerdings, wenn er sich als Wissenschaft tarnt und die anderen das dann auch noch kommentarlos durchgehen lassen.