Corona bewerten. Gute Führung, schlechte Führung

… oder: Woran wir merken, dass wir uns nicht mehr auf der Höhe der Zeit bewegen

Die bisherige Krisenbewältigung inklusive der öffentlichen Kommunikation verlief sehr gut; ablesbar etwa an den hohen Zustimmungsquoten zur Regierungspolitik in Sachen Corona. Einige sind über sich hinausgewachsen, andere haben es zumindest versucht (z. B. Hands-on-Politiker). Nun beginnt eine nächste Phase. Exit kann man das nicht annähernd nennen (ein grober Kommunikationsfehler); eher den Versuch einer vorsichtigen Normalisierung des Krisenmodus. Was sich dabei abzeichnet ist beunruhigend. Damit ist nicht die Kakophonie der Debatte gemeint. Sie ist unumgänglich; für die geschätzte deutsche Konsenskultur zwar eine Zumutung, aber notwendig. Uns geht es um das mentale „Strickmuster“, in dem seit jeher „entschieden“ wird. Denn in der westlichen Old-School-Mentalität geht es ja um rationale Argumente, Pro und Contra, Entscheidungen und Strategien. Und das praktizieren wir wie gehabt; mit frühen Zeichen von Missmatching und schlechtem Gewissen, die wir nutzen könnten zum Erlernen von anderem Entscheiden. Stattdessen verstecken wir sie lieber.

Was genau ist das alte „Strickmuster“? Sich Problem für Problem vorzunehmen, Argumente zu sammeln, zu diskutieren, rational zu entscheiden und umzusetzen; das Ganze additiv, schnell hintereinander, möglichst konsistent. Krisenhilfe nach diesem Muster bedeutet also, den Hotelliers und Restaurants zu helfen, weil ab Herbst niemand doppelt übernachten oder speisen kann; KMUs und Selbständigen, um Insolvenzen zu vermeiden; Pflegekräften Anerkennung zu zollen, auch monetär. Das ist logisch und plausibel. Logisch und plausibel ist es auch, wenn die Politik das Kurzarbeitergeld aufstocken möchte, weil viele Familien in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Logisch und plausibel ist es auch noch, wenn die größte Industriebranche in Deutschland, der Automobilsektor, Unterstützungsbedarf anmeldet, weil die Autonachfrage einbricht. Desgleichen, wenn ein Luftfahrtkonzern nicht prognostizieren kann, wann alte Mobilitätsmuster wieder aufgenommen werden, diese Zeitspanne womöglich zu groß ist, um überleben zu können, und deswegen um Hilfe bittet. Und sicherlich ist es in den (bisher bekannten) 17 Unternehmen, die insgesamt mehr als 19 Milliarden Euro an Staatskrediten haben wollen, auch jeweils logisch und plausibel, diese Unterstützung anzufordern – denn nach welcher Logik und Plausibilität sollte diesen Organisationen Hilfe verweigert werden?

Wenn ein System ins Wanken gerät, nutzt es jedoch nichts, einzelne Elemente zu warten. Mit dieser alten Logik und Plausibilität wird es langsam eng. Die Entscheider*innen wissen das genau, deshalb bleiben die Listen geheim, so lange, bis alles durchs Parlament und entschieden ist. Denn selbstverständlich können systemische Krisen, in denen Menschen, Tiere, Viren, Organisationen (die – genau so wie Lebewesen – überleben und wachsen wollen), künftig auch noch KI’s, nicht in gewohnter Art gelöst werden; nach linearem Muster gemäß „eins nach dem anderen“. Dass dies rein akademisch jeder weiß, hält niemanden davon ab, Krisenbewältigung in genau diesem Modus von „wer zuerst kommt, malt zuerst“ sowie „wer am lautesten schreit, bekommt etwas“ immer weiter zu vollziehen.

Systemkrisen, deren Zeitalter gerade erst beginnt, werden wir mit solchen etablierten Regeln und Institutionen – mit den heutigen Parteien, mit der heutigen EU, mit den heutigen demokratischen Mechanismen – nicht bewältigen können, dazu braucht es keine Zukunftsforschung. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass solche Krisen („Schwarze Schwäne“) vielmehr zu Totengräbern dieser Institutionen werden. Und zwar nicht deshalb, weil unter ihnen alles zusammenbräche, sondern weil solcher systemischer Druck für alle offensichtlich werden lässt, wie unangemessen unsere Entscheidungsmodi inzwischen geworden sind. Das reicht – denn dann kippt der Systemkonsens.

Was tun? Zwei Möglichkeiten.

  1. Im Trend liegt der Vorschlag: „Dann lasst uns doch endlich die Maschinen hinzuziehen!“ Diese berechnen Wahrscheinlichkeiten vorweg und können in Echtzeit schnelle Entscheidungsvorschläge unterbreiten. Antezipieren, inwiefern Menschen durch Ereignisse ihre Stimmungen, Gefühle, Bewertungen und ihr Verhalten ändern, können sie jedoch nicht (sie prognostizieren, das ist qualitativ etwas völlig anderes). Wenn man gar nicht die Absicht hat, den eigenen Standpunkt zu verändern (im Trendsprech ‚Agilität‘), sind Maschinen erste Wahl.
  2. Um systemgerecht und antezipativ Krisen bewältigen zu können, bräuchten wir eine Menge Anderes. Zunächst sensiblere, feinkalibrierte, reaktionsschnelle Formen von Selbstbeobachtung (strategische Intransparenz im Parlament ist einer modernen Demokratie unwürdig, jede*r spürt das). Sodann andere öffentliche Kommunikation; dann verbindliche Kriterien, nach denen die Teilsysteme (interne und externe Länder) bewerten und entscheiden; sowie Verbindlichkeiten über die Korridore, in denen wir uns – sagen wir, in den nächsten 10 Jahren – allesamt bewegen. Erst dann könnten wir auf sinnvolle, kontrollierte Weise Maschinen hinzuziehen, um innerhalb der einzelnen Problemlagen schnelle Prognosen verfügbar zu haben und auf Zahlenbasis entscheiden zu können. Wir könnten uns flexibel, dynamisch und Umschwünge einkalkulierend bzw. vorwegnehmend, also antezipativ, miteinander verständigen, was wir jeweils situativ für die beste Entscheidung hielten. Wir könnten Maschinen in menschlicher Hinsicht sinnvoll (d. h. nicht gemäß ihres maschinellen Zwecks) nutzen; und Digitales bzw. KI dafür, wozu wir es erfunden haben (nämlich Datenberge effektiv und effizient zu bewältigen).

Dass der zweite Evolutionspfad so schnell nicht umsetzbar sein wird, ist klar. Dass indes überhaupt von Interesse ist, an Pfad (2) zu arbeiten, lässt sich nirgendwo beobachten. Dagegen werden immer mehr Indikatoren für (1) sichtbar. Ob das unser institutionelles und soziales System schultern kann, will und überlebt, wird das große Experiment der nächsten Jahre. Das Risiko, das hier lauert, ist unnötig, nicht verantwortbar, aber gleichgültig. Denn der bauernschlaue Ausweg im Falle des Misserfolgs ist bereits bekannt: „Hättet ihr frühzeitig auf digitale Entscheidungshilfen gesetzt, wäre das nicht passiert – das hat alles viel zu lange gedauert!“. Die perfekte Selbstimmunisierung für inagile Entscheidungseliten, die sich mental nicht bewegen wollen.

Pessimistisch, meinen Sie? Beobachten wir, wie lange die Zustimmungswerte der Bevölkerung zur Normalisierungsphase der Krise stabil bleiben. Wenn politische Entscheidungsmechanismen unangemessen werden, zeigt sich das schnell.