Corona *um*werten. Auch Medien sind in der Krise

Corona drängt vieles in den Hintergrund oder tabuisiert; etwa die Berichterstattung über die politischen Ränder (was machen die gerade aus der aktuellen Thematik?), genauso wie Fragen dazu, was eigentlich passiert, wenn die europäischen Hilfspakete in Sachen Corona in größerem Maßstab nicht zurückgezahlt werden können, oder auch, was von dem regional blühenden Denunziantentum in Deutschland zu halten ist. Offenbar ist die Lage gerade schwierig genug, da will man die Bürger nicht auch noch mit Nebensächlichkeiten belasten.

Das „Issue-Management“, wie die Themensetzungspolitik ursprünglich hieß (aus der PR kommend), wäre ein eigenes, interessantes Untersuchungsfeld zur Krisenbewältigung: Was schafft es durch die Redaktions-Gates, was fällt durch? Was wir als Zukunftsforscher aber noch interessanter finden als diese Selektionskriterien, ist das Mindset der schreibenden Zunft selbst. Wie sie denkt und unsere Gesellschaft einschätzt, unabhängig von den Sensatiönchen von Minute, Stunde und Tag. Denn selbstverständlich wird die Bewältigung der Krise nicht nur von den Mitteln ihrer Bewältigung abhängen, sondern mindestens eben so sehr von Mentalität und Haltung der Gesellschaft gegenüber der Krise. Was also machen kritische Journalisten? Ein Trend: Sie schauen dem Volk (d.i. ihrem eigenen Sozialmilieu) aufs Maul und machen daraus Blogs, Podcasts und Artikel.

Der Journalist Stefan Niggemeier hat kürzlich ein solches Bonmot in Kleinarbeit aufgespießt. Die geistlosen Details lohnen nicht der Wiederholung, interessant aber ist: Hier spiegeln sich Aspekte des Selbstverständnisses eines Teils der Medienleute, die ihre Branche insgesamt in eine Ecke manövrieren, die mit Journalismus nichts mehr zu tun hat. Zwar gab es populistische Stimmungsmache schon immer, aber derzeit differenziert sich diese Szene aus. Essentials dabei:

  • Beleidigt sein darüber, dass sie niemand fragt. Dabei haben sie doch zu allem und jedem eine Meinung!
  • Alle müssen gefragt und gehört werden – die Krise betrifft doch auch jede*n! (Wieso sollten Krisenbelange Virulogen und Epidemiologen entscheiden, und Wirtschaftsdinge Unternehmer und Politiker – sind wir nicht alle potenzielle Kranke und irgendwie wirtschaftsabhängig? Undemokratisch!)
  • Sie sind die Stellvertreter von „allen“.
  • Auch, wenn man keine Ahnung hat von Hintergründen oder Lösungen: etwas Nahelegen und Suggerieren geht immer.

Das Ziel dieser Stimmungsmache ist eben das: eine Stimmung herzustellen, die nichts mit realen, belegbaren Ereignissen zu tun hat, die Haltung der Gesellschaft aber dennoch beeinflussen soll. Das Ganze wird kritisch intoniert, und Kritik dieser Kategorie heißt: Misstraue prinzipiell allem, was von oben kommt, was Eliten erzählen, was „uns“ als Wissenschaft „verkauft wird“. (Das hat zwar nichts mit Kritik zu tun, aber eine Menge mit dem hier in Geltung stehenden journalistischen Welt- und Selbstbild.) Während Wissenschaftler in Science-Märschen durch westliche Länder ziehen und mehr Zahlen-Daten-Fakten-Orientierung einfordern, fangen Medienleute in der Krise an, „freien“ Journalismus für grundlagenfreie Privatkolumnen zu erschließen; eine Art Writer’s Trumping. Dass das nicht mehr nur in politisch radikalen Gruppierungen geschieht, sondern immer mehr Einzug hält in etablierte Medien, gehört mit zu einer üppig wuchernden „Schattengesellschaft“, die die Krise eben auch produziert: Phänomene, die undurchleuchtet bleiben und im Dunkeln gut gedeihen, weil angeblich niemand Zeit für sie hat oder sie nicht wichtig genug scheinen.

Corona ist als Krise womöglich ein Schub auch in gute Richtungen. Wenn die Gesellschaft als Ganzes aber vergisst, ihre eigenen Veränderungen in und während der Krise zur Kenntnis zu nehmen, wenn die nicht wichtig sind („überstehen ist alles“), können sich in dieser Zeit Wahrnehmungen und Bewertungen unbeachtet erheblich verändern („Kollateralschäden“). Wir beginnen dann, die Krise im Blinden Fleck zu bearbeiten. Eigentlich ist kritischer Journalismus (auch) dafür da, genau das zu verhindern; Veränderungen zu beobachten, zu verlautbaren und diese Fehlentwicklung ins Bewusstsein zu heben. Führung in der Krise heißt mindestens ebenso sehr Führung einer Einstellung, nicht nur Führung von Handeln.

Kann sein, dass für solchen Journalismus neue intramediale Kämpfe nötig sind; spannend wird sein, ob diese denn auch (hinreichend) stattfinden. „Marktbereinigungen“, um das hässliche Wort zu gebrauchen, finden in der Wirtschaft automatisch statt – das regelt der Markt, unbarmherzig. In den Medien sieht das scheinbar noch anders aus. Zwar sind die Medienkonzerne zumeist stolz auf ihre Durchökonomisierung bzw. -digitalisierung im letzten Jahrzehnt (eine alternativlose Strategie, wie behauptet wurde). Das bedeutet aber nicht, dass das, was unter der Rubrik ‚Kritischer Journalismus‘ gefasst ist, auch an den Bewertungskriterien eines kritischen, freiheitlich-demokratisch eingestellten Hörer- und Lesermarktes bemessen würde – ein häufig und gern angetriggerter Kurzschluss. Nein, auch kritischer Journalismus wird inzwischen bemessen an Quoten und Resonanz: an Wirtschaftskriterien. Wenn quantitativ genug Leute Unsinn glauben, legitimiert das qualitativ diese Berichterstattung. Diese Verhältnisse segeln bis heute – als strukturell völlig veränderte Bedingungen – unter der Flagge „Vierte Gewalt“. (Ethnologen nennen derlei Magie.)

In der Krise brechen die Konsequenzen des medialen Strukturwandels voll auf.