Corona bewerten. Die Geduld schwindet – berechtigterweise?

Zunehmend mehr Menschen sind genervt: Der Shutdown wird verlängert. Derzeit gibt es seitens der Politik zwei dominante Positionen zu Corona.

  1. „Wir wollen keine bestimmte Zahl erreichen, sondern einen Zustand“. Das Gummiband an Kennzahlen, das bisher gezogen wurde (1. Meilenstein: Verdopplung der Fallzahlen alle 10 Tage; 2. Meilenstein: … alle 14 Tage; inzwischen liegt sie bei über 70 Tagen. Die aktuelle Kennzahl lautet aber auch längst „R-Faktor“), ist der Legitimation politischer Entscheidungen nicht förderlich.
  2. „Wir können doch nichts dafür, dass die Wissenschaft ständig ihre Meinung ändert!“ Das stimmt, hier liegt ein Konfliktverhältnis vor. Wissenschaftler ändern ihre Meinung, wenn sich die Welt bzw. ihre eigenen Zahlen über sie ändern. Das ist in der Politik anders („klare Kante zeigen“, Parteiräson, erkennbar bleiben). Die Wissenschaft für eigenes Lavieren verantwortlich zu machen, bringt aber auch keine Legitimation.

Der Gleichmut in der Bevölkerung über die strengen Maßnahmen schwindet, inzwischen aus mehreren Gründen. Hauptsächlich steigt die Unsicherheit über das Verhältnis zwischen epidemiologischer Leistung (bisherige gesundheitspolitische Erfolge des Shutdown) und „Kollateralschäden“ (sozialen, wirtschaftlichen u.a.). Denn eine Krise verändert diejenigen, die sie durchleben. Bei dieser Erkenntnis sind wir allerdings noch lange nicht: Bei Wechsel der Lage verschieben sich Wertungen. Die häufig beschworene Resilienz fußt darauf, das ist eine Fähigkeit.

Frühphase des Krisenbeginns:
  • Hohe Toleranz und Unterstützungsbereitschaft für die Maßnahmen seitens der Bevölkerung
  • Kaum Rechte-Debatten (Einschränkung des Demonstrationsrechts, Kontaktsperre usw.)
  • Vertrauensvorschuss in Regierung und Politik: Hier wird kein Ausnahmezustand ausgenutzt, sondern die Gesellschaft geschützt.
Spätphase des Krisenbeginns (Status quo):
  • Aufkommende Fragen, z.B.: Stehen die Gewinne in einem vertretbaren Verhältnis zu den Verlusten?
  • Wer kann und sollte solche Fragen beantworten und entscheiden?
  • Zunehmende Debatten um Demokratie- und Freiheitsrechte
  • Plausibilität der Verstetigung des Shutdown sinkt: Kritik an fehlenden Kriterien und Bemessungsgrundlagen für die jüngsten Maßnahmen.
Gründe für die aufkommende Ungeduld:
  • Kommunikationsfehler (einen „Exit“ werden wir frühestens 2021 erleben; ständige Kennzahlenwechselei; ein Normalisierungsdiskurs über die Krise fehlt bislang)
  • Tabuisierung möglicher Effekte und Konsequenzen staatlicher Hilfen – die öffentliche Debatte wird monopolisiert durch den Best Case („sie helfen so, wie erhofft“, „anderes können wir ohnehin nicht tun“)
  • Rolle der Medien bleibt unverändert: Die Krise wird begleitet (das Meiste war zu Beginn unkontrovers…), aber nicht bewertet (…was sich längst geändert hat).

Der Politik fehlt ein kommunikativer Rahmen im Umgang mit der Öffentlichkeit, und das kommt als Inkompetenz an. So nachvollziehbar und fachkundig der Krisenbeginn begleitet wurde – lernfähig, nachdenklich, ehrlich, im ersten Schock authentisch und nicht-taktierend –, so lavierend erscheint er inzwischen. Wir bräuchten eine kleinteilige Phasen-Einteilung (vor allem die Wirtschaft benötigt sie), eine realistische Verwendung von Sprache bzw. Begriffen und dringend eine Vorstellung einer möglichen „Normalität“ unter Corona. Denn das ist das, was die Politik ansteuert, nachvollziehbarerweise (denn nur, wenn es zu dieser Interims-Normalität kommt, können die Restriktionen weiter gelockert werden). Sie bekommt die Botschaft aber nicht auf die Straße.

Solange die Führenden selbst nicht wissen, wie eine mehrmonatige Corona-Gesellschaft aussehen soll, muss sich niemand wundern, dass die Zustimmung bröckelt (und dies andere Stimmen zu nutzen wissen, Medien inklusive). So baut man sich seine Hürden selbst.