Corona bewerten. Deutungen der Denker

Die Chefbeobachter von Republik und Welt (von Agamben über Sloterdijk bis zu Žižek, inklusive Redakteuren jeder Couleur) basteln an einem ersten Deutungspanorama über Corona. Gut so, denn Einschätzungen und Orientierungen, die sich über die Mühen der praktischen Ebenen erheben, sind willkommen und nötig. Die Medien berichteten vielerorts bereits: Was dabei bisher herauskam, hat niemanden vom Hocker gerissen. Irritierend ist jedoch weniger die Fantasielosigkeit des behaupteten Weitblicks, sondern eine Dimension dieser Beschreibungen, der es gelingt, das im Untergrund Erschreckende und Paralysierende des „Schwarzen Schwans“ Corona einfach wegzubeschreiben.

Worum es bei diesen Köpfen geht, sind – kleine Auswahl – die Beschränkungen von Freiheitsrechten, Übertreibungen der einen (Gesundheitsmaßnahmen, Überschätzung des Virus) oder der anderen Seite (Einschränkungen von Wirtschaft, sozialem Leben u. A.), Tipps zu privaten Ritualisierungen (Alltag in der Krise), Tiefschürfendes über Globalisierung (bisher zu viel oder zu wenig?), Politiker-Habitus, die Dystopie ‚China‘ u.a.m. Nun haben wir ja bereits seit Längerem auch eine offene globale Ökologiefrage, deren Thematisierung in den letzten Monaten vor Corona stetig intensiver wurde, dafür aber nicht unbedingt auch mehr praktische Reaktionen erfuhr.

Beide Phänomene – Virus und Klimakollaps – betreffen keine hochintellektuellen Tatbestände oder Entwicklungen, die es philosophisch bis ins Kleinste zu vermessen gälte, sondern berühren den Grund bzw. das Fundament, warum menschliche Gesellschaften notorisch angreifbar und verletzlich sind: Die Cyborg- und KI-Gesellschaft gibt es eben noch nicht. In Menschengemeinschaften leben von Anbeginn bis heute organische, biologische Lebewesen, die zeitlich existieren, geboren werden, erkranken, Unfälle haben, sterben. Es ist eine kuriose Welterfahrung im Jahr 2020 mitzuerleben, wie es unsere Meisterdenker fertigbringen, dieses untilgbar beängstigende Phänomen, das gerne über Modernisierungs-, Zivilisations-, Fortschritts- und Technologisierungsdiskurse diskursiv abgeblendet wird, noch inmitten einer Pandemie zu dethematisieren.

Um etwas geerdeter, d.h. hier: wissenschaftsnäher zu bleiben („Meisterdenker“ ist eine nebulöse Menschenkategorie mit breitem Interessenportfolio), sei stellvertretend der deutsche Soziologie-Meisterdenker Heinz Bude genannt, ein populärer und medienerfahrener Begleiter zeitdiagnostischer Besonderheiten. Aus seiner Sicht sind z. Zt. neue Akzente eines Bewusstseins der „Vulnerabilität“ zu beobachten. Der Akzent in der Bevölkerung verschiebe sich weg von der Freiheitsorientierung hin zu Schutz und Sicherheit. Wir wendeten uns ab von einem „starken Ich“, hin zu einem „schwachen Ich“, erkennbar an zunehmender Solidarität und der Idee eines „effektiven Wir“ (d. i. eine zunehmende Kohäsion der deutschen Gesellschaft sowie der Gedanke eines „freundlichen Staates“, eine Idee von Dolf Sternberger). Dieser mentale Wandel berge einen hohen Transformationsgehalt; er könne der Beginn sein einer Entwicklung von der sozialen Marktwirtschaft zu einem koordinierten Kapitalismus.

Was Bude und die anderen Kommentatoren verbindet, ist die Fähigkeit, den wunden Punkt der Ereignisse (den „Bios“; also das, was sich hinter dem soziologischen Begriffsmonster der Vulnerabilität verbirgt) so umzudefinieren, dass er als zugrundeliegendes „Problem“ im Sinne der Bedingung der Möglichkeit biologischer Versehrbarkeit gar nicht mehr auftaucht. Verwundbarkeit ist hier ein Phänomen, eine Eigenschaft ohne jede anthropologische Tiefe. Diese wird, im Gegenteil, systematisch versperrt: Laut Bude wächst dank Corona ein „schwaches Ich“ heran, ein noch vage profilierter kognitiv-mentaler (Papp-)Kamerad, der zwar aus Bewusstsein besteht, aber schwächelt – zuvorderst repräsentiert er neue Bescheidenheit, womöglich Demut. Einen Körper hat er nicht. Biologie also verzwergt auf Psychologie, und voilá – schon hat man nur noch ein Kopfproblem, und das lässt sich lösen. Sloterdijk wiederum hält die ganze Debatte schlicht für aufgeblasen (‚ein neuer Grippevirus – na und?’) und malt eine chinesische Zukunft an die Wand, viele andere diskutieren von vornherein nur über Globalisierung, den Staat bzw. politische Maßnahmen, oder auch soziale Zumutungen bis hin zum privaten Survival Kit in der Krise. Soll heißen: Hier kommt, egal in welcher Zurichtung, das Thema Verletzlichkeit gar nicht erst vor.

Ist es denkbar, dass die zentrale Ebene dieser Kommentare das Problem nur widerspiegelt, oder, noch unheimlicher, selbst Teil des Problems ist: eine stoische Verleugnung dessen, was wir am allerwenigsten im Griff haben, was wir nicht wirklich kennen, weder präzisieren noch prognostizieren können, wo es um Sinn, Bedeutung und Relevanz geht, weil: um Sterblichkeit? (Bekanntlich beherrschen die Dethematisierung dieses Feldes Männer traditionell besser als Frauen; frappierend, wie sich das bis ins 21. Jh. – und gar inmitten einer globalen Pandemie – ohne Irritation hält. Deren Vorschläge: Strategien überdenken, Konzepte, Modelle, Prozesse.)

In einem Interview spricht Wolfgang Schäuble angesichts von Corona seltenerweise von einem „apokalyptischen Gefühl“. „Meisterdenker“ würden genau dieses Apokalyptische, das derzeit niemand erfassen kann, versuchen zu beleuchten. Dieses Projekt bedeutet ja nicht, apokalyptisch zu werden bzw. zu denken (einer der trendigsten Kurzschlüsse, die die Meinungseliten derzeit triggern, um Optimismus zu verbreiten und genauere Nachfragen bedenkenträgerisch aussehen zu lassen). Der Versuch, eben dieses Unheimliche oder Unbeherrschbare in den Blick zu nehmen, wäre aber die Voraussetzung dafür, den modernen Krisentypus, der sich nicht nur dem Westen, sondern der gesamten Welt unaufhaltsam aufdrängt, überhaupt erst einmal zu verstehen, ihn anerkennen und erst dann vielleicht auch praktisch bewältigen zu können. In Sachen Meisterlichkeit eines Denkens der Relevanz sind unsere Denker gerade ein Totalausfall. Nicht wegen Einfallslosigkeit (wie die Intellektuellenschelte aus konservativer Richtung gerade intoniert wird), sondern weil sie das Thema verfehlen.

Derzeit zu beobachten sind Königstänze auf Schaumkronen einer Krise, die als intellektuelle Sahnehäubchen umgedeutet und medienwirksam verspeist werden. ‚Viel Lärm um nichts’, nannte Shakespeare derlei. Meistens kamen dabei allerdings keine Komödien, sondern Tragödien heraus. Die conditio humana in der Weltwahrnehmung zu eliminieren, ist in der Geschichte noch nie gutgegangen. Bemerkt wurde das in einer Krise selbst jedoch praktisch nie; und wie es scheint, hat sich daran nichts geändert.