Corona bewerten. Richtungsanzeige – wo gehts hin?

Wissenschaftliche Zukunftsforschung hat sich über die Jahrzehnte eine Menge einfallen lassen, um Zukunft ins Visier zu nehmen. Am Ursprung stand ein anti-prognostischer Reflex: Wenn die Zukunft anders sein wird, als die Gegenwart (und gar die Vergangenheit) ist; wenn also hohe Dynamik und Ungewissheit herrschen („VUCA“), fallen Prognosen logisch aus. Denn sie arbeiten auf Basis von „Daten“, also Gegebenem aus der Vergangenheit, und beruhen auf dem Glauben, damit auf Künftiges schließen zu können. Unter Bedingungen von Konstanz und Stabilität funktioniert das gut, ist logisch und plausibel, unter Ungewissheit nicht. Prognosen haben in VUCA-Welten Unterhaltungswert, Informationswert aber nicht mehr.

Wollen wir nun aber auch nicht normativistisch an die Sache herangehen (also unsere Wünsche einfach an die Stelle der Zukunft setzen: alles wird ökologischer, menschlicher, achtsamer, lokaler…), gibt es zwei grundsätzliche Einflussfelder:

Beharrungstendenzen:

Gesellschaft und Wirtschaft sind aus dem Lot. Erstere wünscht sich Normalität: Die Sehnsucht nach Routinen, Gewohnheiten, Altbekanntem, auch nach kleinen oder großen Fluchten (Restaurantbesuch, Urlaub) nimmt beständig zu. Die Ökonomie wird nach der Krisenphase unter Hochdruck wieder in profitables Fahrwasser hineinrudern. Die ersehnte soziale Normalität hängt dabei zu einem erheblichen Teil von der wirtschaftlichen ab, nicht nur konsumerisch.

Wandeltendenzen:

Soziale Medien und Öffentlichkeit sind seit Wochen voll des Rausches über Achtsamkeit, Resilienzthemen, Zeitwohlstand und neue Besinnlichkeit, über die digitalen Erfahrungen, die alle überrascht haben, über Wohl und Wehe von Homeoffice usw. Keine Frage, hier brechen bislang verdeckte Sehnsüchte auf. Wir realisieren in der Krise deutlicher als sonst die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Deutet sich ein Wertewandel an?

Beide Felder sind intern hochkomplex, ganz zu schweigen von ihrem Zusammenspiel.

  • Ob das Totschlagsargument „Arbeitsplätze“ die Träume von einem selbstbestimmteren Leben nicht sehr schnell zügeln wird;
  • ob sich relevante Teile der Wirtschaft nicht (auch) durch Staatshilfen auf ethisch höchst streitbare Weise wieder berappeln, langfristig ihren (in Krisen offenbar höchst effektiven) Lobbyismus ausbauen, parallel dazu Dividenden ausschütten und das kapitalistische System in solcher Weise auf eine noch nie dagewesene Spitze treiben,
  • ob sich derzeit ein Wertewandel, der den Namen verdiente – also eine Verschiebung soziokultureller Grundüberzeugungen – tatsächlich vollzieht (oder nicht vielmehr ein Pfeifen im Walde praktiziert wird, ein sich-selber-Mut-Zusprechen, um besser durch diese anstrengende Zeit zu kommen);
  • ob der nachholende Konsumrausch im Sommer, der uns aufgrund von wochenlangem Shopping-Entzug womöglich bevorsteht; das Bedürfnis nach öffentlichem Sich-Zeigen und zur-Schau-Stellen, die gerade inszenierte Lessness nicht schneller wieder auffrisst als wir Eistüten verzehren können,

ist heute völlig offen und nicht beantwortbar. Fakt ist: Das Gesamtsystem muss wieder in Balance geraten, das hat Priorität; individuelle Träume von mehr Autonomie hingegen nicht. Als Zukunftsforscher beschleicht uns zunehmend das Gefühl, dass mit der Schwemme an grundstürzend optimistischen Post-Corona-Szenarien vor allem eines bezweckt wird: das Volk ruhig und die Stimmung oben zu halten. Möglicherweise sind Fachkreise, Forschung und Beratung selbst derart affiziert von einer Mental-Corona der Angst, dass begründete, rational-skeptische Einreden eines Risikomanagements (neben dem erstickend omnipräsenten Chancenmanagement) beinhart ausgeblendet und verächtlich gemacht werden (als Schwarzseher, Gestaltungsverweigerer, Dystopiker – alles Leute, die einer Post-Corona-Gesundung im Weg stehen und vor lauter blinden Flecken die neuen Möglichkeiten nicht sehen). Diese Tendenz reicht bis weit in die Wissenschaft.

Dabei lässt sich die Frage, wo gerade unsere größten blinden Flecken liegen, gar nicht valide beantworten. Die psychologienahe Zukunftsforschung oder auch die Verhaltensökonomik wissen inzwischen gut Bescheid über kognitive Verzerrungen, die bei Menschen in Situationen hoher Ungewissheit an der Tagesordnung sind (selektive Wahrnehmung, selektives Gedächtnis, Bevorzugung bestätigender Informationen, Überbewertung anschaulicher Informationen, das Nicht-Trennen zwischen zufälligen und nicht zufälligen Informationen, die Überbewertung des Neuesten, keine Unterscheidung zwischen Fähigkeit und Glück usw.usf.). Solide Urteilskompetenz in VUCA-Welten ist eine schwierige, zeitaufwändige und methodisch anspruchsvolle Aufgabe. Sowohl Extremszenarien (‚alles bricht zusammen‘ versus ‚das Nachhaltigkeitszeitalter bricht an’…) als auch Projektionen aktueller Einschätzungen und Umfragen fallen daher aus, stehen aber nichtsdestotrotz hoch im Kurs – natürlicherweise, denn Menschen suchen und brauchen Orientierung. Daran ist nichts auszusetzen, bloß: Von diesen ärmlichen Strohhalmen, an denen sich alle festhalten und die in der Krise einen guten Dienst tun, auf die Zukunft zu schließen, ist gefährlich. Es spiegelt einen Totalausfall an Selbstreflexion und ist als solches ein beängstigendes Symptom: Schlottern uns mental derart die Synapsen, dass wir für komplexere Lagebeurteilungen keine Energie und kein Zutrauen mehr haben – selbst in der Wissenschaft?

Eine seriöse Richtungsanzeige ist derzeit noch nicht möglich; auch aufgrund einschlägiger weiterer Faktoren, etwa der Unabsehbarkeit der europäisch-flankierenden Entwicklung. Aber so gehen eben Krisen: Betroffen sind alle, wir stecken tief im perspektivischen Sumpf. Was nicht weiter schlimm ist, wenn wir uns entschließen könnten, allmählich auch wieder aus ihm aufzutauchen. Gelingen wird das allerdings nur, wenn wir die Wissensbestände, über die wir heute verfügen, auch hinzuziehen (leider anstrengend), und nicht dadurch, dass wir unsere Vorkrisenträume einfach weiterträumen, jetzt zu angeblich realistischen Zielen hochrüsten und uns diesen Münchhausen-Trick auch noch als Mut und zielfähige Orientierung einreden. Zwar stirbt die Hoffnung zuletzt, aber ihre letzte Hochzeit als praktische Ratgeberin hatte sie doch eigentlich vor ein paar Jahrhunderten, Richtung Mittelalter. Ganz sicher sind wir uns dessen aber gerade nicht.