Corona bewerten. Stiftet der Virus das Digitalisierungsparadies?

In den Unternehmen sind die meisten begeistert über den Elan, mit dem digitale Werkzeuge in den letzten Wochen nicht nur ausprobiert, sondern inzwischen auch für bequem, komfortabel und nützlich befunden worden sind. Zoom & Co. sind Tools der Stunde; in Kombination mit Kurzarbeit und Home Office unken viele, das sei er nun, der längst überfällige Einstieg ins digitale Arbeitszeitalter.

„Man sieht, was man sieht“ lautet jedoch das Motto des Confirmation Bias. Soll heißen: Diese beliebte kognitive Verzerrung, der wir Menschen kaum entgehen können (nämlich neue Informationen so zu deuten, dass sie immer nur das bestätigen, was wir ohnehin glauben), lässt jede*n das prophezeien, was er oder sie selber denkt, und nicht das, was real wahrscheinlich wäre. Zukunftsforschung muss sich ständig mit solchen – neurowissenschaftlich inzwischen gut durchleuchteten – Denkfehlern herumschlagen; nicht zuletzt deshalb, weil Zukunftsforscher ihnen genau so auf den Leim gehen wie andere auch. Wir müssen also perspektivisch neutralisieren – sowohl uns als auch den Beobachtungsgegenstand. Welche Interessenlagen vermengen sich hier?

  • Unternehmensinteressen. Das Silicon Valley arbeitet seit vielen Jahren daran, Biologie und High Tech zusammenzuführen. „Immersion“, das völlige, möglichst bruchlose und authentische Eintauchen in virtuelle Welten wird als nächster Schritt der Evolution verkauft. An der University of California in San Francisco arbeitet beispielsweise Adam Gazzaley zusammen mit Gehirnforschern daran, das menschliche Denk- und Bewusstseinsorgan fit zu machen für eine komplexe, unübersichtliche und überfordernde Welt, das sich in der VR jedoch von diesem Stress erholen oder auch die ermüdeten Synapsen trainieren und wieder fit machen kann für die nächste Challenge. Womöglich wird die VR zum uns begleitenden Dauer-Retreat im 24-7-Modus, eine Heimat zweiter Ordnung, die wir uns selbst gestalten und nach eigenen Wünschen und Sehnsüchten stetig anpassen können. – Hier gilt: Etwas besseres als Corona konnte dieser Vision kaum passieren. Medien, Unterhaltung, Bildung, Medizin – die Welt würde auf solcher Technologiebasis eine andere sein, und zwar eine in Kalifornien erfundene.
  • Europäische Kulturreflexe und politische Interessen. Diese kalifornische Utopie steht für eine No-Touch-Zukunft, gegen die sich viele Menschen hierzulande scheinbar heftig wehren. Die aktuellen Proteste auf den Straßen (bis hin zur Hysterie) gegen Kontaktbeschränkungen und soziale Isolation scheinen eine Sprache zu intonieren, die sich diametral gegen eine solche Vision stellt. Nur kann niemand seriös beantworten, worauf dieser heterogene Stimmenchor eigentlich beruht. Macht sich hier tatsächlich eine kulturelle Grundüberzeugung bemerkbar – oder nicht eher eine Melange aus Verschwörungstheoretikern, politisch Radikalisierten und Esoterikern? – Hier gilt: Auf Wertkonservatismus lässt sich immer gut surfen, wenn es eigenen Partikular-Interessen dient. Falls es gelingt, dass die Leute beides miteinander verwechseln, käme dies den Interessen vieler dieser Demonstranten entgegen. Klares Denken aktiv zu erschweren oder zu verhindern, wird derzeit von mehreren Seiten versucht. Wie die europäischen Gesellschaften zu Lockdown und Exit tatsächlich stehen, ist daher zur Zeit kaum einschätzbar.
  • Krisenbedingte volatile Stimmungen. Die anfangs geschilderte Lagebeschreibung („Zoomst du mit oder verlässt du noch das Haus?“) ist bei vielen einem situativen Erleichterungsgefühl geschuldet. „Gott-sei-Dank, diese Techniken sind ja gar nicht so kompliziert, kann ich auch, geht eigentlich ganz leicht, funktioniert und ich spare viel Reisezeit“ – so in etwa geht diese Storyline. Dass diese Interims- und Behelfstechnologie mittelfristig mehr sein wird als eben dies, ist noch nicht ausgemacht. Viele sind – im Gegenteil – froh, sich allmählich ihren physischen Alltag zurückerobern zu dürfen. Nur, weil es künftig ein paar virtuelle Meetings mehr geben wird als vor der Krise, bedeutet das noch nicht, dass sich Grundeinstellungen gegenüber digitaler Technologie (bzgl. Datenschutz, Privatsphäre, sozialen Kollateralschäden wegen Kontaktverarmung, Vereinseitigung der Sinneswahrnehmungen usw.) verändert hätten. – Hier ist eine Art evaluativer Salto mortale zu beobachten: Aus vermehrten Treffen mit Freunden via Skype wird gleich eine neue Kommunikationslage kreiert, der eine Tiefe bzw. eine – im Vergleich zu realen Kommunikationen – Vollwertigkeit unterstellt wird, die zunächst nichts weiter darstellt als eine gewagte Hypothese.

In Kybernetik, Gehirn- und Zukunftsforschung laufen seit Jahren Untersuchungen, was genau die Intensivierung von Internet- und Smartphone-Nutzung (also die Zunahme virtueller Kommunikationen) mit der menschlichen Wahrnehmung und Gefühlslagen wie Nähe, Freundschaft oder Vertrauen genau macht. Ist die empfundene Gefühlstiefe einer Long-Distance-Love zwischen einem Partner in Shanghai und dem anderen in New York im Vergleich zu einer Präsenz-Partnerschaft anders, weniger intensiv, oberflächlicher? Gewinnt sie womöglich sogar Qualitäten hinzu, weil Themen verbal kommuniziert werden (müssen), die sonst nonverbal vermittelt würden? Vergleichen Betroffene diese beiden Beziehungs-Modi überhaupt in solcher Art miteinander? Alles noch offene Fragen.

Die fröhlich-grundlose Prophetie einer digitalen Gesellschaft ist nicht nur ungewiss, sondern zudem ethisch, normativ und soziallogisch höchst ambivalent. In jedem Fall ist sie bedenklich naiv, wenn sie davon ausgeht, dass es vorrangig die Gesellschaft bzw. die Menschen seien, die diese digitale Welt durch das, was sie sich wünschen, was sie in der Krise vielleicht gelernt haben, was sie als gut und sinnvoll bewerten, herbeiführen und formen würden. Sie sind es auch, durchaus – aber bei diesem Thema reden noch andere Akteure mit. Als da wären globale Tech-Konzerne, gegen die sich europäische Konsument*innen in der Art ihrer Nutzung technologischer Gadgets und Angebote noch nie entschieden abgegrenzt oder zur Wehr gesetzt haben, sowie Regierungen, die selbst eine digitale Agenda vertreten; Gesundheitspolitiker wie Jens Spahn mal mehr, Datenschutzbeauftragte mal weniger. Zukunftsforscherisch gilt: Wir sollten viel eher darauf achten, welcher Digitalisierungspfad nach Corona betreten wird – und warum bzw. von wem. Die dichte Zoom-Wolke, die gerade über uns hinwegzieht, vernebelt vielen Zeitdiagnostikern gerade das digitale Urteilsvermögen. Europa braucht und will Digitalisierung nicht als Selbstzweck (zumindest bisher unterscheidet uns das von China); und über die damit bedeutsam werdenden Detailzwecke sollte demokratisch gestritten und auf dieser Basis dann entschieden werden – und nicht aufgrund einer kollektiven Digital-Euphorie inmitten des Corona-Hype.