Corona-Demos: Sind die Doofen schuld?

Nietzsche hat es auf den Punkt gebracht: Irgendjemand muss für eine Misere schuld sein, sonst wäre es nicht auszuhalten. Dass derzeit auf bundesdeutschen Plätzen Menschen dicht gedrängt gegen Lockdown, Kontaktsperren und drohenden Impfzwang demonstrieren, ist – laut offizieller Lesart – deren „Schuld“ (verklausuliert: Verantwortungslosigkeit, Mangel an Einsicht und Vernunft; alles Opfer von Internet-Hetze, Verschwörungstheorien, politischen Radikalisierungen von rechts und links oder anderen Erklärungshilflosigkeiten, die gerade produziert werden, um sich dieses Phänomen vom Hals zu erklären). Selbstverständlich kann man sich fragen, ob die Leute verrückt geworden sind, ob alle – wie auf dem legendären Narrenschiff – den Verstand verloren haben und kollektiv in den Untergang segeln, ob Corona die Psyche angreift oderoderoder. Was man aber auch kann: Sich fragen, ob nicht ein Teil des Problems (d.h. der Ursache dieses „Aufstandes“) bei der Krisenführung liegt. Das ist kein so schönes Thema, deshalb findet es auch nicht statt.

Naheliegenderweise werden Parallelen zur Flüchtlingskrise 2015 gezogen; auch damals kippte schnell die Stimmung. Das heutige Erklärungsangebot dazu: Man habe die Instrumentalisierung von rechts unterschätzt. Schalten wir kurz Logik dazu: Das funktioniert nur, wenn es etwas zu instrumentalisieren überhaupt gibt. – Und gegenwärtig? Dass zu Beginn der Krise Kommunikationsfehler gemacht wurden – geschenkt. Niemand hat so etwas bisher erlebt, alle robben pragmatisch und lernfähig durchs Gelände, und dabei sind Meinungsumschwünge, ganz zu schweigen von stetem Erkenntniswandel in der Wissenschaft, unvermeidlich. Sie sind sogar wünschenswert. Und auch, dass sich die „Krisengegner“ solche Wechsel von Perspektive und Maßstäben zunutze machen und sie nun als Kritik gegen Regierung und Experten wenden (ob von rechts oder anderswo), ist naheliegend, aber undramatisch. Wenn es nur das wäre.

In der beginnenden „Lockerungsphase“ (schon das Wort repräsentiert einen Blackout) scheinen alle Dämme halbwegs professioneller Krisenkommunikation in irgendeinem unsichtbaren Styx zu versinken. Dieses Phänomen ist weitaus rätselhafter als die Corona-Demos, denn es scheint sich periodisch zu wiederholen. Dass in Verwaltungen, Bürokratien, Ministerien bis heute eben Verwaltung betrieben und kaum Professionalität in Sachen moderner Führung, kollektiver Steuerung und Meinungsbeobachtung aufgebaut wird, ist zwar hinreichend bekannt, aber ganz offensichtlich kein Grund, etwas daran zu ändern. Was die Demonstranten gerade ärgern könnte: Wir wagen ein paar steile Privathypothesen.

  • Die Bundeskanzlerin bat zu Beginn der Krise auf authentische, ehrliche, persönliche Art und Weise wiederholt und eindringlich um die Befolgung der Regeln. Die Umfragen aus dieser Zeit bezeugen, wie gut das ankam, wie nachvollziehbar das war, und wie glaubwürdig sie das vermitteln konnte. Diese Zeiten sind vorbei, der Gestus wurde geändert: Wenn die Gesellschaft nicht einsichtig ist, folgen Konsequenzen. „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“, hieß das beim alten Goethe. Der aber charakterisierte damit einen König. Fällt etwas auf?
  • Angela Merkel absolvierte in den letzten Tagen zahlreiche Auftritte („sehr viel Aufklärung, die wie noch nie nachgefragt“ werde). Niemand solle behaupten können, die Regierung habe sich nicht angemessen „gekümmert“. Gehen Demonstranten aktuell auf die Straße, damit sich jemand um sie kümmert? Menschen kümmern sich um Alte, Kranke und Kinder; um solche, die ihre Selbstwirksamkeit verloren haben, die hilflos sind. Interessanter als die Demonstranten: Was für ein Bild haben die Führungseliten vom Volk?
  • Die menschliche Lebensspanne, die Natur mit ihrem ewigen Gezeitenwechsel und auch kollektive Krisen folgen Zyklen und Phasen. Im Wesentlichen kennen wir die, sie sind gut erforscht, in Anthropologie, Biologie, Medizin, Psychologie, Verhaltensforschung und neuerdings auch Neurowissenschaften gibt es genügend Beschreibungsvarianten dazu. Die Leserin könnte nun fragen: Okay, was soll diese humanistische Hausphilosophie zukunftsforschender Akademiker? Richtig – das ist nun wirklich etwas für den universitären Elfenbeinturm. Mit der menschlichen Lebenswirklichkeit hat es  ü b e r h a u p t  n i c h t s zu tun. Daher nur in aller Kürze: Biologisch-physiologisch gut erklärbare, menschliche emotionale Durchgangsstadien in Krisen sind
  1. Angst, Formen der Paralyse (Schockstarre: Kopf einziehen, nichts tun, sich nicht bewegen, abwarten; erlernte Reflexe aus unserer Evolutionsgeschichte),
  2. dann Trauer: nicht nur über Verstorbene, sondern vor allem über alles das, was Menschen in Krisen verlieren (Verluste definieren Krisen);
  3. danach kopfloses, vernunftloses Herumgerede, Diskutieren, endlos redundant, ziellos, ohne jede Richtung, Kakophonie, Palaver (Menschen verarbeiten Schocks so); in dem sich dann ganz langsam
  4. Richtungen abzeichnen, erste Linien, was geht und was nicht, was tragbar ist und was nicht. Das kann dauern.

Da das ja alles weltfremde, abgehoben-akademische Themen sind, machen unsere Führungskader andere Dinge bzw. das, was sie gelernt haben (und in der Geschichte noch immer vor die Wand gefahren ist): Man hält sich mit solchen erbsenzählerischen Einteilungsritualen in Vor-, Zwischen-, Unter- und Endphasen, dem ganzen anstrengenden emotionalen Auf und Ab in Krisen – mit Menschen – gar nicht erst auf. Stattdessen: 1. Bitten, 2. Drohen, 3. Maßnahmen-Plan exekutieren (im Juni wird X gelockert, im Juli Y, im August „back ich“, im September „brau ich“, im Oktober ‚geb ich dem Corona seine Impfe‘). Ach wie gut, dass niemand weiß, dass dies das Rezept der politischen Krisenkommunikation zu sein scheint.

Um das Sprachspiel von Frau Merkel zu zitieren: „Das ist nicht gut“. Menschen mögen das nicht. Sie würden es mehr mögen, wenn sie so behandelt würden, als ob sie Menschen wären – keine Zielgruppen, Fälle, Quoten oder Raten, steigende oder sinkende Kurven, Reiz-Reaktions-Studienobjekte bzw. menschliche Äquivalente zum Pawlowschen Hund (‚wir probieren Maßnahme B, und wenn das nicht funktioniert, dann eben Maßnahme A’) oder gar degenerative Idioten, um die man sich – jetzt aber! – intensiv kümmern muss.

In Krisen gerät unsere politische Kommunikation in allmählich beängstigender Regelmäßigkeit zum Desaster. Was wären Alternativen? Sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung ist eine zeitlogisch operierende Abteilung der Anthropologie: Wie können Menschen klugerweise mit Zeit umgehen, sie womöglich sogar einsetzen und nutzen? Unter Corona: Die Krisenplanung zumindest mit Seitenblick auf die unaufhebbaren Phasen menschlichen (Er-) Lebens abstimmen und durchführen. Zeit lernen: Entwicklung einpreisen. Wenn man das praktiziert, gibt es

  1. einen Krisenbeginn (mit Anfang und Ende, wir stehen gerade an diesem Ende),
  2. eine unklar-lange Phase der beginnenden Normalisierung der Krise, bis der neue Zustand leidlich akzeptiert ist. (Randbemerkung: Normalisierung ist weder Lockerung noch Exit.) Es herrscht Corona, aber: Wir lernen allmählich, wie das geht und wie es zu organisieren ist. Dann beginnt
  3. die Hochphase der Krisennormalität. Wir können Corona. Der Habitus sitzt und es dauert ein Weilchen. Wenn dann Glück und Zufall mitspielen (und wir gute Therapeutika oder gar einen Impfstoff bekommen), eröffnen sich Möglichkeiten,
  4. die mühsam habitualisierte Interims-Normalität so aufzubrechen, dass nach der Krise eine andere, offenere Normalität dabei herauskommen kann bzw. möglich wird. Diese Öffnung braucht selbst als solche wiederum Zeit. Bis wir letztendlich in einer
  5. neuen Nachkrisen-Normalität landen, die niemals die gleiche ist wie die Vorkrisennormalität – denn während der Krisennormalisierung „zwischendrin“ (3) haben wir uns angewöhnt, ein anderes Leben zu führen, und nicht alles daran war falsch oder schlechter als das Leben vor der Krise; einiges war sogar besser, und wieder anderes haben wir in dieser Zeit das erste Mal überhaupt bemerkt.

Crashkurs „Krisenerleben des Homo sapiens“ Ende. So ginge Führung unter Corona. Dass Aufstände beginnen, kann man unterschiedlich deuten; und dass sie politisch instrumentalisiert werden, als sicher gelten. Die alte, traurige Leier ist: Es steht zu befürchten, dass die beginnenden Proteste wie gehabt gedeutet werden, also nicht menschengemäß, sondern machtgemäß, als Angriff auf den eigenen Herrschaftsstatus. Das ist das Kernthema auf der Vorderbühne; doch es wird abgeblendet, und immer mehr Menschen wollen das nicht mehr durchgehen lassen. Die Eliten sollten sich nicht zu sicher sein, dieses Projekt erneut stemmen zu können. Derzeit sieht es so aus, als ob die Führenden die Lage grundlegend verkennen. Es mag sein, dass die Doofen schuld sind, aber die Doofen sind gerade nicht nur die Demonstranten.