Corona bewerten. Remote Economy…?

Trend- und Zukunftsforschung (jenseits des wissenschaftlichen Sektors) ist eine Branche wie jede andere und produziert in Kette ihre eigenen Hypes. Brandneu: Nach „Social Distancing“ folgt jetzt „Economic Distancing“. Klingt allerdings blöd, und außerdem hat soziales Distanzhalten inzwischen eine Menge Prügel bezogen – also lieber die Formulierung wechseln. Remote klingt cool und moderner. (Der Trend greift übrigens auch aufs Denken über: Remote Thinking ist ein erster Ableger.)

Was soll das sein? Eine angeblich ganz neue Art der Zusammenarbeit: auf „entfernte“ Art und Weise. Das Recruiting lädt zum Vorstellungsgespräch via Skype, Coaching, Workshop und Kreation („Thinking“) finden im Netz und Meetings aus dem Home Office statt, die Konsumenten machen „Amazoning“. Das Interessante daran sind nicht diese Phänomene als solche, die es auch schon vor Corona gab, sondern ein bemerkendwerter Salto mortale in der Bewertung, der nicht offengelegt wird: Offenbar waren die letzten Jahre über alle geradezu versessen auf so etwas, konnten es mangels digitaler Tools, gesellschaftlicher Resonanz oder betrieblicher Legitimation aber nicht ausleben. „Du willst es doch auch!“: Nutzen wir also die Krise, um alles das, was uns das Silicon Valley und die Informatiker schon ein ganzes Jahrzehnt einzureden versuchen, aber nie akzeptiert wurde: das Leben ins Netz zu verlagern, vermehrt dort zu kommunizieren, einzukaufen und an diesem „Ort“ das eigene Lebensglück zu suchen, nun endlich umzusetzen. Das spart Reisen, CO2, Zeit und Geld.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir die nächsten Monate mit „Trends“ dieser (Berater-)Güteklasse verbringen dürfen, liegt bei 100 Prozent. Denn Krisen müssen nicht nur überstanden und bewältigt werden, sondern sind für viele auch die Gelegenheit, eigene Pflöcke einzurammen – also dasjenige erneut ins Schaufenster zu stellen und marktschreierisch anzupreisen, was vor Corona nicht gut lief, jetzt aber neue Marktchancen erhält. Anders formuliert: War ’was? Nehmen wir doch einfach die alten Ziele, binden ein anderes Schleifchen drum und verkaufen alten Wein ab jetzt in neuen #C-Schläuchen! Und da die westlichen Gesellschaften in Sachen Differenzieren, komplexitätsadäquatem, VUKA-gerechtem Denken und Entscheiden auch nach Corona nicht auf der Höhe der Zeit sind (was wollen wir eigentlich: in welcher Art, was und wie digitalisieren; welche Kommunikationen grundsätzlich auch weiterhin analog führen; tatsächlich eine Amazonisierung des Konsums? …), könnte die Strategie aufgehen.

Wie in jeder Krise, so gilt auch bei Corona: Es lohnt sich zu unterscheiden, ob es bei Ratschlägen, Empfehlungen, angeblichen Trends, Prognosen oder Handlungsszenarien um eine Sache bzw. ein Phänomen oder um ein Interesse geht. Der Megatrend hinter dem Beginn einer unabsehbaren Kette an Post-Corona-Trends: Aktuell dominieren die Interessen.