Corona bewerten. Modernisierung oder Backlash?

Post Corona wird alles moderner und besser – jedenfalls, wenn man der Stimmungsmache in Wirtschaftspresse und sozialen Medien glaubt. Die Kreditvergaben laufen, so viele erhalten staatliche Unterstützung, und was machen wir derzeit nicht alle für neue, zukunftsträchtige Erfahrungen, die es zu Lernkurven umzumünzen und produktiv zu nutzen gilt! Einige lernen Klavierspielen, andere Meditieren, wieder andere Chinesisch.

Vom Rock ’n Roll zum Roll Back

Bei den Rückmeldungen aus Betrieben zeichnet sich allerdings anderes ab. Zwar ist die Hochzeit des Shutdown erst einmal vorbei, aber das bedeutet nicht, dass die Märkte gleich wieder anspringen. Während in der Öffentlichkeit Optimismus verbreitet wird, findet das, was in den Firmen geschieht, hinter der Kulisse statt: die allmähliche Transformation von Schock, Aktionismus und leidlich erfolgreichem Erst-Krisenmanagement in Angst.

  • Dass im Auge des Homeoffice-Orkans eine nennenswerte Modernisierung der Belegschaften stattgefunden hätte, lässt sich nicht behaupten. Was beobachtbar ist: Traditionelle Rollen verstärken sich wieder. Sittenwächter haben Konjunktur („wo ist deine Maske?“, „hast du dir auch die Hände gewaschen?“), die Kinder zu Hause haben die Frauen auf dem Schoß, nicht die Männer, vielerorts wird nach klassischer Führung gerufen: ‚Sag‘ uns, wo’s langgeht!’
  • Was Unternehmen von der Abwesenheit ihrer Mitarbeiter halten, war bereits zu besichtigen. Berühmt geworden ist der Erfahrungsbericht von Marissa Mayer, der ehemaligen CEO von Yahoo. Nachdem das Unternehmen großzügige Homeoffice-Regeln erlassen hatte, stellte die Führung fest, dass viel zu wenig Menschen in den Büros anwesend waren, um kreativ, kollaborativ und agil an neuen Ideen zu feilen. Die Lobhudeleien der Manager über virtuelle Kommunikation (jüngst Bill McDermott: Man ist „ja mehr physisch auf Distanz als sozial“) können nur Leute ernstnehmen, die noch nie virtuelle Belegschaften geführt haben. Funktionierendes, ergebnisträchtiges soziales Miteinander ist physisch, hat aber noch nicht jeder bemerkt. Homeoffice als ein Arbeitsmodus unter anderen sollte sicher häufiger möglich sein als bisher gestattet, aber in Wirtschaftsorganisationen auf absehbare Zeit nicht der dominante sein. Zusammenarbeit deklinieren wir hierzulande anders durch, die meisten finden das immer noch gut.
  • Ein bemerkenswerter blinder Fleck: Die aktuellen Krisenerfahrungen der Mitarbeiter, was sie positiv fanden, was erstaunlich gut lief; und auch, wo Federn gelassen wurden, wo alle gelitten haben, was künftig vermieden werden muss – alles dies wird nicht gesammelt, ausgewertet, kaum ein Journalist fragt diese Menschen, kaum ein Chef kommentiert solche Erfahrungen differenzierter als mit einem Beklatschen von Zoom-Meetings. Immerhin leben wir seit März unter #C. Interessieren sich die Firmen für ihre Krisenerfahrungen – ausreichend? Viele werden in den nächsten Wochen jeden Vorschlag aus der Belegschaft brauchen, um wieder zurückzukommen. Ohne Reflexion von Erfahrung keine Post Corona-Existenz: Überleben hängt grundsätzlich an Lernen aus Krisen (an visionären Einreden „hoffnungslos optimistischer Menschen“, wie sie sich selbst gerne nennen, nicht).

Zukunftsrobuste Unternehmen überlassen das Ruder in Ausnahmesituationen allen. Hier wird das Trendgerede von der Schwarmintelligenz ausnahmsweise einmal konkret und verständlich: Einer allein kann so etwas nicht stemmen, Geschichten von Herakles oder Odysseus sind Mythen. Denn damit inmitten von Schocks echte Innovation – im Sinne von Änderungen, die das Überleben ermöglichen – stattfinden kann, müssen die Erfahrungen, die Menschen unmittelbar in der Krise machen, auch eingepreist werden. Sie müssen die Basis von Änderungen sein dürfen; und deshalb abgefragt, ausgewertet, ernstgenommen, anerkannt und umgesetzt werden. Sofern es aber erneut nur darum geht, dass der Chef irgendwie den Laden rettet – und nicht die Gemeinschaft zusammenarbeitender Menschen, die in dem Betrieb arbeiten, um leben zu können –, generiert die Organisation zu wenig Energie, um das überstehen zu können. Dieses „Leck“ kann der Chef allein nicht kompensieren. Biologisch bebildert: Die Firma produziert dann zu wenig „rote Blutkörperchen“ (ideellen Sauerstoff), um wieder aufzutauchen, von unten wieder nach oben zu kommen. Hirn oder Herz der Firma („Chef“) reichen nicht, wenn sie nicht versorgt werden.

Durch „breite Führung“ könnte es tatsächlich klappen mit Modernisierung und echten Verbesserungen: Die entwickelten sich dann durch alle, organisch-generisch, quasi in Form von Zellerneuerung aus der Organisation heraus. Auf Basis der alten hierarchischen Routinen zeichnet sich hingegen ein Backlash ab: Dann wirft uns #C zurück, auch sozial. Zur Zeit ist das freilich die einfachste Variante der Krisenbewältigung und für einige gleichbedeutend mit „Professionalität“: Staatshilfe eintreiben, die Gunst der Stunde nutzen um Belegschaften zu verkleinern, durch KI zu optimieren, intern die Organisation zu bereinigen. An mehreren internationalen Konzernen lässt sich bereits verfolgen, wie das geht. Unkontrovers ist: Mit diesem Habitus wird die Schön-Wetter-Rede von der sozialen Marktwirtschaft zur Realsatire. Helfen wird das den Unternehmen am Ende nicht, im Gegenteil.