Corona bewerten. Die Chancen-Krise

Kleine Tiefenpsychologie des unternehmerischen Dauer-Optimismus

Unternehmer*innen sind zuversichtliche Menschen und das ist gut so. Jemand, für den das Glas stets halb leer ist, wird sich kaum in „Enterprises“ stürzen – so weit, so plausibel. Weniger plausibel ist das Faktum, dass – egal, welche Krise gerade droht, ob Finanzmarkt-, Flüchtlingskrise, Energie- oder Mobilitätswende – auch jenseits der Medienblase fast nur Optimismus vernehmbar ist. „Wird schon!“, lauten ganz schnell die Parolen, und um sie herum werden alle noch so winzigen Anzeichen versammelt, die diese Autosuggestion gut aussehen lassen, inklusive „wissenschaftlicher“ Studien. Die Opti-Droge ist inzwischen sozio-chemisch präzise ‚hochgetuned’.

Warum ist das so?

  • Strategie: Verständlich, dass man sich selbst in schwieriger Lage nicht auch noch mental runterziehen will. Es macht schlicht keinen Sinn, sich mit allzu viel Negativem zu beschäftigen, wenn man alle Energie braucht, um aus einem Loch wieder herauszukrabbeln.
  • Bedürfnis: Unser Verlangen nach Konsistenz und Identität über die Zeit sorgt dafür, dass wir Selbstberuhigung zur Energetisierung nutzen können. Autosuggestionen sind von hohem psychischem Wert: Sie lullen uns in heilendem Sinne ein und erschaffen auf diese Weise eine innere Ruhezone, einen von äußerer Unbill selbstimmunisierten Kokon, in dem wir denken und neue Ideen produzieren können. Wenn wir Menschen uns von jeder Kleinigkeit verrückt machen ließen, könnten wir nicht mehr überlebensorientiert handeln.

Und das waren dann auch schon die Punkte, die das Pfeifen im Walde rechtfertigen können. Daneben gibt’s noch andere, aber die helfen uns überhaupt nicht weiter, verstärken allerdings die oben genannten Tendenzen immens.

  • Einmal Abgespeichertes, Erlerntes heiligsprechen: Wir alle haben von Kindesbeinen an Prinzipien und Werte trainiert, die uns über Krisen hinweghelfen. Solche Antreiber und Glaubenssätze sind ein Lieblingsthema in Coachings, aber auch jenseits dessen hilfreich betrachtet zu werden. Sie verhindern gutes Entscheiden. Ein typischer innerer Ablauf einer betrieblich bedingten, individuellen Krisendynamik:
    Shutdown: „Ich fühle mich ohnmächtig.“ -> „Tu ’was! Du musst irgendetwas machen, deine Mitarbeiter erwarten das!“ -> -Zig Anforderungen gleichzeitig prasseln auf dich ein, auch privat, keine Struktur: ‚Schaff ich das?’ Der innere Skeptiker meldet sich. -> Aktionismus: ‚Umso mehr gebe ich Gas!’ Von Unterstützungs- und Kurzarbeitsbürokratie (betriebswirtschaftliche Basics erledigen) bis hin zu ‚Mitarbeiter erst mal ins Homeoffice abschieben’ (sich Luft fürs Nachdenken verschaffen). -> ‚Und jetzt? Wie weiter kommunizieren, woher Ideen und Vorschläge nehmen, das Ganze wird ja noch andauern?!’ Angst. -> Spontane, singuläre Reaktionen: Anrufe mal hier, mal da; sich sehen lassen, ohne Konzept; Optimismus verbreiten, ohne Fundament. Jekyll / Hyde – Habitus: Je nachdem, wen man vor sich hat, ändern sich schlagartig Stimmung und Themen…

Visualisierung angepasst, Quelle: Christoph Zill, ManagerSeminare Juni 2020, S. 81

Diese Ketten oder Spiralen sind normal, situationstypisch. Unternehmer*innen handeln jedoch mit anderen und für andere. Solche Muster sind deshalb anders zu bewerten – zu reflektieren und in Schach zu halten – als dies in alternativen Rollen erforderlich ist. Es gehört zentral zur unternehmerischen Verantwortung, die eigene Geistes- und Bewusstseinshaltung zu „managen“. Viele haben das nie gelernt, zur BWL-Ausbildung gehört es ohnehin nicht. In Krisen rächt sich das.

  • Auf Umfeld, Medien, Experten hören: Der Königsweg guter Berichterstattung, kluger Weisung und Beratung ist seit jeher, in der Beratung dem Klienten das zurückzuspiegeln, was er selbst (unbewusst) ohnehin glaubt; bis heute Benchmark dafür ist das Orakel von Delphi. Ergebnis: Maximale Glaub-Würdigkeit, Vertrauen, tiefe Beziehungsebene. Das wissen natürlich auch Fachjournalisten und Experten und kommunizieren deshalb so, wie sie kommunizieren. Also: Das Intelligenteste, was man derzeit beraten kann, geht in Richtung Aktionismus. Tu’ was: Staatshilfen abholen, Zoom lernen, Homeoffice ermöglichen, Kunden informieren – Step one. Wir sind längst in Step two: Strategien für Post Corona entwerfen; in Sachen Nachhaltigkeit, Digitalisierung, KI, mehr E-Commerce, Umstrukturierung, Optimierung und Synergienfindung, Logistik- und Prozessketten überprüfen, Stellenkegel anpassen. Damit hat man genug zu tun, zum Denken kommt man erst gar nicht. Und es gibt auch keine Ideenlücken mehr: Solche to do’s folgen Rezepten. Man muss sie einfach nur befolgen und der Himmel klärt sich auf.

Das meiste vom aktuellen „Die-Krise-ist-eine-Chance“-Gerede sind Trigger der klassischen psychologisch-motivationalen Antreiber aus einer Wirtschaftswelt des 19. Jahrhunderts. Keine Frage: Das hilft für’s Erste, denn nichts an den Rezepturen ist sachlogisch „falsch“. Es zeitigt bloß sozial- und zeitlogisch mitunter desaströse Effekte, denn die sind hier nicht Thema. Was sich zukunftsrobuste Unternehmer daher klar machen können: In keinem Detail geht es bei derlei um Lernen aus der Krise: Was #C speziell mit uns hier macht und was wir gerade erleben. Um die Chance, künftig etwas anders zu machen, weil eine Erfahrung dahinter steckt; und mit diesem „Ganz-Anders-Machen“ einen echten Vorsprung zu generieren. Denn in der omnipräsenten Beratschlagungswolke werden lediglich traditionelle, gut abgehangene Ladenhüter der BWL aus dem Keller geholt, abgestaubt und umgelabelt („Remote!“) und als Krisentherapie verkauft. Und da man selbst am Anfang paralysiert ist, in diesem Zustand erst mal keine eigenen Ideen entwickelt und der Antreiber „Tu was’!“ bei Unternehmern ohnehin ganz vorne mit dabei ist, macht man einfach – und genau dazu raten ja auch die Fachleute.

Wir sind alle nur Menschen. Diese Art der Krisenbewältigung ist uralt und wird auch weiterhin bestens funktionieren. Aber, Alternative: Firmen können immer auch umschalten auf Selbstreferenz, Inside-out, einen Schritt zurücktreten und selber die Situation – mit allen gemeinsam, den Betroffenen – anschauen, überlegen, bewerten. Damit generieren Betriebe einen völlig anderen Ausgangspunkt; und wenn sie es schaffen, von dem auch abzuspringen, die Option auf (vor der Krise nicht vorstellbare) Entwicklungsmöglichkeiten. Funktioniert aber nur ohne Opti-Droge.