Corona bewerten. Mehr Professionalität ins Arbeitsleben!

In denjenigen Betrieben, die das Glück haben, allmählich wieder in eine neue Normalität eintreten zu können, dürften sich in den nächsten Monaten Remote-Hype, Eremitenleben im Homeoffice und Orga-Aktionismus schnell legen. Auch wenn künftig öfters virtuelle Meetings geschaltet werden und der Wunsch, von zu Hause aus zu arbeiten, in der Führung keine Schnappatmung mehr erzeugt: Zwar wird vieles bleiben, aber hauptsächlich integriert werden in die Vor-Corona-Norm. Daran ist nichts schlecht. Die Frage ist jedoch: Lässt sich in dieser Interims-Phase ein professionellerer Arbeitsstil als vorher implementieren? Kann man das für ein paar Wochen gebrochene Muster so nutzen bzw. beeinflussen, dass Post-Corona eine jeweils „für uns“ bessere neue Mischung einfährt? Was genau hieße dann Professionalität?

Professionalität definieren

Dafür ist es Pflicht, sich von der öffentlichen Meinung zu emanzipieren. Was jetzt Not tut, ist kein Managementprinzip, sondern Organisations- und Beziehungspflege.

  • Wer wir sind: Die meisten Betriebe, die unter #C existenziell gelitten haben, werden nicht umhinkommen, sich mit Positionierung und Corporate Identity zu beschäftigen (im Trend-Sprech „Purpose“). Je weniger klar beides vorher war, umso höher muss man jetzt springen. Wenn Entlassungen nicht vermeidbar sind, wenn Strukturen geändert werden müssen usw.: Findet das innerhalb des organisationalen „Frames“ statt? Übersetzt: Ist das für alle Stakeholder glaubwürdig? Mit betriebswirtschaftlichen Präzisionsinstrumenten allein kommt man dann nicht weit – sie sind Prämisse, aber keine Legitimationsstifter. Professionalität heißt hier, die eigene Marktbedeutung in Erinnerung zu rufen, in ihrem Korridor zu handeln und sie, wenn möglich, zu stärken.
  • Technologien: Statt in Old-School-Manier über Optimierung und Synergien zu schwadronieren, bietet sich die seltene Chance, neue Muster von vornherein auf „bessere“ Art einzuführen. Im Fokus: Neue Muster, nicht die Technologien! Dabei können Digitalisierung, KI, 3-D-Drucker oder ein anderes Cloud-System sinnvoll sein, aber auch eine Kooperation. Professionalität bedeutet, das erwünschte Sinnvolle mit allem zu verbinden, was in Sachen Modernisierung, Technologien und Prozessbeschleunigung an Unterstützung heute möglich ist. #C erleichtert die Verschiebung der Perspektive: KI etwa interessiert nur, wenn sie etwas verbessert, über das sich alle ärgern oder das alle nun befürworten. Wertungsrelevante Erfahrungen machen wir im Leben nicht oft; und wenn wir sie machen, sollten wir sie nutzen. Sie sind selten so leicht in den Blick zu bekommen wie jetzt. Über genau diesen Leisten lassen sich mehrere vorgeblich betriebswirtschaftliche Parameter schlagen und an ihm auch beurteilen.
  • Innovation: Aktuell ist häufig die Rede von Unternehmen, die in der Krise angefangen haben, Masken oder Desinfektionsmittel herzustellen, also spontan ihr Portfolio verändert haben. Solche Radikalismen sind einerseits bewundernswert – mutig, entschlossen, gesellschaftsnah und kluge PR –, andererseits riskant. Einige Unternehmen hat die Realität schnell eingeholt als sie merkten, dass Staat und Kommunen zwar vermeintlich sichere Zahler sind, aber erst, wenn die Lieferprüfung abgeschlossen ist (das muss man als Betrieb erst mal erleben können). Neben strategischem Krisengewinnlertum gibt es jedoch viele andere Optionen, aus #C marktrelevante, nachfrageträchtige Neuerungen herauszuentwickeln. Das funktioniert in den seltensten Fällen in Kreativprozessen oder via genialem Einfall, stattdessen und zumeist durch Deutungen der Krise, durch ein beständiges über-sie-Sprechen, sie-verstehen-Wollen, durch die Einholung anderer Meinungen (nicht nur derjenigen der Kunden). Auch: durch einen Blick in die Geschichte. Dass die Spanische Grippe (Erster Weltkrieg) häufig als Bezugsdatum auftaucht, hat nicht nur epidemiologische Gründe: Solche Situationen haben Unternehmen schon häufiger bewältigen müssen, und daraus lässt sich viel lernen und abgucken. Das Gespräch mit anderen Unternehmer*innen ist für solche Dinge extrem hilfreich.

Professionalität heißt nicht, die Vor-Corona-Ziele nun als letzten intelligenten Schrei zu verkaufen und in der Firma endlich das durchzuboxen, wozu vorher Druck und Begründung fehlten. Deutlich beobachtbar: Einige machen das. Die Frage lautet nur, wie lange. Es ist genau diese Art von „Professionalität“, die Wirtschaft und Unternehmen den Vorwurf der Betriebswirtschaftsleere einhandeln. Eine nachhaltigere Ökonomie bekommen wir auf diese Weise nicht, aber das interessiert (trotz grüner Feigenblätter allenthalben) auch nicht jede*n. Das chinesische Prinzip des Tianxia beispielsweise steht für das Prinzip „Überleben ist alles“ („die Existenz ist den Werten vorangestellt“, vgl. Zjao Tingyang). Bei mancher „Learning Journey“ von Unternehmern nach China ist die Bewunderung für dieses Weltbild mit Händen zu greifen – das exakte Gegenteil europäisch verstandener Professionalität (von Mittelstand ganz zu schweigen). Ein möglicher Trend, in jedem Fall inzwischen ein „Schwaches Signal“, das die Unternehmen selbst setzen. Oder aktiv verhindern.