Corona bewerten. Jetzt aber: Sprunginnovationen!

Seit letztem Jahr gibt es in Berlin die Bundesagentur für Sprunginnovationen. Ihr Zweck: Sie soll Forschergeist (aus Universitäten und Instituten, aber auch F&E-Bereichen) mit unternehmerischem Spirit verbinden, auf dass aus deutschen Ideen nicht nur Nobelpreise, sondern auch mal disruptive Innovationen werden. Der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft e. V. berichtete kürzlich in seinem Bildungsmagazin darüber.

Gerahmt durch die frische Corona-Erfahrung ließe sich hoffen, hier würde nun in die Hände gespuckt bzw. die Denkmaschine angeworfen: Die Bundesagentur könnte immerhin ein wichtiges Sprungbrett dafür sein, nach der Erstphase der Krise nicht nur wieder in die Spur zu kommen, sondern auch schnell durchzustarten. Was will Deutschland mit digitalen Technologien anfangen? Welche Chancen wollen wir wie nutzen, etwa bei 3-D-Druck oder Quantencomputern? Und wie könnte eine Bundesagentur Ideen aus Wirtschaft und Wissenschaft so bündeln und unterstützen, dass sie in einen strategisch wirkungsvollen Entwicklungsimpuls bzw. Innovationsschub mündeten, womöglich zum Turbo würden, in einem oder zwei Feldern tatsächlich führend zu werden?

Aber halt – so ist das nicht gemeint! Rafael Leguna de la Vera, von der Bundesregierung als Gründungsdirektor der Bundesagentur eingesetzt, erläutert freimütig (im Magazin) Gesinnung und Auftrag seiner Institution in klassischer Tradition: mittels Deutschland-Bashing. Warum bringt dieses Land keine Disruptionen zustande?

  • Satte Gesellschaft: „Ich bin doch nicht blöd!“ als Lebensmotto der Deutschen. Erfinderisch sein sei zu anstrengend.
  • Von Bauern, Handwerkern und Kleinunternehmern zur Nation angestellter Pendler: So lief das 20. Jahrhundert.
  • Notorischen Glas-halbleer-Sehern fehle Mumm und Zuversicht zum Unternehmertum.

Das Ziel der Bundesagentur ist deshalb:

  1. Den sinnsuchenden Gen Y- und -Z-Leuten klarmachen, „dass sie nur dann langfristig Erfolg haben, wenn aus ihren Ideen Lösungen werden, die sich rechnen und im kapitalistischen Wirtschaftssystem bestehen können“. Dass exakt diese Mentalität die Y-Z-Sinnsucher auf die Straße treibt, dass sie derlei infragestellen und monatelang freitags für andere Prioritäten demonstrierten; dass sie diese Glaubenssätze neu justieren wollen, ist Basis ihrer Vorstellung von Innovationen im 21. Jahrhundert. Da wird das Generationenbild der Bundesagentur wohl noch mal überarbeitet werden müssen.
  2. Unterschiedliche Menschen und Typen zusammenbringen: „nicht nur Techniker, sondern auch Buchhalter, Juristen, Marketing- und Vertriebsleute“. Vielen Menschen schweben da noch ganz andere Erweiterungen vor – zum Beispiel Philosophen und Ethiker, wenn es um KI geht; Ethnologen, wenn es um kulturelle Passungen geht (Autonomes Fahren!); Psychologen, wenn es um Akzeptanz und Ängste geht, etwa bei klugen Digitalisierungsmöglichkeiten in Gesundheit und Altenpflege usw. Einmal mehr feiert sich das ingenieurswissenschaftliche Dogma der deutschen Industrie hier selbst – nun endlich auch in einer „Bundesagentur“. Was für eine Karriere, es geht voran.
  3. Perfektionismus überwinden, Wissenschaftler, Forscher, Tüftler „zu Pragmatismus ermutigen“. Das ist sicher klug im Sinne eines „frühen Scheiterns“ (und damit Lernens) – bei Disruptionen, die hier das Ziel sind, jedoch ein bemerkenswert unterkomplexer Anspruch. Liegen die Zeiten von Technologiefolgeabschätzung schon hinter uns? Ist die Not inzwischen so groß, dass seriöse, gründliche Risikoabwägungen „secondary“ geworden sind?

Es sind solche irritierte Nachfragen, Reflexe, das sich logisch aufdrängende, aber auch emotional-intuitive Zurückschrecken vieler Menschen vor dem sich hier spiegelnden Innovationsleitbild, die die Arbeit an radikalen Innovationen in Europa auch systematisch erschweren. Dass Wirtschaft, Politik, Stiftungen und „Experten“ diese Leier bereits seit Jahren herunterbeten (Deutschland sei zu träge, lethargisch und unkreativ für die globale Ökonomie), hat Corona offenbar nicht gebrochen, im Gegenteil. Die Wortführer der Disruptionsgarde züchten solche Distanznahmen nach Kräften weiter; und es ist die dadurch beständig geschürte Skepsis vor dem Old-School-Weltbild der Ü-50, die dazu beiträgt, sich in dieses Feld unternehmerisch erst gar nicht hineinzubegeben. Denn dazu sind die Menschen hierzulande womöglich nicht zu satt und zu faul, sondern inzwischen normativ zu anspruchsvoll und ökologisch sensibilisiert: Die armselig unterkomplexen „Hauptsache, die Rendite stimmt!“-Parolen aus den 1980er Jahre bestimmen nicht das Innovationsmindset dieses Jahrhunderts; die Sozialforschung lässt grüßen. Wer solche „Bundesagenturen“ und Sprecher hat, braucht kein Silicon Valley oder China mehr: Der hat den mentalen Gegner längst im eigenen Land.

Nach Corona entpuppt sich diese Rede freilich noch offenherziger als das, was sie im Grunde immer schon war: der Versuch, die gute alte Shareholder-Value- mit der vermeintlich hippen Disruptions-Ideologie so zu vermählen, dass sich das alte Wirtschafts- und Wachstumsparadigma noch ein paar Jahrzehnte länger konservieren lässt. – Ob man damit die Gen Y und Z beeindruckt? Vor allem aber: Ob Deutschland in diesem Geist innovativer wird?